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Verteidigung
Hürden und Chancen für Kooperationen in der Rüstung

Südkoreas Rüstungsindustrie könnte Deutschlands Verteidigungsfähigkeit stärken. Doch eine erfolgreiche Kooperation erfordert politischen Willen. Südkoreanische Waffenfertigung in Deutschland könnte ein Anfang sein.

Die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit ist seit der russischen Invasion der Ukraine in 2022 das oberste Ziel der deutschen Sicherheitspolitik. Für die Bundeswehr bedeutet dies die Ausrichtung auf die Landes- und Bündnisverteidigung, den personellen sowie materiellen Aufwuchs, den Erwerb von neuen bisher nicht benötigten Fähigkeiten sowie eine Führungsrolle innerhalb der Europäischen Sicherheitsarchitektur. Ein wichtiger Partner auf diesem Weg kann die Republik Korea sein. Die permanente Bedrohung Seouls durch Nordkorea hat dazu geführt, dass Südkorea über eine der leistungsstärksten Rüstungsindustrien der Welt verfügt, die sogenannte “K-Bangsan”. Diese Industrie kann einen essentiellen Beitrag zur Aufrüstung der deutschen Streitkräfte leisten. Eine Voraussetzung für eine solche Kooperation ist jedoch, dass beide Seiten Zugeständnisse machen. Die “K-Bangsan” muss hierfür Produktionskapazitäten sowie Research & Development-Einrichtungen in Deutschland aufbauen, um Berlin die Furcht vor dem Verlust von Industrie und Know-How zu nehmen. Unter diesen Voraussetzungen sollte die Bundesregierung den deutschen Rüstungsmarkt für koreanische Rüstungsgüter öffnen. Zuerst soll daher die geostrategische Situation Berlins analysiert werden. Im Anschluss werden die Interessen Seouls untersucht. Danach werden bisherige Kooperationsprojekte untersucht, damit Lehren für eine zukünftig erfolgreiche Kooperation gezogen werden können.

Berlins Situation

Deutschland muss bis 2029 kriegstüchtig werden. In diesem Jahr hat Russland laut BND die Fähigkeiten für einen Angriff auf das NATO-Bündnisgebiet aufgebaut. Erschwerend kommt die Ungewissheit über die Position der Vereinigten Staaten von Amerika hinzu. Washington wünscht sich bereits seit der Obama-Administration ein “Burden-Shifting" hin zu mehr europäischer Verantwortung in seiner eigenen Verteidigung. Der US-Botschafter bei der NATO Matthew Whitaker sagte im November 2025, dass er sich auf den Tag freut, “wenn Deutschland die Rolle des Supreme Allied Commanders Europe (SACEUR)” übernimmt. Das bedeutet den Oberbefehl über alle NATO-Streitkräfte in Europa. Mit der Veröffentlichung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA  sowie der Konfrontation zwischen den USA und Europa über Grönland stellt sich jedoch eine neue Frage. Sollte Burden-Shifting noch das Ziel Deutschlands sein oder ist die langfristige strategische Autonomie das bessere Ziel für die Garantie der Nationalen bzw. Europäischen Sicherheit? Die strategische Autonomie eines geeinten Europas ist die beste Option, um die deutsche sowie europäische Sicherheit in zunehmend instabilen Zeiten zu garantieren. Der vom Verteidigungsministerium eingeleitete personelle sowie materielle Aufwuchs der Bundeswehr auf 460.000 Soldaten in der aktiven Truppe sowie Reserve muss daher deutlich über die aktuellen NATO-Fähigkeitsziele hinausgehen. Damit dies gelingt, muss die Bundeswehr zusätzlich neue Fähigkeiten erhalten, wie Missile Defense, Strategic Enablers oder im Bereich Intelligence, Surveillance, and Reconaissance (ISR). Nur diese Schritte versetzen die deutschen Streitkräfte in die Lage, ihrer neuen Verantwortung nachzukommen.

Seouls Interessen

Die südkoreanische Rüstungsindustrie hat beträchtliche Überkapazitäten. Grund dafür ist die seit Jahrzehnten angespannte Sicherheitslage: Die zahlreichen Atom- sowie Raketentests der Demokratischen Volksrepublik Korea sowie deren immer stärkere Kooperation mit Russland lassen das Sicherheitsgefühl in Korea immer weiter erodieren. Das Land ist offiziell noch im Kriegszustand. 1953 wurde lediglich ein Waffenstillstand geschlossen, und die geostrategische Situation auf der koreanischen Halbinsel bleibt seitdem volatil. Das hochgerüstete Land will seine starke Rüstungsindustrie nutzen und neue Exportmärkte erschließen. Zusätzlich hat sich Südkorea in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker an die NATO angenähert. Viele südkoreanische Rüstungsgüter erfüllen mittlerweile NATO-Standards und sind damit für die Mitglieder der Allianz attraktiv geworden. Die Rüstungsexporte von Seoul wachsen seit 2016 stark. Gemessen an der Anzahl der Aufträge war Südkorea in 2023 hinter den USA mit 2.972 Aufträgen bereits die Nummer zwei weltweit. Die Anzahl der Aufträge soll sich nun zunehmend in der Steigerung des Exportvolumens widerspiegeln. Seoul hat das ehrgeizige Ziel bis 2027 gemessen in Mrd. US$ viertgrößter Waffenexporteur der Welt zu werden.  Das Wachstum der koreanischen Rüstungsindustrie wird eindrucksvoll durch den Rekordvertrag in Höhe von US$ 12,4 Milliarden mit Polen unterstrichen. Seoul liefert 980 K2-Kampfpanzer, 648 K9 Haubitzen, 48 FA-50 Kampfjets und Chunmoo-Mehrfachraketenwerfer an Warschau. Aber auch andere europäische NATO-Mitgliedsstaaten wie Estland, Norwegen oder Rumänien kaufen koreanische Militärtechnik. Besonders Länder, die eigene Waffensysteme an die angegriffene Ukraine geliefert haben, ordern bevorzugt in Korea, da die koreanische Rüstungsindustrie im Unterschied zur europäischen oder US-amerikanischen Industrie schnell und umfänglich liefern kann. Deutschland kann viel von Korea im Bereich Industrial Robotics lernen. Das sieht man beispielsweise im Schiffbau, wo das Land für 30 Prozent des globalen Outputs verantwortlich ist und damit weltweit auf Platz zwei liegt. Der Think Tank Center for Strategic and International Studies identifizierte hierfür insbesondere die Transformation des koreanischen Schiffsbau vom arbeitsintensiven zum technologie-getriebenen Gewerbe als einen der Gründe für diese Position. Aus diesem Grund strebt auch die  US-Navy eine Ausweitung ihrer Kooperation in der Wartung und Reparatur ihrer Schiffe mit Korea an. Die Produktivität der K-Bangsan ist jedoch nicht auf den Schiffbau limitiert. Im Gegensatz zu Deutschland werden Panzer in Korea in industriellen Verfahren und nicht in Manufakturarbeit produziert. Deutschland produziert zurzeit 50 Kampfpanzer im Jahr - Korea produziert mit 100 das Doppelte.

Schlechte Kooperationserfahrungen und Rüstungsrivalität

Die deutsch-koreanische Rüstungskooperation wird durch zwei Faktoren negativ beeinflusst. Das sind zum einen schlechte vergangene Kooperationserfahrungen auf deutscher Seite. Zum anderen ist es die zunehmende Rüstungsrivalität zwischen der deutschen sowie der koreanischen Industrie, seitdem Korea ambitioniert in den europäischen Rüstungsmarkt eingestiegen ist. In vertraulichen Gesprächen verweisen Experten aus Wirtschaft und Politik auf schlechte Erfahrungen bei der Kooperation beim U-Boot-Bau oder beim Marschflugkörper Taurus. Der ursprüngliche Aufbau der koreanischen U-Boot-Flotte basierte auf deutschen Plänen und es wurden koreanische Ingenieure in Deutschland ausgebildet. Heute konkurrieren die beiden Länder im konventionellen U-Boot-Bau um Ausschreibungen, wie beispielsweise im Fall Kanadas. Von 2013-2018 wurden 270 Taurus KEPD 350K von Korea bestellt. 2019 hat Seoul die Cheonryong vorgestellt - eine national entwickelte und produzierte Alternative zum Taurus. Besonders die äußerliche Übereinstimmung sowie die ähnlichen Fähigkeiten der Waffensysteme lassen deutsche Experten davon sprechen, dass Know-How des Taurus zur Entwicklung des einheimischen Produkts verwendet wurde. Das lässt den Vorwurf entstehen, dass Seoul zunächst Waffensysteme im Ausland einkauft, um sie zu studieren und dann ein Konkurrenzprodukt für den Export zu entwickeln. Die zunehmende Rüstungsrivalität ist eine wachsende Hemmschwelle, insbesondere auf dem europäischen Markt. In Europa gibt es zwar viele nationale Anbieter, aber kein nationales Rüstungsunternehmen hat diese Sonderstellung auf dem europäischen Markt. Dadurch ist es für neue Akteure wie Südkorea einfacher, Marktanteile zu gewinnen. Der deutsche Leopard und der koreanische K2 Black Panther konkurrierten beispielsweise in Schweden und Norwegen gegeneinander - jeweils mit dem Leopard als Sieger. Eine vergleichbare Konkurrenzsituation besteht auch im Wettstreit zwischen der Panzerhaubitze 2000 und dem koreanischen Pendant K9, dem U-Boot-Bau oder zwischen den Schützenpanzern Lynx und Redback.

Schritte für eine deutsch-koreanische Kooperation

  • Der Start regelmäßiger gemeinsamer Regierungskonsultationen könnte die diplomatischen Beziehungen enorm aufwerten. Nach den ersten Deutsch-Japanischen Regierungskonsultationen in 2023 würde eine deutsch-koreanisches Äquivalent  die deutsche Präsenz im Indopazifik erweitern. Ein  Austausch auf diesem Level könnte auch zu mehr politischen Willen für Kooperationsprojekte im Verteidigungssektor führen.
  • Der Aufbau von Produktionskapazitäten sowie Research & Development-Einrichtungen in Deutschland würde den Markteinstieg von koreanischen Unternehmen in den deutschen sowie europäischen Rüstungsmarkt beschleunigen. Solche Investitionen würden auch den deutschen Befürchtungen entgegenwirken,  Produktionskapazitäten und Know-How zu verlieren. Das südkoreanische Rüstungsunternehmen Hanwha Aerospace hat im Mai 2025 die Absicht zum Aufbau einer Fabrik in Deutschland verkündet. Dort sollen zunächst präzisionsgelenkte Raketen sowie Munition produziert werden. Das ist aus Sicht von Hanwha jedoch nur das Sprungbrett, damit das Produktportfolio sukzessive auf andere Bereiche wie Raum- und Seefahrt ausgeweitet werden soll. Es ist zu hoffen, dass weitere Investitionen folgen.
  • Seit der Aufnahme der Beziehungen zwischen der NATO und der Republik Korea in 2005 haben sich die Beziehungen vertieft und zu einem überparteilichen Konsens in der koreanischen Innenpolitik entwickelt. Deutschland sollte die koreanische Annäherung weiter unterstützen. Ein wichtiger Schritt war beispielsweise, dass Deutschland Südkorea als NATO-äquivalenter Staat anerkannt hat. Dadurch entfallen bürokratische sowie zeitintensive Prüfprozesse durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle - eine gute Basis für weitere Kooperationen.

Tim Neubauer absolviert ein Praktikum im FNF Büro Seoul und hat seinen Schwerpunkt in der Außen- und Sicherheitspolitik. Zuvor hospitierte er in den Stiftungsbüros Washington und Brüssel. Er hat einen Master in Politikwissenschaft und einen Master in Geschichte der Universität Mannheim.