Interview
Was Moskau aus dem Krieg mit dem Iran lernt
Arkady Mil-Man ist Senior Researcher und Leiter der Russland-Forschungsabteilung am Institute for National Security Studies (INSS). Als ehemaliger israelischer Botschafter in Russland und Aserbaidschan beschäftigt er sich seit Jahrzehnten aus diplomatischer wie analytischer Perspektive mit Russland, der Sowjetunion und dem postsowjetischen Raum.
In diesem Interview analysiert Mil-Man, wie Moskau den Krieg mit dem Iran vermutlich interpretiert und welche Folgen diese Schlussfolgerungen für die Ukraine, Europa und die westliche Abschreckung haben könnten. Seine Antworten weisen auf eine zentrale Sorge europäischer Entscheidungsträger hin: Russland könnte gegenüber direkter Eskalation vorsichtiger werden, zugleich aber beharrlicher indirekten und multidimensionalen Druck unterhalb der Schwelle offener Konfrontation ausüben.
Q. Während Moskau den Krieg mit dem Iran beobachtet: Welche Lehren zieht Russland Ihrer Einschätzung nach in Bezug auf Abschreckung, Eskalation und die Grenzen westlicher Reaktionen?
Erstens wird Abschreckung nicht länger ausschließlich als Frage militärischer Fähigkeiten verstanden. Der Krieg mit dem Iran hat in Moskau die Auffassung verstärkt, dass ihre Wirksamkeit nicht nur vom Besitz militärischer Macht - einschließlich nuklearer Waffen - abhängt, sondern ebenso von der wahrgenommenen Bereitschaft, diese einzusetzen. Aus Sicht des Kremls haben die Vereinigten Staaten ein höheres Maß an Eskalationsbereitschaft gezeigt als bislang angenommen; selbst in Situationen, die ihre zentralen Sicherheitsinteressen nicht unmittelbar betreffen. Damit werden frühere Annahmen infrage gestellt, wonach das Verhalten der USA strikt einer Logik des Risikomanagements folgen würde.
Zweitens wird die Rolle von Eskalation neu interpretiert. Während sie früher vor allem als Druckmittel zur Verbesserung von Verhandlungspositionen galt, wird sie nun zunehmend als Instrument zur Herbeiführung konkreter Ergebnisse verstanden. Die Abfolge „Druck – Verhandlung – erneute Eskalation“ verweist auf eine zyklische Logik, in der Gewalt nicht länger Ergänzung der Diplomatie ist, sondern deren Fortsetzung. Für Moskau verschwimmt dadurch die Grenze zwischen politischem Prozess und militärischem Handeln.
Drittens bewertet Russland seine Einschätzung der Grenzen westlicher Reaktionen neu. Einerseits scheinen die Vereinigten Staaten eher bereit zu sein, proaktiv zu handeln, höhere Kosten in Kauf zu nehmen und mit weniger institutionellen Einschränkungen zu operieren. Andererseits verdeutlicht der Konflikt weiterhin die bestehende Lücke zwischen militärischer Überlegenheit und der Fähigkeit, diese in dauerhafte politische Ergebnisse umzusetzen. Die Schlussfolgerung in Moskau ist daher doppeldeutig: Der Westen erscheint zugleich weniger zurückhaltend und weniger berechenbar als bislang angenommen, während seine Fähigkeit, entscheidende Ergebnisse durchzusetzen, strukturell begrenzt bleibt.
Insgesamt deuten diese Schlussfolgerungen auf ein instabileres Abschreckungsumfeld hin, in dem nicht nur Fähigkeiten, sondern auch Wahrnehmungen von Absichten und die Dynamik von Eskalation eine zentrale Rolle spielen.
Q. Wie könnte die russische Interpretation dieses Krieges Ihrer Ansicht nach das zukünftige Vorgehen Moskaus in der Ukraine oder seinen breiteren Ansatz gegenüber Europa beeinflussen?
Russlands Interpretation des Krieges dürfte seine Strategie gegenüber der Ukraine und Europa in eine Richtung lenken, die zugleich vorsichtiger und strukturell konfrontativer ist.
Im Kern lautet die Lehre für Moskau: Dauerhafte Vereinbarungen sind nicht verlässlich. Diplomatie wird zunehmend nicht mehr als Weg zu einer politischen Lösung betrachtet, sondern als taktisches Instrument innerhalb eines längerfristigen Druckzyklus. Jede Vereinbarung gilt lediglich als vorläufig. Das wird Russland in zukünftigen Verhandlungen über die Ukraine skeptischer machen, weil man davon ausgeht, dass Zugeständnisse weitere Forderungen nach sich ziehen, anstatt zu einem Abschluss zu führen.
Der iranische Fall dient zudem als Vorlage für die Interpretation westlichen Verhaltens. Der Fokus liegt nicht mehr auf regionalen Machtverhältnissen, sondern auf Mustern: einer Bereitschaft zur Eskalation, dem gezielten Einsatz von Ambiguität und der zunehmenden Auflösung der Grenze zwischen Zwangsausübung und Krieg. Diese Muster werden nun sowohl auf die Ukraine als auch auf Europa übertragen, wodurch Moskau von einem breiteren westlichen Handlungsspielraum und einer höheren Risikobereitschaft ausgeht als zuvor.
Operativ verstärkt dies eine Strategie kalibrierten Drucks. Russland wird angesichts der Risiken wahrscheinlich keine direkte Eskalation anstreben, sondern indirekten Druck ausweiten - durch die Verlängerung militärischer Operationen, den Einsatz hybrider Mittel und Druckausübung in mehreren Bereichen gleichzeitig, ohne kritische Eskalationsschwellen zu überschreiten.
Für Europa sind die Folgen erheblich. Moskau betrachtet den Kontinent zunehmend nicht mehr als einheitliche Front, die direkt konfrontiert werden muss, sondern als Raum, der langfristig bearbeitet werden kann - durch das Testen von Zusammenhalt, das Ausloten gesellschaftlicher Widerstandsfähigkeit und die Ausnutzung politischer, wirtschaftlicher und institutioneller Verwundbarkeiten. Das Ergebnis ist keine Hinwendung zu einer entscheidenden Konfrontation, sondern zu anhaltendem multidimensionalem Druck, der auf schrittweise Erosion statt auf unmittelbare Überwältigung abzielt.
Q. Bestärkt dieser Konflikt Russlands Präferenz für indirekte Konfrontation durch Stellvertreterakteure und regionale Destabilisierung, oder könnte er auch beeinflussen, wie Moskau über direkten militärischen Druck und strategisches Risiko denkt?
Der Konflikt verstärkt Russlands Präferenz für indirekten Druck statt direkter Konfrontation. Gleichzeitig zwingt er Moskau dazu, Risiken differenzierter und vorsichtiger zu bewerten.
Einerseits bestätigt der Krieg die Wirksamkeit indirekter Methoden. Hybride Instrumente, Stellvertreterakteure und regionale Destabilisierung ermöglichen es Russland, Druck auszuüben, ohne in eine direkte Eskalation mit einem stärkeren Gegner einzutreten. In diesem Sinne bestätigt der iranische Fall eine bestehende Lehre: Unter solchen Bedingungen birgt direkte Konfrontation prohibitiv hohe Risiken.
Andererseits verändert sich gerade die Wahrnehmung von Risiko selbst. Das Verhalten der Vereinigten Staaten - entschlossener und weniger berechenbar - schafft ein höheres Maß an Unsicherheit. Dies dürfte jedoch kaum zu einer spiegelbildlichen Reaktion Russlands führen. Vielmehr spricht vieles für das Gegenteil: Russland wird wahrscheinlich vorsichtiger und präziser agieren, mit Fokus auf klare Signale, kontrollierte Unsicherheit und die Vermeidung einer Eskalation über kritische Schwellen hinaus.
Die entscheidende Veränderung liegt daher nicht in einer Hinwendung zu direktem Druck, sondern in der Erosion klarer Eskalationsgrenzen. Das Umfeld wird fluider und weniger berechenbar. Letztlich dürfte Russland innerhalb eines Rahmens indirekten Drucks bleiben, diesen jedoch präziser einsetzen - mit dem Ziel, Druck auszuüben, ohne Dynamiken auszulösen, die außer Kontrolle geraten könnten.
Q. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Schlussfolgerung für europäische Entscheidungsträger aus der Art und Weise, wie Russland diesen Krieg interpretiert?
Die zentrale Schlussfolgerung für europäische Entscheidungsträger lautet: Russland passt sich an ein Bild der Vereinigten Staaten an, welches diese als weniger berechenbar, eskalationsbereiter und weniger an Regeln gebunden wahrnimmt. Dadurch wird Europas Sicherheitsumfeld instabiler.
Aus Moskauer Sicht zeigt der Krieg, dass die Vereinigten Staaten eher bereit sind, militärische Gewalt einzusetzen und weniger durch Bündnisse oder institutionelle Grenzen eingeschränkt werden, als viele angenommen hatten. Das wiederum schwächt das Vertrauen in langfristige Vereinbarungen und verstärkt die Wahrnehmung, dass westlicher Druck nicht episodisch, sondern dauerhaft ist. Infolgedessen betrachtet Russland Stabilität zunehmend als vorübergehend und Konfrontation als Normalzustand.
Für Europa bedeutet dies ein unsichereres Umfeld. Wenn Russland davon ausgeht, dass Eskalationsschwellen unklar und flexibel sind, wird es wahrscheinlich näher an diesen Schwellen operieren - testen, ausloten, ohne die Grenze offen zu überschreiten. Das Risiko besteht natürlich darin, dass ein solches Verhalten die Wahrscheinlichkeit von Fehlkalkulationen oder unbeabsichtigter Eskalation erhöht.
Gleichzeitig sollte Europa nicht mit einer Reihe isolierter Krisen rechnen, sondern mit anhaltendem, vielschichtigem Druck. Russlands Ansatz dürfte auf schrittweise Erosion in politischen, wirtschaftlichen, informationellen und militärischen Bereichen gleichzeitig abzielen. Darauf zu reagieren erfordert mehr als Krisenmanagement; notwendig sind Widerstandsfähigkeit und die Fähigkeit, langfristig strategisch zu konkurrieren.
Schließlich verliert auch Diplomatie zunehmend an Verlässlichkeit als stabilisierendes Instrument. Wenn Moskau Verhandlungen lediglich als temporär und instrumentell betrachtet, reichen Vereinbarungen allein nicht mehr aus. Europa benötigt stattdessen eine Kombination aus Abschreckung, Resilienz und strategischer Klarheit - also die Fähigkeit, russische Erwartungen aktiv zu beeinflussen, statt nur auf sie zu reagieren.
Mit anderen Worten: Europa muss sich auf ein Sicherheitsumfeld vorbereiten, in dem Regeln weniger eindeutig, Abschreckung instabiler und Druck dauerhaft präsent sind.
Mil-Mans Einschätzung verdeutlicht die schwierige politische Herausforderung für Europa. Wenn Moskau Vereinbarungen zunehmend als vorläufig betrachtet, Eskalationsschwellen als flexibel wahrnimmt und Druck auf den Westen als langfristige Strategie versteht, kann europäische Sicherheitspolitik sich nicht allein auf Krisenmanagement verlassen.
Für deutsche und europäische Entscheidungsträger ist die Schlussfolgerung eindeutig: Abschreckung, Resilienz, institutionelle Stärke und strategische Klarheit müssen als notwendige Voraussetzungen zum Schutz unserer offenen Gesellschaften und der regelbasierten Ordnung verstanden werden.
Arkady Mil-Man ist leitender Wissenschaftler und Leiter des Forschungsbereichs Russland am Institut für Nationale Sicherheitsstudien. Er war israelischer Botschafter in Russland (2003–2006) und israelischer Botschafter in Aserbaidschan (1997–2000). Er begann seine Karriere im israelischen Außenministerium als leitender Wissenschaftler für die Sowjetunion am Zentrum für politische Forschung. Später leitete er die Abteilung des Zentrums, die für die Forschung zu Russland und dem Fernen Osten zuständig war. Mil-Man war zudem stellvertretender Leiter der Gruppe israelischer Diplomaten in Moskau (1989–1990), bevor die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion wieder aufgenommen wurden. Er gründete die israelische Botschaft in Kasachstan (1992) und wurde der erste israelische Geschäftsträger in diesem Land. Später arbeitete er als Berater und außerordentlicher und bevollmächtigter Minister in der israelischen Botschaft in Russland und bekleidete verschiedene Positionen in der Zentrale des israelischen Außenministeriums, wo er für die postsowjetischen Länder zuständig war. Nach seiner diplomatischen Laufbahn war Mil-Man unter anderem im israelischen Hightech-Sektor tätig und leitete gemeinsam mit seinen Partnern einen Risikokapitalfonds, der in israelische Start-ups investierte. Mil-Man studierte an der Universität Tel Aviv und der Hebräischen Universität (Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen und Geschichte).