Indien
Strategische Neutralität
Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu and Indian Prime Minister Narendra Modi after a farewell ceremony in Modi's honor at Ben-Gurion International Airport, July 4, 2017.
© Haim Zach, Office of the President of Israel, Government Press OfficeIndien hat die israelisch-amerikanischen Luftangriffe auf den Iran nicht offiziell kritisiert und verurteilte dagegen die iranischen Vergeltungsangriffe auf die arabischen Nachbarstaaten. Andererseits hat Indien dem Iran offiziell zum Tod des Obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei kondoliert. Indiens Premierminister Narendra Modi telefonierte mit den Staats- und Regierungschefs Israels, der Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabiens, Jordaniens, Bahrains und Kuwaits. Die indische Reaktion auf den Konflikt ist im Wesentlichen von zwei Faktoren geprägt. Erstens leben und arbeiten etwas zehn Millionen indische Staatsbürger in der Golfregion. Die Sorge um ihre Sicherheit steht im Mittelpunkt der indischen Politik. Zweitens ist Indiens Energieabhängigkeit von den Golfstaaten hoch. Die Region liefert knapp 50 Prozent der indischen Rohölimporte. Etwa 40 Prozent dieser Lieferungen passieren die Straße von Hormus.
Traditionell pflegt Indien gute Beziehungen zu allen Ländern in der Region. Das entspricht dem Prinzip der indischen Außenpolitik, die grundsätzlich auf strategische Unabhängigkeit und Neutralität abzielt. Vor diesem Hintergrund wurde ein Besuch von Premierminister Modi in Israel unmittelbar vor dem Ausbruch des Kriegs von einigen Beobachtern als „folgenschwerer, strategischer Kurswechsel“ bewertet. Anderseits fand zeitgleich mit Modis Besuch in Israel eine multinationale Übung der indischen Marine statt, an der auch Schiffe des Iran teilnahmen. Auf dem Rückweg von dieser Übung wurde Irans Kriegsschiff „IRIS Dena“ von einem amerikanischen U-Boot vor Sri-Lanka versenkt. Die „IRINS Bushehr“ und die „IRINS Lavan“ legten mit Zustimmung der indischen Regierung in indischen Häfen an – offiziell aufgrund technischer Probleme.
Die Medien und große Teile der Zivilgesellschaft unterstützen die Haltung der Regierung in Bezug auf den Krieg. Kritik kam von der Indischen Nationalkongresspartei (INC), der wichtigsten Oppositionskraft im Parlament. Sie bemängelte den Zeitpunkt von Modis Israel-Besuch sowie das Ausbleiben einer Reaktion der Regierung auf die Versenkung eines iranischen Kriegsschiffes in internationalen Gewässern vor Sri Lanka.
Höhere Preise, weniger Remittances
Indien ist abhängig von Energieimporten. Bei Rohöl beträgt der Importanteil 95%, bei Flüssiggas 60%. Eine anhaltende Störung der Importe vom Golf würde die indische Wirtschaft massiv treffen. Außer höheren Preisen für Energie dürften ein Anstieg der Inflation sowie eine Abwertung der Rupie folgen. Mittelfristig könnte Energieknappheit die Industrieproduktion bremsen und die Wettbewerbsfähigkeit indischer Unternehmen schwächen.
Der Krieg im Nahen Osten gefährdet auch die Remittances – die Überweisungen von Diaspora-Indern in ihr Heimatland. 2025 überwiesen indische Arbeitskräfte aus der Region mehr als 50 Milliarden US-Dollar nach Indien. Das sind fast 38 Prozent aller Rücküberweisungen.
Etwa 39 Prozent des internationalen Flugverkehrs Indiens verläuft normalerweise über die Golfregion. Das entspricht ca. 15 Millionen Passagieren im Jahr. Durch den Krieg fallen aktuell die meisten Flüge über die Drehkreuze Dubai, Abu Dhabi und Doha aus. Privatpersonen und Geschäftsleute aus Indien müssen Umwege und Mehrkosten in Kauf nehmen. Viele ausländische Gäste sagen wegen unsicheren Flugverbindungen ihre Besuche in Indien ab.
*Stefan Schott leitet das Indien-Büro Indien-Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Neu-Delhi, Bipin Ghimire ist dort politischer Analyst.