Hamburger Handelskonferenz 2026
Freihandel unter Druck: Europa und Indien als Partner für Wachstum
In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen gerät die globale Wirtschaftsordnung zunehmend unter Druck. Neue Zölle, strategische Abhängigkeiten und eine stärkere Politisierung wirtschaftlicher Beziehungen stellen offene Märkte infrage. Für ein exportorientiertes Land wie Deutschland steht damit viel auf dem Spiel. Umso wichtiger wird die Frage: Mit welchen Partnern kann Freihandel künftig gesichert werden?
Diese Frage stand im Mittelpunkt der zum dritten Mal stattfindenden Hamburg Trade Conference, zu der die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gemeinsam mit dem OAV nach Hamburg eingeladen hatte. Im Fokus: die wachsende Bedeutung Indiens als wirtschaftlicher und geopolitischer Partner Europas.
In seiner Begrüßung ordnete Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Kuratoriumsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die Konferenz in den aktuellen Wandel der Weltwirtschaft ein: Die globale Ordnung verschiebe sich von einem regelbasierten Multilateralismus hin zu einer stärker geopolitisch geprägten, multipolaren Welt. Gerade vor diesem Hintergrund gewinne die Partnerschaft mit Indien für Europa an strategischer Bedeutung. Im Anschluss hielt die indische Generalkonsulin in Hamburg Soumya Gupta die Keynote der Konferenz. Sie betonte die wirtschaftliche Dynamik Indiens und machte deutlich, dass eine engere Zusammenarbeit mit Europa erhebliche Potenziale für Wachstum und Innovation bietet – sowohl für Indien als auch für Deutschland und die EU.
Indien im Aufstieg: Europas Partner in einer neuen Weltordnung
Zu Beginn der Konferenz stand die geopolitische Rolle Indiens im Zentrum. Hierzu stellte Stefan Schott, Projektleiter Indien der FNF, die Ergebnisse der Studie "Geopolitik, Sicherheit, Wirtschaft: Wie tickt die neue Supermacht Indien?" vor. Im ersten Panel – unter anderem mit dem indischen Parlamentarier Sujeet Kumar und Erik Kurzweil von der Europäischen Kommission – wurde deutlich, dass das Land zunehmend an wirtschaftlichem und politischem Gewicht gewinnt. Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen, ob Indien tatsächlich zu einem zentralen Partner Europas werden kann. Insbesondere in diesem Punkt war man sich einig: Eine engere Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer. Vertrauen muss über Jahre aufgebaut werden – kann aber in kurzer Zeit wieder verloren gehen. Als Beispiel wurde die Handelspolitik der USA unter Präsident Trump genannt, durch die bestehende Partnerschaften und gewachsenes Vertrauen in kurzer Zeit beschädigt wurden. Gerade in einer Welt zunehmender Rivalitäten bietet die Partnerschaft mit Indien jedoch die Chance, wirtschaftliche Interessen mit gemeinsamen Prinzipien wie Offenheit und Marktwirtschaft zu verbinden.
Technologie als Brücke: Zusammenarbeit im Bereich Künstliche Intelligenz
Im weiteren Verlauf rückten die technologischen Kooperationsmöglichkeiten stärker in den Fokus. Vertreter aus Wirtschaft und Praxis, darunter Shivani Chaturvedi, Co-Founder des Unternehmens S2Sdynamics, betonten die großen Potenziale einer engeren Zusammenarbeit im Bereich Künstliche Intelligenz. Deutlich wurde dabei auch ein Unterschied in der Herangehensweise: Indische Unternehmen nutzen KI bereits deutlich offensiver und zeigen mehr Mut, neue Technologien frühzeitig zu erproben. Dieser experimentellere Ansatz kann ein wichtiger Treiber für Innovation sein – gerade im Zusammenspiel mit der industriellen Stärke Europas. Zugleich wurde deutlich, dass sich beide Seiten sinnvoll ergänzen können – etwa durch die Verbindung von technologischer Dynamik, industrieller Anwendung und einem wachsenden Talentpool. Kooperation im Technologiebereich wird damit zu einem zentralen Baustein wirtschaftlicher Partnerschaft.
Freihandelsabkommen als echter „Game Changer“
Zum Abschluss stand das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien im Mittelpunkt. Im Panel – moderiert von Dr. Hans-Dieter Holtzmann, unter anderem mit Klemens Kober von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und Anne Krieckhaus von der Deutsch-Indischen Handelskammer – wurde das Abkommen als echter „Game Changer“ für die wirtschaftlichen Beziehungen bewertet. Auch die Geschwindigkeit der Verhandlungen und der weiteren Ausarbeitungen wurde als bemerkenswert hervorgehoben. Zugleich wurde deutlich, dass das Abkommen bereits heute konkrete Auswirkungen entfaltet: Deutsche Unternehmen sind gut beraten, sich frühzeitig auf neue Marktbedingungen einzustellen und ihre „Hausaufgaben“ zu machen. Die Erwartungen sind entsprechend hoch – so wurde in der Diskussion die Einschätzung geäußert, dass sich das Handelsvolumen zwischen der EU und Indien innerhalb von fünf Jahren verdoppeln könnte.
Fazit: Offene Märkte stärken, neue Handelsabkommen vorantreiben
Die Konferenz machte deutlich: Freihandel ist kein Selbstläufer mehr. In einer Welt wachsender Handelskonflikte und geopolitischer Spannungen muss er politisch aktiv gestaltet und verteidigt werden. Entscheidend wird sein, Vertrauen im Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Indien aufzubauen und langfristig zu festigen. Gerade darin liegt die zentrale Voraussetzung für eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Aus liberaler Sicht ist dabei klar: Das geplante Freihandelsabkommen darf kein Einzelfall bleiben. Offene Märkte und internationale Kooperation sind zentrale Voraussetzungen für Wohlstand. Deshalb kommt es darauf an, auch mit anderen Partnern weltweit weitere Handelsabkommen voranzutreiben und die regelbasierte Handelsordnung zu stärken.
Eindrücke von der Hamburger Handelskonferenz 2026: