Energiepolitik
Resilienz braucht Optionen
LNG-Tankschiff
© picture alliance / Jochen Tack | Jochen TackDer Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben für Deutschlands Energieversorgung massive Konsequenzen. Das ist nicht nur an jeder Zapfsäule zu spüren. Es ist höchste Zeit, dass Deutschland sich deshalb mit krisenfester Versorgungssicherheit neu auseinandersetzt, um seine eigene Verwundbarkeit zu reduzieren.
Über Jahrzehnte war Russland ein zuverlässiger Lieferant für Öl und Erdgas. Selbst in den dunkelsten Stunden des Kalten Krieges hat die Sowjetunion ihre Lieferungen nach Deutschland und Westeuropa aufrechterhalten. Der russische Präsident Putin hat allerdings mit dieser Politik gebrochen und Deutschland versucht, mit seiner Energieabhängigkeit von Russland zu erpressen. Ein unbestreitbarer Verdienst der letzten Bundesregierung bleibt, eine Energiekrise in Deutschland verhindert zu haben, nachdem Russland die Erdgaslieferung im Jahr 2022 eingestellt hatte.
Es war und ist richtig und wichtig, dass Deutschland in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen hat, um sich von russischem Erdgas unabhängig zu machen. Doch das Problem der Energieabhängigkeit ist dadurch nicht gelöst worden. Es droht eher, dass alte Abhängigkeiten durch neue ersetzt werden.
Nach Einschätzung von Energieexperten wird Europa künftig noch stärker auf Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, dem Nahen Osten und anderen Weltregionen setzen. Dabei zeigen die jüngsten Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormus, wie schnell geopolitische Krisen Lieferketten und Preise beeinflussen können.
Genau deshalb lohnt sich ein neuer Blick auf ein Thema, das viele längst zu den Akten gelegt haben: heimisches Schiefergas.
Eine neue Studie des Geowissenschaftlers Hans-Joachim Kümpel im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zeigt, dass Deutschland über erhebliche Schiefer- und Flözgasvorkommen verfügt. Ihr jährliches Potenzial entspricht rund einem Viertel des deutschen Gasbedarfs. Das ist keine Nebensache, sondern eine energiepolitisch relevante Größenordnung.
Bemerkenswert ist zudem ein weiterer Befund der Studie. Heimisches Schiefergas könnte nicht nur die Versorgungssicherheit stärken, sondern auch Emissionen reduzieren. Würde ein Teil der LNG-Importe aus Übersee ersetzt, könnten laut Studie jährlich rund 18 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden. Ein wesentlicher Grund: Emissionen aus Verflüssigung, Transport und Regasifizierung würden entfallen.
Die Debatte um das Thema wird häufig als Gegensatz zwischen Versorgungssicherheit und Klimaschutz geführt. Die Studie legt nahe, dass die Realität viel differenzierter ist.
Wir sollten bereit sein, die richtigen Fragen zu stellen. Deutschland bleibt auf absehbare Zeit auf Erdgas angewiesen, insbesondere in Industrie und Chemie und als Back-Up für die Erneuerbaren Energien. Warum verzichten wir kategorisch auf erhebliche Potenziale im eigenen Land, während unsere Importabhängigkeit weiter steigt?
Offene Märkte und internationale Handelsbeziehungen bleiben ein zentraler Bestandteil einer sicheren Energieversorgung. Die Frage ist vielmehr, ob Deutschland zusätzliche Optionen nutzen sollte, um seine Verwundbarkeit zu verringern.
Liberale Politik zeichnet sich dadurch aus, Realitäten zu erkennen und Optionen zu entwickeln, auch wenn es unbequem ist. Wer Resilienz stärken will, sollte sich nicht selbst schwächen. Tabus wie die heimische Erdgasförderung gehören deshalb auf den Prüfstand.