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10-Punkte-Guide für Bildung nach dem Shutdown

Seit mehr als einem Monat sind die Schulen in Deutschland geschlossen. Viele Lehrkräfte legen ein überragendes Engagement an den Tag, damit die Bildungswege ihrer Schülerinnen und Schüler nicht vor einer Vollsperrung stehen. Trotzdem mangelt es immer noch an einer klaren und auf Nachhaltigkeit angelegten Perspektive, wie Schulbildung in den Zeiten des Coronavirus aussehen soll. Eltern, Schüler und Lehrer, aber auch die Arbeitgeber, brauchen Antworten, wie es weitergehen soll. Hierbei geht es nicht um kurzfristiges Feuerlöschen, sondern um belastbare Konzepte, die auch in der Zeit nach der Krise tragfähig sind.

Dies ist ein Auszug aus unserer Publikation, diese können Sie in unserem Shop downloaden.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung und Entwicklung. Schon jetzt haben die Schulschließungen zum massiven Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen geführt. Die soziale Ungleichheit im Bildungsbereich wird weiter verstärkt. Auch aus anderen Gründen sehen sich viele Schülerinnen und Schüler, ebenso wie ihre Lehrer, danach, zurück in die Schule zu dürfen. Schule ist mehr als ein Ort, an dem fachliche Bildungsinhalte vermitteln werden. Das System Schule ist auch ein sozialer Raum, den die Kinder und Jugendlichen für ihre Persönlichkeitsbildung und für ihre Emanzipation brauchen. Die Schulpflicht gilt weiter – und das ist auch gut so.

Die Familien können nicht länger die Funktion einer Ersatzschule übernehmen. Viele Eltern im Home-Office kommen jeden Tag an die Grenze des Leistbaren. Die Situation wird noch schwieriger, wenn der dringend notwendige Restart der Wirtschaft gelingt und viele Bürgerinnen und Bürger zumindest zeitweise an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

In der akuten Krisensituation mag der Schul-Shutdown vertretbar gewesen sein. Jetzt müssen smarte Ideen umgesetzt werden, um allen Schülerinnen und Schüler ein strukturiertes und qualifiziertes Bildungsangebot zukommen zu lassen. Schule wird auf absehbare Zeit anders sein. Überfüllte Klassenräume und Schulhöfe kann es nicht mehr geben.

Die Wiedereröffnung der Schulen macht es nötig, den digitalen Unterricht umfassend auf- und auszubauen. Denn der berechtigten Sorge um die Gesundheitsrisiken von Schulöffnungen kann nur begegnet werden, wenn die Schulen die empfohlenen Hygiene- und Abstandsregeln umsetzen können. Dies kann nur gelingen, wenn die Zahl der anwesenden Schülerinnen und Schüler gesenkt wird. Das Konzept muss auch die Risikogruppen in der Schüler- und Lehrerschaft berücksichtigen. Je nach Schätzung gehören mindestens 25 bis 50 Prozent aller Lehrkräfte schon allein aufgrund ihres Alters dazu.

Schon jetzt ist absehbar: Hybride Unterrichtsformen werden in Zukunft eine viel größere Rolle spielen, wenn weniger Schüler gleichzeitig in der Schule sein können.

Das Bildungssystem in Deutschland hat jetzt aber auch die vielleicht einmalige Chance, einen Quantensprung hinzulegen. Denn auch in der Zeit nach Corona muss der digitale Unterricht eine wichtige Ergänzung zum herkömmlichen Schulunterricht sein.

1. Freiheitszone Schule

Die Schulen sind auf das Distanzlernen nicht vorbereitet. Die Mittel aus dem Digitalpakt sind bislang nur schleppend abgerufen worden. Trotzdem kann auch mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten Lernen und Schulleben gelingen. Die Schulen müssen nur machen dürfen. Sie benötigen dafür aber die Unterstützung durch Fachleute in der Verwaltung. Kein Schulleiter kann komplexe datenschutzrechtliche Fragen allein entscheiden. Die Verantwortung für die datenschutz-konforme Nutzung von Software darf nicht auf die Schulen abgeschoben werden, sondern muss von der Politik getragen werden. Deshalb brauchen wir eine Whitelist für datenschutzkonforme Tools. Die hohen Standards der DSGVO sollten im Regelfall ausreichend für den Einsatz eines Tools zum Distanzlernen per Videokonferenz sein. Usability ist ein wichtiges und meist vernachlässigtes Kriterium. Ein Tool ist eben auch nur dann gut, wenn es stabil auf allen Geräten läuft und einfach zu bedienen ist. Deshalb sind Lösungen zu bevorzugen, die auf dem Smartphone laufen und ohne Drucker auskommen. Es ist jetzt auch nicht die Zeit für langatmige Konzepte. Die Mittel des Digitalpakts müssen jetzt schnellstens auf die Straße. Auf umfangreiche Medienentwicklungspläne und ähnliches muss verzichtet werden.

2. Verlässlichkeit für Familien

Die schrittweise Schulöffnung, die in den Bundesländern seit dem 27. April 2020 umgesetzt wird, bedeutet keinesfalls eine Rückkehr zur Normalität. Abhängig vom Infektionsgeschehen werden vermutlich noch auf längere Zeit besondere Bedingungen gelten. Damit Abstandsregeln durchgesetzt werden können, braucht es kluge Schichtmodelle. Nur so kann die Zahl der anwesenden Schülerinnen und Schüler begrenzt werden. Bei der Auswahl der Gruppen sollten befreundete Kinder und Jugendliche zusammenbleiben, um sich auch in Zeiten von Nichtpräsenzunterricht treffen und zusammen lernen zu können. Lehrer sollten in Teams immer die gleichen Gruppen unterrichten. Besonders wichtig ist es, Verlässlichkeit für Eltern und Schüler herzustellen. Die Schichtsysteme müssen auch auf Dauer funktionieren, damit die Eltern und Schüler wieder eine planbare Work-School-Life-Balance finden können.

3. Hybrider Unterricht

Der Lernstoff wird auf absehbare Zeit nicht im vollen Umfang im Klassenzimmer unterrichtet werden können. Um trotzdem Bildungserfolge zu erreichen, müssen in einer Übergangsphase Lehrpläne gestrafft und Fächer priorisiert werden. Mittelfristig muss allerdings sichergestellt werden, dass nicht nur Kernfächer unterrichtet werden. Auch der Unterricht selbst muss neu gedacht werden. Damit die Zeit im Klassenzimmer bestmöglich genutzt wird, sollten Konzepte wie der „Flipped Classroom“ verstärkt eingesetzt werden. Die Schüler erarbeiten neue Themen bereits zuhause. Das kann analog-digital verknüpft erfolgen; in der Schule wird der Stoff dann vertieft. An Grundschulen darf die Hürde bei der Bedienung von Soft- und Hardware allerdings nicht zu hoch sein. Die Landesschulbehörden können beispielsweise E-Postkonten für Lehrkräfte einrichten. Auf diese Weise könnte das bevorzugte Format des Fernlernens – das klassische Arbeitsblatt – ohne häuslichen Drucker genutzt werden.

4. Fortbildungsoffensive für Lehrer

Eine der größten Hürden für den Einsatz digitaler Mittel sind fehlende Kompetenzen. Vielerorts sind Probleme mit bewundernswerter Kreativität und Tatkraft bewältigt worden. Doch nur 35% der Lehrkräfte nutzen auch Videokonferenzen. Der digitale Fernunterricht erfordert neben technischem Knowhow Kompetenzen, die bisher kaum vermittelt worden sind. Deshalb muss es jetzt eine Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte geben. Die Pädagogischen Hochschulen, Lehrerbildungsstätten und freien Bildungsanbieter sind aufgefordert, jetzt schnell mit digitalen Fortbildungsformaten die Lehrkräfte auf die neuen Aufgaben vorzubereiten. Dafür müssen Webseminare angeboten werden. Webplattformen für Lehrerinnen und Lehrer können Hilfestellung bei konkreten praktischen Fragen (Wie organisiere ich eine Videokonferenz? Wie organisiere ich einen Webtalk, zum Beispiel im Fremdsprachenunterricht?) geben. In Teilbereichen sollten auch Eltern Zugang haben können. Dann werden alle Beteiligten schnell sicherer im Umgang mit der neuen Schulrealität.

5. Investitionsboost: Hardware und Infrastruktur

Ein Blick auf die vorhandene Hardware im Schulsystem zeigt verheerende Lücken. Zwar verfügen beinahe 92% der Haushalte in Deutschland privat über einen Computer. Ab der 7. Klasse besitzen 98% der Kinder und Jugendlichen ein eigenes Smartphone. Bei der Schulausstattung aber sieht es düster aus. Aktuell müssen 87% der Lehrkräfte auf private Geräte zurückgreifen, um den digitalen Fernunterricht sicherzustellen. Die Mittel des Digitalpakts aber werden nur schleppend abgerufen. Laptops oder Tablets für Lehrer im Hometeaching dürfen aus den Mitteln des Digitalpakts bisher gar nicht finanziert werden. Auch das geplante 500-Millionen-Euro-Programm der Bundesregierung deckt diese Lücke nicht ab. Deshalb muss es jetzt einen Investitionsboost für Hardware und digitale Infrastruktur geben. Die Mittel des Digitalpakts müssen unbürokratisch einsetzbar sein. Bei der Pflege der IT-Infrastruktur können mobile IT-Administratoren die Lehrer vor Ort unterstützen. Für die entstehenden digitalen Schulwelten müssen den Schulen eigene, sichere und kostenfreie Server zur Verfügung stehen. Zumindest für den Übergang können Schulen Ansätze wie „BYOD“ (Bring your own device – bringe deine eigenes Gerät mit) nutzen. 

6. Investitionsboost: Software und Schulclouds

Anwendungsprogrammen, Schulclouds und Lern-plattformen kommen Schlüsselrollen in der Bewältigung der Schulkrise zu. Die eingesetzten Tools müssen funktionieren, einfach zu bedienen sein, schnell beschaffbar und datenschutzkonform sein. Es ist gut, dass die Mittel des Digitalpakts jetzt auch für Lernplattformen und digitale Lernumgebungen eingesetzt werden können. Jetzt müssen die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass gerade im Bereich des E-Learnings der Wettbewerb und die Innovationskraft der Wirtschaft voll wirken können. Ein offenes digitales Ökosystem schafft die notwendigen Freiräume für die Schulen. Gleichzeitig entstehen Perspektiven für mittelständische Unternehmen und Start-ups in Deutschland.

7. Bildungserfolg sicherstellen

Die neue hybride Schule stellt auch die Frage nach Bildungsgerechtigkeit neu. Kinder und Jugendliche haben zu Hause sehr unterschiedliche Möglichkeiten zu lernen. Kinder im Grundschulalter sind stärker auf Präsenzunterricht an den Schulen angewiesen als solche in höheren Klassenstufen. Leistungsmessungen und Bildungserfolge bleiben aber selbstverständlich wichtige Kriterien für Schulen. Auch in Zukunft müssen deshalb die Leistungsstände der Schülerinnen und Schüler festgestellt werden. Individuelle Lücken sind durch individuelle Lernhilfen zu schließen. Auch an dieser Stelle können die Lehrkräfte aus Risikogruppen, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, wertvolle Unterstützung bieten. Es darf nicht zu einem Absinken des Leistungsniveaus oder gar „verlorenen Schuljahren“ kommen. 

8. Lehrkräfte unterstützen

Auf viele Lehrerinnen und Lehrer sowie auf die Schulleitungen kommen zurzeit viele neue Aufgaben zu. Deshalb ist nicht nur wichtig, neue Schritte wie die Beschaffung von Videokonferenzsoftware zu erleichtern. Lehrer sollten auch dabei unterstützt werden, sich auf ihre Aufgaben des Lehrens und der Pädagogik zu konzentrieren. Bereits vor der Coronakrise waren Lehrerinnen und Lehrer durch Zusatzaufgaben stark belastet. Die Schulen brauchen jetzt Unterstützung und Entlastung in jeder Hinsicht. Dazu sollte das Lehrerkollegium durch IT- und Verwaltungsfachkräfte unterstützt werden. Lehrpläne sollten konkrete Hinweise auf digitale Hilfsmittel wie Erklärvideos enthalten; die kommunalen Medienzentren sollten zudem gestärkt werden. 

9. Schulische Schutzräume erhalten

Für viele Kinder und Jugendliche ist die Schule auch ein Schutzraum. Sie bekommen hier Sicherheit und Unterstützung, die ihnen ihre Eltern nicht geben können. Auf diese Kinder und Jugendlichen müssen die neuen Konzepte besondere Rücksicht nehmen, um Risiken zu erkennen und aufzufangen. Die Aula oder die Turnhalle können bestuhlt werden, damit Kinder unter Aufsicht ihre Aufgaben erledigen können. Auch in Bibliotheken und Büchereien könnte man unter Einbeziehung der notwendigen Hygienevorschriften ruhige Lernräume für Schülerinnen und Schüler schaffen. Während des Schichtunterrichts sollte es Notbetreuungsangebote für diejenigen geben, die nicht zu Hause bleiben können oder dort mit schlechten Lernbedingungen umgehen müssen. Die Kinder- und Jugendbehörden müssen zudem in engem Kontakt mit den Schulen stehen, um Risikofälle zu identifizieren.

10. Saubere-Schulen-Initiative

Ein wirksamer Infektionsschutz ist die Grundbedingung für eine gelingende Wiedereröffnung der Schulen. Die Pläne der Bundesländer, beispielsweise zu Mindestabstands-regeln, Vorgaben zum Händewaschen und zur Desinfektion müssen durch konkrete Hilfen für die Schulen untermauert werden. Denn mit den bestehenden sanitären Einrichtungen werden die Schulen diese Konzepte kaum umsetzen können. Deshalb muss es jetzt eine Saubere-Schulen-Initiative geben. Zusätzliche mobile WCs können die ohnehin berüchtigten Schultoiletten ergänzen. Schulen müssen dauerhaft mit Hygieneartikeln wie Desinfektionsmitteln, Seife und Mundschutzmasken versorgt werden. Eine Task Force Schulgesundheit kann die Situation an den Schulen beobachten und bei Erkrankungsfällen schnelle Tests der Kontaktpersonen organisieren.