Peter Menke-Glückert und die "Ten Ecological Commandments"

Über die Geburtsstunde liberaler Umweltpolitik

Nachricht08.03.2018Jürgen Frölich
Seit Ihrer Veröffentlichung 1968 werden die "Ten Ecological Commandments" immer wieder kommentiert - zuletzt 2013.
Seit Ihrer Veröffentlichung 1968 werden die "Ten Ecological Commandments" immer wieder kommentiert - zuletzt 2013.

Wenn man nach der Geburtsstunde für eine Umweltpolitik sucht, die mit liberalen Prinzipien harmoniert, dann kommt man am 9. März 1968 kaum vorbei. Damals, das heißt, in Zeiten lange bevor es hierzulande eine Partei selbst ernannter Gralshüter der Ökologie gab, veröffentlichte Peter Menke-Glückert (1929-2016) auf einer Unesco-Konferenz in Paris seine „Ten Ecological Commandments“ mit kaum absehbaren Folgen für die deutsche Politik.

Menke-Glückert hatte sich zunächst in der sächsischen LDP engagiert und dort zu den aufmüpfigen Jung-Liberaldemokraten gehört, weshalb er in den Westen fliehen musste. Sein liberales Engagement setzte er hier in der FDP und dann bei der Friedrich-Naumann-Stiftung fort, deren Vorstand er seit 1965 angehörte. Den gelernten Juristen zeichnete ein unvergleichliches Gespür für die kommenden großen gesellschaftlichen Fragen aus, vertieft durch seine Aufenthalte in den USA.

Plakat zur Bundestagswahl 1980
Plakat zur Bundestagswahl 1980ADL/Audiovisuelles Sammlungsgut/ P1-597

Von dort angeregt erkannte er als einer der ersten in Europa die zukünftige Bedeutung von Umweltfragen und überraschte dann 1968 als Mitarbeiter der OECD die Öffentlichkeit mit seinen „Zehn Geboten zur Umweltpolitik“.

Man mag heute gerade in liberalen Kreisen über die stilistische und sprachliche Anlehnung an „Alttestamentarisches“ etwas die Stirn runzeln, diese „Zehn Gebote“ hatten jedoch zweifellos Folgewirkungen. Und dies nicht nur in der internationalen Umweltbewegung, wo sie bis heute immer wieder zitiert und zustimmend interpretiert werden, sondern auch in Bezug auf die deutsche Politik.

Diese Folgewirkung war zweifach – programmatisch und realpolitisch. Für das eine sorgte der umtriebige Menke-Glückert selbst, in dem er sich nachhaltig an der Programmdebatte der deutschen Liberalen beteiligt. Diese führte 1971 zur Verabschiedung eines neuen Grundsatzprogramms der FDP, den „Freiburger Thesen“ zur Gesellschaftspolitik. Dort gehörte die „Umweltpolitik“ – neben Eigentumsordnung, Vermögensbildung und Mitbestimmung – zu den vier Kernthemen, die ausführlich behandelt wurden. Erstmals hatte damit eine deutsche Partei diesen Politik-Bereich prominent in ihr Programm aufgenommen.

Noch wichtiger waren vermutlich die Auswirkungen auf die direkte politische Praxis, bei denen Peter Menke-Glückert einen mächtigen Verbündeten fand. Denn der seit Oktober 1969 amtierende Innenminister Hans-Dietrich Genscher (1927-2016) nahm sich bald des Themas an. Menke-Glückert und er kannten sich seit langem und hatten nicht nur die gleiche politische Sozialisation bei den jungen Liberaldemokraten durchlaufen. Sie teilten auch das Gespür für sich anbahnende politische und gesellschaftliche Entwicklungen, wozu bei Genscher noch ein großer machtpolitischer Instinkt kam.

Titelblatt Broschüre: Genscher, Hans-Dietrich: Umweltschutz - Stand und Ziel. - Bonn: Bundesinnenministerium, 1971
Titelblatt Broschüre: Genscher, Hans-Dietrich: Umweltschutz - Stand und Ziel. - Bonn: Bundesinnenministerium, 1971ADL, Bibliotheksbestand, D1-161

Jedenfalls gewann dieser seinen Parteifreund  für sein Ministerium und berief ihn zum Leiter der neu eingerichteten Abteilung Umweltangelegenheiten. Und Genscher machte in gewisser Weise Menke-Glückerts Ten Commandments zu einem Leitsatz seiner Politik, wie er 1971 im Bundestag ausführte: „Umweltfreundlichkeit muss zu einem selbstverständlichen Maßstab für unser aller Handeln werden, sei es im Staat, sei es in der Wirtschaft, sei es im Konsumverhalten des Bürgers.“

Die Zusammenarbeit der beiden war überaus fruchtbar, zeitigte ganz konkrete Fortschritte wie – um nur zwei Beispiele zu nennen – die Auflegung des ersten bundesdeutschen Umweltprogrammes oder die Einrichtung des Umweltbundesamtes; vor allem aber etablierte sie die Umweltpolitik als Kernaufgabe von Staat und Gesellschaft und dies ohne permanente Bevormundung der Bürger. Ganz im Sinne der liberalen Tradition setzte sie in erster Linie auf Überzeugung und Einsicht.

Peter Menke-Glückert und Hans-Dietrich Genscher hatten großen Anteil daran, dass die Liberalen zu dieser Zeit die umweltpolitische Avantgarde stellten. So richtig danken tut es ihnen heute kaum jemand. Umso wichtiger ist es, an diese liberale Vorreiterrolle zu erinnern, die sich nicht allein, aber doch zu einem großen Teil mit dem Namen Peter Menke-Glückert verbindet.

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Dr. Jürgen Frölich
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