Mexiko
Die WM in Mexiko: Alles in Sicherheit?
Police guarding football fans, image for ilustratory purposes only
© Markus Spiske with aditional editing by FNF, image for ilustratory purposes onlyDie Bedrohung durch die Kartelle ist stark gewachsen …
Zweifellos hat Mexiko derzeit gewaltige Sicherheitsprobleme, die vor allem mit der rapide gewachsenen Macht der Drogenkartelle zusammenhängen. Diese kontrollieren mittlerweile einen beträchtlichen Teil des mexikanischen Territoriums und werden von den USA nicht mehr nur als ein Thema der grenzüberschreitenden Kriminalität, sondern als ernsthafte Bedrohung ihrer nationalen Sicherheit betrachtet. Dementsprechend wurden sie als terroristische Organisationen eingestuft, eine klare Eskalation. Nun haben die USA seit Jahrzehnten Druck auf Mexiko ausgeübt, gegen die Drogenbanden vorzugehen, aber aktuell ist der Druck größer denn je. Das macht Mexiko große Probleme und zwingt das Land zum Handeln, was aber die Sicherheitslage eher verschlechtert. Zuerst wurde im Juli 2024 „El Mayo“ Zambada unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen in die USA entführt. Er war der Kopf des Sinaloa-Kartells, eines der ältesten und mächtigsten des Landes, aber wurde wohl von den Söhnen seines früheren Kompagnons „El Chapo“ Guzman Loera verraten – den sogenannten „Chapitos“. Seither ist das Kartell gespalten und Anhänger der beiden Lager liefern sich einen erbitterten Kampf um die Macht in Sinaloa.
Im Februar 2026 kam es, wohl auf Drängen und mit aktiver Unterstützung amerikanischer Sicherheitsorgane, zu einem Zugriff auf „El Mencho“ Oseguera, den Chef des Kartells Jalisco Nueva Generacion“ eines anderen großen Kartells, wobei er in einem Feuergefecht getroffen wurde und auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. Das Kartell reagierte mit einer Welle von Anschlägen im ganzen Land und, was neu war, auch mit einer Welle von gefälschten Videos, die größeres Chaos suggerieren sollten.
… aber Touristen lassen sie normalerweise in Ruhe
Die Kartelle sind also eindeutig ein Faktor, der die öffentliche Sicherheit im Land beeinträchtigt. Davon sind allerdings Touristen in aller Regel nicht direkt betroffen, es sei denn, sie geraten ins Kreuzfeuer zwischen zwei Kartellen oder einem Kartell und der Regierung. Solche Fälle sind aber selten. Die Kartelle lassen Touristen auch deshalb in Ruhe, weil man sie ja schließlich auch als Kunden schätzt: nicht alle Touristen beschränken sich auf den Konsum von Tacos und Corona-Bier, und die Kartelle verkaufen ihnen gerne weitere „Entspannungsprodukte“. Sie wissen auch, dass es dem Geschäft schadet, wenn man seine Kunden erschießt. Es kam sogar vor wenigen Jahren vor, dass ein Kartell einige Kriminelle gefesselt vor einer Polizeistation deponierte. Sie hatten vier amerikanische Touristen entführt und zwei davon getötet, und das örtlich zuständige Kartell distanzierte sich davon in aller Schärfe.
Die Bedrohung durch Alltagskriminalität ist real, aber im Rahmen
Davon zu trennen ist die „normale“ Kriminalität, also Raub und Diebstahl, die Touristen treffen können, vor allem, wenn sie mit einem Mietwagen in unsicheren Gegenden unterwegs sind. Allerdings hat die Regierung für die WM ein umfangreiches Sicherheitskonzept erstellt und wird die WM-Austragungsstätten mit einem Großaufgebot an Polizei und Nationalgarde schützen. Der Sicherheitsminister Omar Garcia Harfouch gilt auch bei den Amerikanern als sehr kompetent und fachkundig, seit seinem Amtsantritt hat sich die mexikanische Sicherheitspolitik deutlich verbessert, das Thema wird, anders als unter der Vorgängerregierung von Andres Manuel Lopez Obrador (AMLO) nun ernst genommen. In den touristischen Zonen Mexikos ist die öffentliche Sicherheit schon zu normalen Zeiten deutlich besser als anderswo. Der Angriff auf Touristen in der archäologischen Zone von Teotihuacán, der weltweit Schlagzeilen machte, ist atypisch – der Angreifer war ein verrückter Amokläufer, wie es sie leider immer wieder in vielen Ländern gibt.
Von den drei Austragungsorten sind Mexiko-Stadt und Monterrey daher wohl eher sicher. Mehr Sorgen bereitet die zweitgrößte Stadt des Landes, Guadalajara, deren öffentliche Sicherheit seit langem nicht gut ist und die auch von Anschlägen im Zusammenhang mit dem Tod von El Mencho betroffen war. Aber angesichts des Stellenwerts der WM wird auch dort wohl die Sicherheit groß geschrieben.
Politische Proteste könnten ein Faktor werden
Ein deutlich größeres Risiko für den reibungslosen Ablauf der WM, über das wenig berichtet wird, stellen politische Proteste dar. Angesichts der erdrückenden Mehrheit der Regierungspartei in beiden Häusern des Kongresses drückt sich politische Opposition mehr und mehr in Straßenprotesten und Blockaden aus. Ob Mitarbeiter des von Kriminalität gebeutelten Transportgewerbes, radikale Lehrergewerkschaften, die ungerechtfertigte Privilegien verteidigen, lokale Bürgerbewegungen, die von den WM-Vorbereitungen im Alltag irritiert wurden, oder vernachlässigten indigenen Bewegungen – sie alle wissen, dass Aktionen bei der WM maximale politische Aufmerksamkeit bringen. Die Versuchung, die WM für Protestaktionen zu nutzen und den Verkehr lahmzulegen, wird groß sein.
Bereits angekündigt ist eine friedliche Protestaktion der Angehörigen von Verschwundenen am 11. Juni, dem Tag des Eröffnungsspiels. Diese soll an den Zugangswegen des Aztekenstadiums stattfinden, allerdings wurde zugesagt, man werde den Zugang nicht behindern oder blockieren. In Mexiko sind mittlerweile 130.000 Personen als verschwunden gemeldet, und immer wieder werden Massengräber mit nicht identifizierten Opfern gefunden. Nach Ansicht vieler Beobachter tut die Regierung viel zu wenig, um diese Verbrechen aufzuklären, und es ist mittlerweile auch Thema im UN-Menschenrechtssystem, sehr zum Ärger der mexikanischen Regierung.
Fazit: Mexiko bleibt kompliziert.
Insgesamt bietet Mexiko daher ein paradoxes Bild: einerseits gehört das Land seit vielen Jahren zu den Top Ten der beliebtesten Reiseziele, und die allermeisten der Millionen von Touristen (45 Mio in 2024 laut UN World Tourism Organisation) reisen nach einem schönen Urlaub unbeschadet wieder heim. Auf der anderen Seite ist es ein Land, in dem der Staat in vielen Landesteilen die Kontrolle weitgehend verloren hat und ein erschütternd hohes Maß an Straflosigkeit herrscht. Die Weltmeisterschaft wird Mexiko wohl ohne gravierende Probleme durchführen. Bei der Lösung der strukturellen Sicherheitsprobleme steht das Land weiterhin vor einer Mammutaufgabe. Immerhin ist mehr politischer Willen sichtbar, sich dieser Aufgabe zu stellen.