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Freihandel
Das modernisierte umfassende Abkommen zwischen der EU und Mexiko: Handel, Strategie und Geopolitik

EU Mexiko Freihandelsabkommen

Ursula von der Leyen und Claudia Sheinbaum 

© picture alliance / abaca | Barron Luis/Eyepix/ABACA

Das modernisierte globale Abkommen (MGA) zwischen der Europäischen Union und Mexiko stellt eine umfassende Aktualisierung des ursprünglichen Freihandelsabkommens zwischen der EU und Mexiko dar, das seit dem Jahr 2000 in Kraft war. Während der Laufzeit des ursprünglichen Abkommens stieg der bilaterale Warenhandel um mehr als 300 %, wobei das Handelsvolumen im Jahr 2025 insgesamt 94,5 Milliarden US-Dollar überstieg. Die Modernisierung des Abkommens spiegelt nicht nur die Entwicklung des globalen Handels wider, sondern auch die tiefgreifenden geopolitischen Verschiebungen, die die internationale Ordnung durcheinanderwirbeln. Das Abkommen wurde am 22. Mai in Mexiko-Stadt von der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum offiziell unterzeichnet. Das unterstreicht die politische Bedeutung, die beide Seiten der Partnerschaft in einer Zeit wachsender globaler wirtschaftlicher Unsicherheit beimessen, in der auch der jeweils wichtigste Partner, die USA, zum Störfaktor geworden ist:  Die erratische und willkürliche Zollpolitik der Regierung Trump, die oft genug politischen Emotionen anstatt ökonomischen Rationalitäten folgt, sind ein massives Problem für die exportorientierten Volkswirtschaften Mexikos wie der EU.

Die mexikanische Perspektive

Mexiko ist davon besonders bedroht. Laut der mexikanischen Nachrichtenagentur La Silla Rota sah sich Mexiko allein im Jahr 2025 acht Mal mit Zollandrohungen oder Zollerhebungen seitens der Vereinigten Staaten konfrontiert. Trump hat Mexiko mithilfe von Zolldrohungen wiederholt in allen möglichen Fragen unter Druck gesetzt, die von Wasserverteilungsabkommen bis hin zum Fentanylhandel reichten. Unter Trump betrachten die Vereinigten Staaten Mexiko immer weniger als komplementären Wirtschaftspartner, sondern als Konkurrent um Industriearbeitsplätze und vor allem als Sicherheitsproblem. Mexiko ist derweilen extrem stark von seinem nördlichen Nachbarn abhängig. Nach Angaben des mexikanischen Wirtschaftsministeriums gehen etwa 83 % der mexikanischen Exporte in die Vereinigten Staaten, was das Land bei Verhandlungen mit Washington in eine äußerst prekäre Lage versetzt. Mexiko und die Vereinigten Staaten arbeiten derzeit an der geplanten Überprüfung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada (USMCA). Laut der mexikanischen Bank BBVA könnte der Überprüfungsprozess zu drei möglichen Ergebnissen führen:

  1. Das Abkommen wird gekündigt.
  2. Das Abkommen wird unverändert um weitere 16 Jahre verlängert.
  3. Das Abkommen bleibt in Kraft, wird jedoch jährlichen Überprüfungen unterzogen.

Ideal – und unwahrscheinlich – wäre das zweite Szenario. Das erste Szenario wäre ein absolutes Desaster für Mexiko, dessen Wirtschaft seit 6 Jahren de facto stagniert und dessen Staatshaushalt aus dem Ruder gelaufen ist. Ein Einbruch der Exporte würde zu einer massiven Krise führen. Das dritte Szenario wird für beherrschbar gehalten, doch würde es die Unsicherheit institutionalisieren, da es den USA ermöglichen würde, wiederholt mit einem Rückzug zu drohen oder Zugeständnisse zu fordern – genau die Art von Politik, die Trump liebt.

Das ist nicht nur ein Problem für Mexiko, sondern auch für die EU. Europäische und insbesondere deutsche Unternehmen haben viel in Mexiko als Produktionsstandort investiert, um von dort den nordamerikanischen Markt zu beliefern. Diese Investitionen sind durch die unsichere Zukunft des USMCA in akuter Gefahr.

Für Mexiko bietet die Sicherung stärkerer Handelsbeziehungen mit Europa die Chance, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten wenigstens etwas abzumildern und seine Exportmärkte zu diversifizieren. In vielerlei Hinsicht kommt das MGA zu einem kritischen Zeitpunkt für die mexikanische Wirtschaftsdiplomatie.

Die europäische Perspektive

Auch Europa sieht sich gezwungen, seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten neu zu bewerten. Seit seiner ersten Amtszeit hat Trump traditionelle transatlantische Bündnisse und Verträge auf nahezu allen Gebieten in Frage gestellt, so auch in der Handelspolitik.

Infolgedessen hat die Europäische Union ihre Bemühungen zur Diversifizierung ihrer eigenen strategischen Partnerschaften intensiviert. Die 2016 aufgenommenen Verhandlungen zur Modernisierung des Globalen Abkommens zwischen der EU und Mexiko sind daher zu einem zentralen Bestandteil der umfassenderen wirtschaftlichen und geopolitischen Strategie Europas geworden und eröffnen neue Möglichkeiten für Sektoren wie den Agrar- und Lebensmittelexport, während gleichzeitig die Beziehungen zu einer der größten Volkswirtschaften Lateinamerikas gestärkt werden.

Die wirtschaftlichen Chancen

Das ursprüngliche Globalabkommen hat bereits zu bedeutenden wirtschaftlichen Ergebnissen geführt. Nach Angaben des mexikanischen Instituts für Wettbewerbsfähigkeit (IMCO) hat sich der Handel zwischen Mexiko und der Europäischen Union nach Inkrafttreten des Abkommens im Jahr 2000 verfünffacht. Allein der Handel zwischen Mexiko und Deutschland erreichte im Jahr 2024 ein Volumen von 24 Milliarden US-Dollar.

Es wird erwartet, dass das MGA diese Beziehung noch weiter vertiefen wird, wobei einige Schätzungen von einem Anstieg des bilateralen Handels um bis zu 35 % ausgehen.

Deutschland hat sich zu einem der wichtigsten strategischen Wirtschaftspartner Mexikos entwickelt. Zwischen 2015 und 2024 beliefen sich die deutschen Investitionen in Mexiko auf insgesamt rund 24,4 Milliarden US-Dollar, was 7,1 % der gesamten ausländischen Direktinvestitionen in diesem Zeitraum entspricht. Ein Großteil dieser Investitionen konzentrierte sich auf Branchen mit hoher Wertschöpfung wie die Automobilindustrie und die chemische Industrie.

Zu den großen deutschen Unternehmen, die in Mexiko tätig sind, gehören Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz, Bayer, Bosch, die Continental AG, die KHS GmbH und INEOS Styrolution. Zu den bemerkenswerten Projekten zählen das 1,3 Milliarden US-Dollar teure Audi-Werk in Puebla, das 2016 den Betrieb aufnahm, sowie das 1,5 Milliarden US-Dollar teure BMW-Werk in San Luis Potosí, das 2019 eingeweiht wurde. Allein im Jahr 2024 investierten deutsche Unternehmen rund 3,8 Milliarden US-Dollar in Mexiko.

Die Europäische Kommission hat zudem die Vorteile hervorgehoben, die das MGA für europäische Agrarexporteure mit sich bringen könnte. Das Abkommen würde rund 95 % der mexikanischen Zölle auf Agrar- und Lebensmittelprodukte beseitigen und 568 europäische geografische Angaben schützen, darunter Produkte wie Champagner und Gouda-Käse.

Die wichtigsten Vorteile des MGA

Das modernisierte Abkommen bietet beiden Seiten eine Vielzahl von Vorteilen:

1. Beseitigung von Handelshemmnissen

Das MGA zielt darauf ab, Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse für Waren und Dienstleistungen erheblich zu senken oder ganz abzubauen. Außerdem vereinfacht es die Zollverfahren, senkt die Verwaltungskosten und beschleunigt den Warenverkehr.

2. Liberalisierung von Dienstleistungen und Investitionen

Das Abkommen erweitert den Marktzugang für Dienstleistungen und schafft einen transparenteren und berechenbareren Rechtsrahmen für Investitionen. Es führt zudem Mechanismen ein, um Streitigkeiten zwischen Investoren und Staaten auf unparteiischere Weise beizulegen.

3. Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)

Spezielle KMU-Anlaufstellen und öffentlich zugängliche Informationsplattformen werden kleineren Unternehmen helfen, sich im Bereich Zölle, Steuern und Zollverfahren besser zurechtzufinden.

4. Förderung des digitalen Handels

Das MGA verbietet Zölle auf elektronische Übertragungen und erkennt die Rechtsgültigkeit elektronischer Verträge und Authentifizierungssysteme an. Es stärkt zudem den Verbraucherschutz im digitalen Handel.

5. Offene öffentliche Beschaffung

Beide Parteien verpflichten sich zur gegenseitigen Öffnung der öffentlichen Beschaffungsmärkte und gewährleisten die Gleichbehandlung von Lieferanten und Dienstleistern.

6. Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz

Das Abkommen enthält Verpflichtungen zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und zur Förderung eines ökologisch nachhaltigen Wirtschaftswachstums.

7. Gleichstellung der Geschlechter

Das MGA erkennt ausdrücklich die Bedeutung einer inklusiven Handelspolitik an und zielt darauf ab, die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen durch den internationalen Handel zu stärken.

8. Geistiges Eigentum und Innovation

Ein verstärkter Schutz der Rechte des geistigen Eigentums zielt darauf ab, Innovationen zu fördern und gleichzeitig den Interessen der Öffentlichkeit Rechnung zu tragen.

9. Tierschutz und öffentliche Gesundheit

Das Abkommen schafft Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit bei Tierschutzstandards und bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen.

Ratifizierung und politische Aussichten

Die Umsetzung des Abkommens erfolgt in zwei Phasen. Zunächst tritt ein vorläufiges Handelsabkommen (iTA) in Kraft, das Bereiche abdeckt, die in die ausschließliche Zuständigkeit der EU fallen. Das umfassendere MGA wird erst nach der Ratifizierung durch alle EU-Mitgliedstaaten und Mexiko vollständig in Kraft treten.

Trotz des langwierigen Prozesses, den solche Ratifizierungen oft mit sich bringen, gibt es Grund zum Optimismus. Óscar Ocampo, Direktor für Wirtschaftsentwicklung bei IMCO, argumentiert, dass die Komplementarität der mexikanischen und europäischen Wirtschaft viele der Befürchtungen mindert, die mit anderen Handelsabkommen wie den EU-Mercosur-Verhandlungen verbunden sind.

Wie Ocampo in einem Kommentar gegenüber der Deutschen Welle anmerkte: „Es gibt keine Angst vor Wettbewerb wie beim Mercosur, da Mexiko kein Fleisch oder Getreide exportiert, das in direkter Konkurrenz zu Europa steht, sondern vielmehr Obst und Gemüse.“

Fazit

Das modernisierte globale Abkommen zwischen Mexiko und der Europäischen Union ist mehr als ein Handelsabkommen. Es ist eine strategische Antwort auf ein zunehmend fragmentiertes und unsicheres internationales Umfeld. Für Mexiko bietet es die Möglichkeit, wirtschaftliche Partnerschaften zu diversifizieren und die übermäßige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern. Für Europa stellt es eine Chance dar, die Beziehungen zu einem verlässlichen Partner zu stärken, und zwar in einer Zeit, in der die transatlantischen Beziehungen weniger vorhersehbar geworden sind.

In einer Zeit, in der Protektionismus und geopolitische Rivalitäten den globalen Handel neu gestalten, signalisiert das MGA, dass sowohl Mexiko als auch die Europäische Union Offenheit, Zusammenarbeit und wirtschaftliche Integration weiterhin als wesentliche Säulen für langfristige Stabilität und Wachstum betrachten.

*Wenn Sie die Chancen des MGA genauer erkunden möchten, hat unser Partner IMCO eine ausführliche Analyse veröffentlicht, die hier verfügbar ist.