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Gesamtverteidigung
Gesamtverteidigung ist ein aktives Tun

Die bundesweite Veranstaltungsreihe „Roadshow Gesamtverteidigung“ machte Station in Berlin
Gruppenfoto, ndré Hassan Khan, Sebastian Gold, Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Christina Bachmann, Christoph Meyer

Panel der Veranstaltung mit: André Hassan Khan, Sebastian Gold, Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Christina Bachmann, Christoph Meyer (v.l.n.r.)

© Milena Radatz

Die bundesweite Veranstaltungsreihe „Roadshow Gesamtverteidigung“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit beleuchtet die Konzepte der Gesamtverteidigung und gesellschaftlichen Resilienz. Sie machte diesmal in Berlin Station und stellte eine Frage in den Mittelpunkt, die angesichts geopolitischer Krisen und wachsender Unsicherheiten immer drängender wird: Wie funktioniert unsere Gesellschaft im Ernstfall? Die Veranstaltung fand in Kooperation mit den Liberalen Soldaten und Veteranen e.V., der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. sowie dem Institut für Sicherheit und Strategie (ISS) statt. Veranstaltungsort war der Firespace by Zinnober, eine ehemalige Feuerwache, welcher durch seine Geschichte wie kaum ein anderer Ort für Resilienz, Krisenfestigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt steht.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Politikwissenschaftlerin an der Universität Regensburg und Leiterin des Instituts für Sicherheit und Strategie in München. Sie begleitet die gesamte Roadshow und zog ein klares Zwischenfazit: Die bisherigen Diskussionen hätten vor allem gezeigt, dass sich das gesellschaftliche Mindset verändern müsse. Gesamtverteidigung dürfe nicht allein auf die unmittelbare Umgebung oder die Situation „vor der eigenen Haustür“ reduziert werden. Notwendig sei vielmehr ein umfassender 360-Grad-Blick auf die Welt.

Sebastian Gold, THW-Connect

Sebastian Gold während seines Impulsvortrags

© Milena Radatz

„Gesamtverteidigung ist ein aktives Tun“

Mit deutlichen Worten eröffnete Sebastian Gold, Leiter des THW-Connect, seinen Impulsvortrag unter dem Titel „Zeitenwende, Epochenbruch, Paradigmenwechsel – Nehmen wir unsere Bedrohungslage wirklich ernst?“. Seine zentrale Botschaft lautete: „Gesamtverteidigung ist ein aktives Tun.“ Die Menschen seien grundsätzlich bereit, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Gleichzeitig fehle jedoch häufig das Bewusstsein dafür, dass Zivilschutz auf der Mitwirkung der gesamten Gesellschaft beruhe. Gold verwies dabei auf konkrete Maßnahmen, die bereits im Alltag beginnen könnten. Dazu gehörten Vorräte für Krisensituationen ebenso wie Notstromlösungen oder das regelmäßige Auffrischen von Erste-Hilfe-Kenntnissen. Aktionstage zum Bevölkerungsschutz könnten helfen, das Thema stärker in der Gesellschaft zu verankern und praktische Fähigkeiten wieder selbstverständlich werden zu lassen.

Christina Bachmann, Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

Christina Bachmann, Leiterin des Hauptstadtbüros der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. 

© Milena Radatz

Resilienz beginnt nicht erst im Krisenfall

In der anschließenden Diskussion zur Frage „Wie resilient ist unsere Hauptstadt?“ wurde deutlich, dass sich das gesellschaftliche Bewusstsein in den vergangenen Jahren bereits verändert hat. Christina Bachmann, Leiterin des Hauptstadtbüros der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V., berichtete von steigenden Mitgliederzahlen und wachsendem Interesse an sicherheitspolitischen Themen. Die Zeitenwende habe bei vielen Menschen ein Umdenken ausgelöst. Sie selbst habe inzwischen einen Notfallrucksack vorbereitet und Vorräte zuhause angelegt.

Auch André Hassan Khan, Vorsitzender der Liberalen Soldaten und Veteranen e.V., betonte die Bedeutung öffentlicher Aufklärung. Es müsse viel stärker darüber gesprochen werden, was Gesamtverteidigung überhaupt bedeute. Eigenverantwortung sei wichtig, doch auch der Staat müsse sichtbarer handeln und Strukturen schaffen, etwa durch Krisenzentren oder regelmäßige Übungen. Hassan Khan brachte zudem die Idee sogenannter „Bürgeroffiziere“ ins Gespräch. Diese könnten als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner vor Ort den direkten Austausch mit der Bevölkerung suchen und Informationen zur Sicherheitsvorsorge vermitteln.

Klare Zuständigkeiten statt organisatorischer Reibungsverluste

Christoph Meyer, Landesvorsitzender der FDP Berlin, hob hervor, wie wichtig funktionierende Verwaltungsstrukturen im Katastrophenschutz seien. Gerade in Krisensituationen brauche es klare Zuständigkeiten und eine zentrale Koordination. Übungen seien dabei unverzichtbar, um Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und Abläufe einzuüben. Gleichzeitig müsse das Bewusstsein dafür gestärkt werden, wie verletzlich moderne Gesellschaften geworden seien.

Als konkretes Beispiel nannte Meyer die erheblichen wirtschaftlichen Schäden infolge von Stromausfällen in Berlin. Die Hauptstadt müsse schneller reagieren und Fehlentwicklungen konsequenter korrigieren können.

Christoph Meyer, Landesvorsitzender der FDP Berlin

Christoph Meyer, Landesvorsitzender der FDP Berlin

© Milena Radatz

Hilfsbereitschaft als gesellschaftliche Stärke

Trotz aller Herausforderungen zog sich ein positiver Grundton durch die Diskussion. Mehrfach wurde betont, dass es bereits viele ermutigende Entwicklungen gebe. Während des Stromausfalls in Berlin habe sich gezeigt, wie groß die gegenseitige Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit in der Bevölkerung seien. Auch die Zusammenarbeit zwischen Organisationen wie THW und Feuerwehr funktioniere sehr gut und sei von hoher Professionalität geprägt. Zugleich wachse die Reserve der Bundeswehr kontinuierlich und genieße zunehmend gesellschaftliche Anerkennung.

Mit Blick auf die Zukunft waren sich die Teilnehmenden einig, dass Politik und Hilfsorganisationen noch stärker gemeinsam auftreten müssten: etwa durch Aktionstage, Informationskampagnen oder niedrigschwellige Angebote zur Krisenvorsorge. Ebenso wichtig sei die Sichtbarkeit der Hilfsorganisationen und der Bundeswehr im öffentlichen Raum. Bürgerinnen und Bürger müssten die Möglichkeit haben, unkompliziert ins Gespräch zu kommen und Fragen stellen zu können.

Zum Abschluss gab Herr Gold dem Publikum noch eine einfache, aber eindringliche Aufgabe mit auf den Weg: Morgen einmal bei der Nachbarin oder dem Nachbarn klingeln und sich bekannt machen. „Denn die beste Zeit, sich mit Gesamtverteidigung zu beschäftigen, war in der Vergangenheit. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.“