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Freiheit unter Druck
Die Tragik der Türkei

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan

© picture alliance / AA | Mustafa Kamaci

Erdogan hat in seinem Land die Freiheit zerstört. Menschen mit anderen Meinungen sitzen im Gefängnis. So seit mehr als acht Jahren Osman Kavala, Unternehmer und Mäzen. Er ist völlig unschuldig. Die Liberale Internationale hat ihm jetzt den Prize for Freedom zuerkannt. Seine Frau Ayşe Buğra nahm ihn in Berlin entgegen.

Seit über 20 Jahren ist Recep Tayyip Erdogan in der Türkei an der Macht - zunächst als Ministerpräsident und dann als Staatspräsident. Eine ganze Generation von jungen Türken hat nie einen anderen Machthaber an der Spitze ihrer Nation kennengelernt.

Die Türkei ist nicht irgendein Land. Sie ist in vielerlei Hinsicht die Brücke zwischen Europa und dem Nahen Osten - mit mehr als 80 Millionen Einwohnern und überragender geopolitischer Bedeutung, als NATO-Mitglied formal Teil der westlichen Wertegemeinschaft, aber im Innern tief zerrissen, mit einer großen urbanen Gemeinde liberal gesinnter Intellektueller, aber auch in weiten Teilen konservativ. Spätestens seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 geht Erdogan mit äußerster Härte gegen politische Gegner vor, auch wenn ihnen absolut nichts an Schuld nachzuweisen ist. So auch im Fall von Osman Kavala. Der Kulturmäzen und Gründer der Stiftung „Anadolu Kültür“, die sich für die Vielfalt der Kulturen Anatoliens einsetzt - einschließlich ihrer armenischen, kurdischen und jesidischen Beiträge –, sitzt ohne jede belastbare strafrechtliche Evidenz seit 8 ½ Jahren im Gefängnis.

Die „Causa Kavala“ ist rechtsstaatlich unerträglich. Hier geschieht nichts als blankes Unrecht, und das ist natürlich kein Einzelfall. Der inzwischen 68-jährige Osman Kavala hat internationale Preise erhalten, unter anderem die Goethe-Medaille und jetzt eben den Prize for Freedom der Liberalen Internationale. Er wurde in dieser Woche seiner Frau Ayşe Buğra in Berlin überreicht, ein bewegendes Ereignis. Der Saal im Wedding war überbucht, auch zahlreiche freiheitlich gesinnte türkische Staatsbürger waren anwesend.

Es ging dabei nicht nur um eine Reverenz an einen mutigen und tapferen Kämpfer für die Freiheit in seinem Land. Es war eine Verneigung vor jener tapferen Haltung, die eine Familie bewegt – trotz der Schicksalsschläge. Ayşe Buğra, selbst Professorin der Sozialwissenschaften und namhafte türkische Intellektuelle, berichtete bewegt, was ihren Mann und sie zusammenhält, trotz seiner Haft bei gerade mal zwei Besuchen von ihr im Gefängnis pro Monat, abwechselnd mit und ohne Glaswand zwischen ihnen. Es sind vor allem die Bücher, die sie lesen und über die sie diskutieren, zumeist in ausführlichen Briefen. Ohne diese Bücher, so Ayşe Buğra, wäre ihr Mann längst in der Haft (und sie selbst in der Freiheit) verkümmert. Es ist die geistige Substanz der Kultur ihres Landes und Europas, die sie aufrechterhält.

In dieser Erfahrung steckt für uns ein Auftrag: Wir dürfen diese türkischen Freunde nicht allein lassen. Wir müssen alles dafür tun, dass sie in Freiheit leben können. Und wir müssen uns für ihre Welt und ihr Schicksal interessieren. Hakan Altinay, ein früherer Mitgefangener von Osman Kavala im gleichen Gefängnis und sein Freund, hat dies bei einer Vielzahl von Gelegenheiten beschrieben – auch in seiner Funktion als Direktor der European School of Politics in Istanbul: Europa muss auf die Türkei neugierig sein und bleiben, so wie es Goethe vor zwei Jahrhunderten war. Nur so wird es eine Chance geben, dass sich eines Tages die großartige Kultur des Landes als Brücke zwischen dem europäischen Westen und dem Nahen Osten in Freiheit voll entfalten kann. Dies gilt besonders für die letzten Jahre, in denen sich die Türkei politisch eher von Europa wegbewegt hat und von einer prospektiven EU-Mitgliedschaft keine Rede mehr sein kann. Gerade in dieser schwierigen Zeit muss die Neugierde bleiben und möglichst sogar wieder wachsen.

Wer die Vitalität des türkischen Geistes- und Kulturlebens erfährt, kann dem nur zustimmen. Osman Kavala und Ayşe Buğra sowie viele andere haben es verdient.