Stipendiaten
Berchtesgadener Land: Rohstoffrepublik Deutschland: Tag 6
Die Inlandsakademie begann um 8:15 Uhr mit einem gemütlichen Frühstück. Wie an den Tagen zuvor gab es eine reichhaltige Auswahl an Brot und verschiedenen Belägen zum Start in den Tag.
Um 9 Uhr versammelten wir uns im Seminarraum zu einem Online-Vortrag von Simela Papatheophilou, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung, zum Thema „Entwicklung, Rohstoffe und koloniale Kontinuitäten: Historische Verflechtung, postkoloniale Strukturen". Der Vortrag verknüpfte wirtschaftliche und geopolitische Aspekte mit einer historisch-strukturellen Perspektive und rundete unserer Akademiewoche thematisch ab.
Zu Beginn führte Frau Papatheophilou die Unterscheidung zwischen Kolonialismus und Kolonialität aus. Während Kolonialismus die historische Phase der direkten politischen Herrschaft beschreibt, meint Kolonialität die bis heute fortwirkenden Macht-, Wissens- und Wirtschaftsstrukturen, die globale Ungleichheiten reproduzieren. Eine Karte spiegelte die Entwicklung des globalen Bergbaus wieder: Europa reduzierte als einziger Kontinent seine Abbauaktivitäten um etwa 40 % hat. Konträr dazu stieg die Förderung in Asien und Australien um jeweils rund 130 % an.
Im weiteren Verlauf ging Frau Papatheophilou auf die Wertschöpfungskette mineralischer Rohstoffe ein und zeigte, an welchen Stellen sich Abhängigkeitsverhältnisse besonders deutlich manifestieren. Dabei wurde die Rolle internationaler Investitionsabkommen diskutiert, die Investitionen über Ländergrenzen hinweg absichern und zugleich Fragen nach dem politischen Handlungsspielraum von Staaten aufwerfen. Die Debatte verdeutlichte die Herausforderung, Investitionssicherheit, wirtschaftliche Entwicklung und nationale Gestaltungsmöglichkeiten miteinander in Einklang zu bringen.
Im Anschluss präsentierte sie verschiedene Lösungswege. Diskutiert wurden unter anderem Kartelle der Rohstoffförderer nach OPEC-Vorbild, erzwungener Technologietransfer (mit China als Vorreiter), Exportverbote auf unverarbeitete Rohstoffe (Best Practice: Indonesien mit Nickel) sowie ESG-Ansätze, bei denen externalisierte Kosten durch Unternehmensregulierung internalisiert werden sollen. Konkret könnte die EU oder Deutschland BITs reevaluieren, Rohstoffkapitel in Freihandelsabkommen neu ausgestalten, verschiedene industriepolitische Instrumente diskutieren und vor allem Partnerschaften auf Augenhöhe entwickeln. Der Vortrag schloss mit einer Fragerunde ab.
Nach einer kurzen Pause teilten wir uns in vier thematische Gruppen auf, um eine Ergebnissicherung der vergangenen Woche rundum Rohstoffpolitik zu erarbeiten. Jede Gruppe verfasste einen Beitrag zu einem der vier zentralen Themenkomplexe:
Die erste Gruppe widmete sich der Geopolitik und Versorgungssicherheit und arbeitete heraus, wie Europa zwischen chinesischer Rohstoffmacht und amerikanischem Sicherheitskapitalismus einen eigenständigen Weg finden muss, insbesondere durch den Ausbau europäischer Verarbeitungskapazitäten und Diversifizierung der Lieferketten.
Die zweite Gruppe befasste sich mit dem Standort Europa und der Frage, wie der Critical Raw Materials Act Wertschöpfung, Industriepolitik und staatliche Rolle neu denkt. Im Fokus standen Zielkonflikte zwischen beschleunigten Genehmigungen, Mitspracherechten und Standortnachteilen.
Die dritte Gruppe behandelte Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz und entwickelte die These der „heimischen Mine": Recycling und Substitution als stärkster Resilienztreiber Europas, sofern eine ehrliche Gesamtkostenbetrachtung externe Kosten einpreist.
Die vierte Gruppe erarbeitete einen Beitrag zu Partnerschaften und Globalem Süden mit dem Anspruch, liberale Rohstoffpolitik mit Entwicklungsperspektiven zu verbinden. Im Mittelpunkt standen faire Partnerschaften, gemeinsame Wertschöpfung, Qualifizierungsprogramme und verlässliche Investitionsbedingungen.
Unterbrochen wurde die Arbeitsphase durch ein gemeinsames Mittagessen, bei dem es Salat und Couscous vom Vortag gab. Beim Essen ließen wir die Woche Revue passieren und tauschten Eindrücke aus. Nachdem alle Gruppen ihre Beiträge fertiggestellt, gegenseitig Feedback eingeholt und Überarbeitungen vorgenommen hatten, bereitete das Abendessen-Team ein Curry vor.
Bei einem ausgiebigen gemeinsamen Abendessen ließen wir den Tag und damit auch die gesamte Akademiewoche am Lagerfeuer ausklingen. Bei Stockbrot und Musik wurde über die intensiven Tage reflektiert. Damit endete der letzte Tag der Inlandsakademie 2026 zum Thema Rohstoffpolitik mit einem geselligen Abend.