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Brasilien
„Superwahlen“ in Brasilien 2026 – Wohin strebt die größte Demokratie Lateinamerikas?

Brasiliens Richtungswahl und ihre Bedeutung für Europa
„Superwahlen“ in Brasilien 2026

Am 4. Oktober finden in Brasilien die nächsten „Superwahlen“ statt. Alle Augen – im Land wie international – richten sich insbesondere auf die Wahl des Präsidenten, wo ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem linksgerichteten Amtsinhaber Lula und dem rechtskonservativen Flávio Bolsonaro erwartet wird, der das politische Erbe seines Vaters fortsetzen möchte. Wohin strebt die größte Demokratie Lateinamerikas? Hiermit und mit den Auswirkungen auf Deutschland und Europa befasste sich eine hochrangigen Expertenveranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit am 09. September 2026 in Berlin.

Die „Superwahlen“ in Brasilien am 4. Oktober sind nur noch wenige Wochen entfernt. Gewählt werden von den rund 156 Millionen Wahlberechtigten der Präsident, Vizepräsident, die 513 Mitglieder der Abgeordnetenkammer, ein Großteil des Bundessenats sowie die Regierungen der 26 Bundesstaaten und des Bundesdiskrets Brasilia. Alles an einem Tag, so dass dann Klarheit für die nächsten vier Jahre zu den politischen Kräfteverhältnissen im Land besteht – anders als in Deutschland, das sich aufgrund der gestaffelten Wahltermine häufig in einem gefühlten Dauerwahlkampf befindet. Sollte keiner der Präsidentschaftskandidaten im ersten Wahlgang eine ausreichende Mehrheit erreichen, findet zwischen den beiden Kandidaten mit den besten Ergebnissen am 25. Oktober eine Stichwahl statt. 

Umfragen deuten für den entscheidenden zweiten Wahlgang auf ein enges Rennen zwischen Amtsinhaber Lula und seinem rechtskonservativen Herausforderer Flávio Bolsonaro hin, dem Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, der eine Hausarrest-Strafe abbüßt wegen des Vorwurfs der Planung eines Putschversuchs nach seiner Wahlniederlage 2022. Unabhängig davon, wer letztlich Präsident wird, eines zeichnet sich bereits heute ab: Der Wahlsieger wird mangels eigener Mehrheiten im Kongress wiederum pragmatisch mit dem Centrão („großes Zentrum“) zusammenarbeiten müssen, ein einflussreicher, informeller Block aus verschiedenen konservativen und opportunistischen Parteien.

„Superwahlen“ in Brasilien 2026 – Wohin strebt die größte Demokratie Lateinamerikas?“, so lautete der Titel einer von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) am 09. September 2026 in Kooperation mit der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft (DBG) durchgeführten hochrangigen Expertenveranstaltung.

In seinem Grußwort wies der brasilianische Botschafter in Deutschland, S.E. Rodrigo de Lima Baena Soares, auf die engen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern hin, was gerade in diesem Jahr deutlich zum Ausdruck kam. So war Brasilien im April Partnerland der diesjährigen Hannover Messe, am Rande fanden zudem die 3. Deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen unter der Leitung von Bundeskanzler Merz und Präsident Lula statt. Bezugnehmend auf das am 1. Mai zumindest vorläufig implementierte EU-Mercosur-Abkommen wies der Botschafter darauf hin, dass Brasilien stets für Partnerschaften offen sei, die beiden Seiten Vorteile brächten.

S.E. Rodrigo de Lima Baena Soares, brasilianischer Botschafter in Deutschland

S.E. Rodrigo de Lima Baena Soares, brasilianischer Botschafter in Deutschland

In seiner Begrüßung als Gastgeber für die FNF gab Vorstandsmitglied und Schatzmeister Roland Werner konkrete Beispiele für die internationale Wettbewerbsfähigkeit Brasiliens, die weit über die bekannten Beispiele des Agrarsektors und natürlicher Ressourcen hinausgingen. So ist Flugzeughersteller Embraer weltweit eine feste Größe bei Regionaljets. In der Digitalwirtschaft hat sich Brasilien zu einem wichtigen internationalen Hub für Fintechs und Start ups entwickelt, was beispielsweise der Erfolg von Nubank zeigt, der größten Digitalbank des Landes mit über 140 Millionen Kunden.

Die anschließende Diskussion wurde sachkundig vom ehemaligen deutschen Botschafter in Brasilien und jetzigen Vize-Präsidenten der DBG, Dr. Georg Witschel, geleitet. 

Dr. Hans-Dieter Holtzmann, Projektleiter der FNF in Südamerika, wies darauf hin, dass Brasilien alle Zutaten hätte, um eine Superpower zu sein: Fünftgrößtes Land der Welt mit enormem Ressourcenreichtum, der es fast autark macht, sowie eine traditionell offene und neutrale Außenpolitik. Im Vergleich dazu entwickle sich Brasilien mit einem Wirtschaftswachstum von 2% unter Potenzial. Besorgniserregend sei insbesondere der starke Anstieg der Staatsverschuldung, der zu höheren Zinsen führe und Konsumenten und Unternehme belaste.

Dr. Hans-Dieter Holtzmann, Projektleiter der FNF in Südamerika

Dr. Hans-Dieter Holtzmann, Projektleiter der FNF in Südamerika

Susann Kreutzmann, Korrespondentin der NZZ in Berlin, warf den Blick auf die weiterhin große Polarisierung in Brasilien. Aufgrund der starken politischen Spaltung zwischen Präsident Lula und der Bolsonaro-Familie und ihrer jeweiligen Anhängerschaft ging ein Riss durch das Land – bis hin zu einzelnen Familien – der überall zu spüren sei und das Land lähme. Die gefühlte Unzufriedenheit der Bevölkerung sei groß, zum Beispiel über die hohen Nahrungsmittelpreise. Präsidentschaftskandidaten, die als Alternativen zu Lula und Bolsonaro antreten, fiele es in diesem polarisierten Umfeld schwer, bei den Wählern Aufmerksamkeit zu generieren. 

Rafael Pereira Mendonça, Public Policy Analyst beim Instituto Libertas, das der liberalen Partido NOVO nahesteht, der extra aus Sao Paulo angereist war, präsentierte eine Perspektive der jüngeren Brasilianer. Die Polarisierung löse viel Unzufriedenheit bei den Jüngeren aus, die sich statt einer ideologischen Auseinandersetzung politische Lösungen für ihre Alltagssorgen erwarten. Hierzu gehörten insbesondere die schwierigen wirtschaftlichen Perspektiven, einen guten Arbeitsplatz zu finden, die hohe Kriminalität, insbesondere in den Innenstädten, und der Verlust des Vertrauens in die Institutionen aufgrund von Korruptionsskandalen und des Werteverfalls. Instituto Libertas hätte mit Experten über 800 Politikempfehlungen zu den zentralen Themen des Landes entwickelt.

Rafael Pereira Mendonça, Public Policy Analyst beim Instituto Libertas, das der liberalen Partido NOVO nahesteht

Rafael Pereira Mendonça, Public Policy Analyst beim Instituto Libertas, das der liberalen Partido NOVO nahesteht

Torsten Herbst, Consultant und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestags, betonte – wenige Tage nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt – die generelle Herausforderung, in Zeiten zunehmender Polarisierung mit Sachpolitik bei den Wählern durchzudringen. Deutschland brauche für seine Exportwirtschaft den Zugang zu neuen Märkten, gerade auch angesichts der geopolitischen Herausforderungen durch die USA und China. Deshalb sei die finale Ratifizierung des EU-Mercosur-Abkommens im nächsten Jahr – nach über 25 Jahren Verhandlungszeit – so wichtig.

In der Diskussion mit dem Publikum lag ein Schwerpunkt auf der brasilianischen Außenpolitik und den Auswirkungen der Wahl auf die deutsch-brasilianischen Beziehungen. Das Panel war sich einig, dass sich unter einem Präsidenten Bolsonaro die derzeit stark belasteten Beziehungen zu den USA und Argentinien verbessern würden. Durch den Sieg mehrerer Mitte-Rechts-Regierungen in den letzten Wahlen in Südamerika (Argentinien, Bolivien, Chile, Peru, Kolumbien) bestünde zudem die Chance zu einer engeren regionalen politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit, um Handel und Investitionen zu fördern und grenzüberschreitend bei der Bekämpfung organisierter Kriminalität zu kooperieren. Die Bedeutung von BRICS für Brasilien und die Zusammenarbeit mit China dürfte unter Bolsonaro hingegen zurückgehen.

Was das deutsch-brasilianische Verhältnis betrifft, so bestand Konsens, dass Deutschland mit jedem Wahlausgang leben und mit der jeweiligen brasilianischen Regierung zusammenarbeiten müsse, gerade aufgrund der enormen Chancen einer engeren Kooperation zwischen beiden Ländern. Dies müsse auf Augenhöhe geschehen und ohne deutsche Überheblichkeit. Auf brasilianischer Seite macht – unabhängig vom Wahlausgang – Hoffnung, dass der dortige Kongress dem EU-Mercosur-Abkommen – trotz der sonst starken Polarisierung gerade vor den Wahlen – mit überwältigender Mehrheit zugestimmt hat, im Bundessenat sogar einstimmig.

Ein besonderer Dank gilt dem Hauptstadtbüro der FNF für die Organisation der Veranstaltung und Amerika-Referentin Diana Luna für die konzeptionelle Gestaltung.