Stipendiaten
Berchtesgadener Land: Rohstoffrepublik Deutschland: Tag 5
Dieser Freitag führte die Inhalte der vergangenen Tage zum Seminarthema „Rohstoffrepublik Deutschland – Zwischen Abbau, Nachhaltigkeit und Zukunft“ in einem Planspiel zusammen. Im Zentrum stand der fiktive Schwellenstaat Aurina, in dessen Hochland die Lagerstätte „Yacimiento Altiplano“ mit einer einzigartigen Kombination aus Lithium, Kobalt und Seltenen Erden entdeckt worden war. Acht Delegationen verhandelten unter Zeitdruck über ein Master Agreement zur Erschließung des Vorkommens; ohne gültigen Vertrag wäre ein hartes IWF-Sparprogramm in Kraft getreten, der Worst Case für alle. Die zentrale Erkenntnis: Entsprechend den vergebenen Rollen und der erlebten Dynamik sind Nachhaltigkeit und geplanter Abbau nur miteinander möglich. Überraschend viele Aspekte erwiesen sich dabei als Verhandlungsspielraum, woraus eine spannende Dynamik zwischen einzelnen Bausteinen eines Rohstoffabkommens entstand, die untereinander zum Teil nur wenig direkte Korrelation aufweisen.
Ziel war es, die Logik des Spielszenarios mit der Realität abzugleichen und zu erkennen, welche Konstellationen konzeptionell realitätsferner sind als andere. Am deutlichsten zeigte sich dies beim Einfluss der lokalen Bevölkerung und einzelner Interessengruppen: Im Planspiel war er vergleichsweise groß, während er in der Realität scheinbar kleiner ausfällt bzw. weniger strikt durchgesetzt wird.
Der Tag begann mit einem gemeinsamen Frühstück und Vorbereitungszeit für die individuellen Rollen bis 10:30 Uhr. Die Agenda folgte einem klaren Aufbau: Opening (10:30–11:00), erste Verhandlungsphase (11:00–13:00), Mittagspause (13:00–14:30), zweite Verhandlungsphase samt Vertragswerkstatt (14:30–16:00), Vertragsabschluss (16:00–17:00) und Debriefing (17:00–18:00). Am Tisch saßen neben den drei internationalen Akteuren auch die maßgeblichen innenpolitischen Stimmen Aurinas. Die EU trat als multilateral-regulatorische Kraft auf, die USA brachten die Logik der IRA-Subventionen und ihrer Sicherheitsgarantien ein, während China mit seiner Dominanz in Bergbau, Verarbeitung und Sozialinfrastruktur präsent war. Auf aurinesischer Seite nahmen die Präsidentin, die Ministerin für Umwelt, Soziales und indigene Angelegenheiten, die Federación de los Pueblos del Altiplano als Vertretung der vierzehn Hochlandgemeinden sowie der Industrie- und Handelsrat CAIC an den Verhandlungen teil.
Die Reflexion der Ergebnisse zwischen Gruppe A und B gliederte sich in drei Blöcke. Im ersten standen Spielerfahrungen, Gruppendynamik und der Bezug zu den Vortagen im Vordergrund. Dabei wurde eine klare Konfrontationslogik zwischen USA und China sichtbar, bei der weniger das eigene Gewinnen als das Verhindern eines gegnerischen Erfolgs im Mittelpunkt stand. Die aurinische Inlandskoalition erwies sich als überraschend stark, was die Bedeutung koalitionsgestützter Positionierung unterstrich. Spürbar war die Spannung zwischen werte- und interessengeleitetem Verhandeln sowie der erhebliche Einfluss von Setting und Dynamik auf das Ergebnis.
Im zweiten Block wurden die Master Agreements beider Gruppen gegeneinandergelegt. In beiden Fällen konnte die aurinische Regierung viel Druck auf die Vertragspartner ausüben. Um die Weiterverarbeitung zu ermöglichen, wurde ein Teil der Rohstoffe über eine Quote im Land gehalten; geregelt wurden zudem die Mitsprache der indigenen und allgemeinen Bevölkerung, Umweltauflagen und die Eckdaten der Abbaulizenz. In beiden Gruppen schloss Aurina am Ende einen Vertrag mit der atlantischen Koalition aus USA und EU ab.
Der dritte Block widmete sich dem Feedback zum Spiel. Als Anregungen für künftige Durchläufe wurden ein höherer Anteil harter Fakten, die Einführung eines Budgetplans mit Übertragung in konkrete Kennzahlen sowie eine stärkere stochastische Verteilung für abwechslungsreichere Szenarien genannt. Ergänzend wurde mehr wirtschaftliche Realitätsnähe sowie ein entschlosseneres Ausspielen der Druckmittel vorgeschlagen. Zudem könnte Chinas Rolle stärker an seinen realen geopolitischen Einfluss angepasst werden.
Inhaltlich zeichneten sich zwei Erkenntnisebenen ab. Die erste betraf die konkreten Steuerungsparameter von Rohstoffpolitik, wie sie im Master Agreement abgebildet wurden: Umsatz und Royalty-Beteiligung, Lizenzlaufzeit, Sofortzahlung, Umweltauflagen, Beteiligungsstruktur der Hochlandgemeinden, Konfliktlösungsmechanismus und die Wahl des internationalen Hauptpartners. Die zweite Erkenntnisebene betraf das Kräfteverhältnis der Akteure. Die aurinischen Parteien fanden gemeinsame Ziele rasch und bildeten eine starke Koalition aus vier Stakeholdern gegenüber maximal zwei der atlantischen Seite. Da der Druck, keinen Abschluss zu erzielen, für die aurinischen Rollen und insbesondere die Präsidentin gering war, genügte es, mit willigen internationalen Partnern ein Einvernehmen zu finden. Deutlich wurde zudem, dass gute Rhetorik und geschickte Diskussionsstrategien das Verhandlungsergebnis maßgeblich beeinflussen können, mitunter auch ohne inhaltlich starke Argumente.
Auch kulinarisch und gesellig kam der Tag nicht zu kurz. Zum Mittag um 14:00 Uhr wurden die Reste der Vortage verwertet – Grillen, Spätzle und Nudelsalat –, ergänzt um frisch in Traunstein geholte Pizzen. Am Abend gab es einen Couscous-Salat mit Hühnchen vom Küchendienst und Eis vom inzeller Eiscafé. Danach fand sich die Akademie in großer Runde zu den bereits erprobten Spielen zusammen: abwechselnd Codenames und Werwolf, wobei dem Demokratiewillen der Stipendiatinnen und Stipendiaten entsprechend viel und angeregt, zugleich offen, fair und gewitzt diskutiert wurde. Ein passender Ausklang eines Tages, der Theorie und Aushandlungspraxis der Rohstoffpolitik unmittelbar erlebbar machte.