Wir müssen viel aktiver auf Afrika zugehen!

Jörg Kleis, Mitgründer von AfrikaWorks, über die afrikanische Startup-Szene

Meinung18.09.2017
Nairobi gilt als Startup-Hub in Ostafrika.
Nairobi gilt als Startup-Hub in Ostafrika.istock.com/ Jacek_Sopotnicki

Unser ehemaliger Stipendiat Jörg Kleis ist promovierter Jurist, Mitgründer des Startups AfricaWorks und Autor des Buches "Gestatten Afrika". Mit freiheit.org spricht er über sein Startup, die Gründerszene in afrikanischen Ländern und die Herausforderungen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika.

In "Gestatten: Afrika" forderst du dazu auf, bestehende Sichtweisen auf Afrika zu überdenken. Was denken die Deutschen von Afrika und warum ist das problematisch?

Sie denken das gleiche wie die meisten Europäer. Einerseits dominieren Krisen, Armut und Katastrophen, andererseits Voodoozauber und Exotik. Unsere Sichtweise auf Afrika ist geprägt von Extremen – im negativen wie im positiven Sinne. Beide Extreme verbindet, dass sie auf subtile Weise eine Form der Unterentwicklung des gesamten Kontinents suggerieren. Und damit komme ich zum zweiten Aspekt. Unsere Sichtweise ist auch geprägt von einer sturen Vereinheitlichung. Wenn wir Afrika sagen, meinen wir „nur“ Afrika. Das wäre dann nicht weiter zu beanstanden, wenn wir ein Verständnis dafür entwickelt hätten, dass Afrika ein soziokulturell diverses, vielschichtiges, dynamisches System mit einer jungen und wachsenden Bevölkerung ist – auf einer Fläche der USA, Chinas, Indiens und großen Teilen Europas – haben wir aber nicht. Wir begnügen uns mit der ersten von zig Ebenen, weil wir es nicht besser wissen. Heraus kommt dann so etwas wie „die Hungersnot in Afrika“ oder - man muss es leider sagen - „Marshallplan mit Afrika“. Das Problematische neben der fehlenden Differenzierung ist das fehlende Gleichgewicht, die fehlende Normalität, die Banalität des Alltags zum Beispiel, die es ja zweifellos gibt, oder funktionierende Strukturen und Ordnungen – all das können wir uns unter „Afrika“ gar nicht vorstellen. Im Ergebnis haben wir es mit Assoziationen zu tun, die uns von einer Annäherung und einem Austausch abhalten: Gefühle von Unberechenbarkeit, Gefahr und Fremdheit.

Du hast mit drei Partnern ein Startup gegründet, das über eine Plattform afrikanische Absolventen von deutschen Hochschulen mit deutschen Unternehmen vernetzt, die in ihren Heimatländern geschäftlich aktiv sind. Was war bisher dein "Best Case", was hat gut funktioniert und wie geht es weiter?

Wir stehen mit AfricaWorks noch ganz am Anfang. Umso mehr freut es natürlich, dass sich Unternehmen bereits an uns wenden. Hier eine Lösung mit Mehrwert anzubieten, bereitet uns Freude. Die Anforderungsprofile sind dabei ganz unterschiedlich. Ein Schweizer Startup sucht einen Entwickler in Sambia, ein deutscher Mittelständler einen Ingenieur für die Kapverden. Wir stehen zudem in Kontakt mit Firmen in Kenia und Südafrika. Von daher arbeiten wir weiter an der Automatisierung des Auswahlprozesses geeigneter Kandidaten und kommen unserem Ziel, eine digitale Brücke zwischen dem Ausbildungssektor und den vor Ort aktiven Unternehmen zu schlagen, immer näher. Das Spannende ist: Es gibt sie, die Hochschul-, Austausch- und Förderprogramme, die seit Jahren afrikanische Hochqualifizierte hervorbringen. Man muss sie nur identifizieren. Langfristig denken wir natürlich auch an den nicht-akademischen Bereich. Die duale Berufsbildung ist immens wichtig für Perspektiven vor Ort. Ebenso wichtig ist aber, die bestehende Informationslücke zwischen Absolventen und Unternehmen zu schließen und beiden Seiten eine Anlaufstelle zu bieten. Der häufig zitierte Beitrag des Mittelstandes kann sich dann positiv entfalten, wenn Bewerber und Arbeitgeber auch wirklich zueinanderfinden.

Jörg Kleis ist Mitgründer des Startups "AfrikaWorks".
Jörg Kleis ist Mitgründer des Startups "AfrikaWorks".Jörg Kleis

Welches ist für dich aktuell das spannendste afrikanische Land, was Start-ups und Gründertum angeht?

Wenn ich mich für ein Land entscheiden müsste, wäre es Nigeria. In Lagos entstehen täglich neue Unternehmen und oft liegt die Motivation darin, ein konkretes Problem zu lösen. Wer Nigeria kennt, den wird nicht wundern, dass das nicht selten Startups im Bereich Energie oder Verkehr sind. Daneben verfolge ich Marokko, Tunesien, Kamerun und natürlich Kenia. Letzteres allein schon wegen Nairobi, was sich als Startup-Hub in Ostafrika etabliert hat. Was Rahmenbedingungen für Gründer angeht, lohnt weiterhin der Blick ins benachbarte Ruanda. Es ist gut, dass immer mehr Länder untereinander den Wettbewerb um die gründerfreundlichsten Standorte aufnehmen.

Wo siehst du die größten Herausforderungen in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen europäischen und afrikanischen Ländern?

Die besteht nach meinem Dafürhalten darin, die wirtschaftliche Zusammenarbeit selbst auch als solche zu begreifen. Das bedeutet eine konsequente Abkehr von der Entwicklungshilfe hin zu privatwirtschaftlichem Engagement – dies gerne weiterhin mit staatlich flankierten Ausbildungskooperationen. Ich meine auch, dass afrikanische Länder untereinander den regionalen Integrationsprozess vorantreiben müssen. Das enorme Potenzial des intra-afrikanische Handels haben sie bisher kaum angetastet. Es beinhaltet auch, die im wirtschaftlichen Austausch liegenden Chancen als Gleichberechtigte nutzen. Die EPAs, also die zwischen den jeweiligen afrikanischen Regionalorganisationen und der EU abgeschlossenen Freihandelsabkommen, sind ein schönes Beispiel dafür, dass die EU einen freien Handel proklamiert, der in Wahrheit aufgrund der milliardenschweren und für lokale Anbieter schädlichen Agrarsubventionen gar kein Freihandel ist. Zuletzt, was mir fast schon als das Wichtigste erscheint, die Herausforderung, dass wir Europäer selbst und unsere gewählten Vertreter in den Parlamenten ein genuines Interesse und ein Bewusstsein für die Nuancen des Kontinents mitbringen oder entwickeln. Der letzte in Deutschland war Horst Köhler. Gerade meine Generation muss viel aktiver auf Afrika zugehen.

Ist die aktuelle deutsche Entwicklungspolitik, zum Beispiel der "Marshallplan mit Afrika", der richtige Weg? Wie würde für dich eine ideale Afrikapolitik aussehen?

Schon die Bezeichnung ist ja höchst streitbar und es gibt viele, die sagen: „Shut it down. Abschalten.“ Was ich dem Marshallplan aber tatsächlich abgewinnen kann, ist die damit verbundene Kommunikationsstrategie. Mich überzeugt das Zypries-Papier mehr, aber der Marshallplan holt „Afrika“ als Thema zurück auf die politische Bühne. Inhaltlich finde ich die Schwerpunktverlagerung auf die Schaffung von Arbeitsplätzen durch privatwirtschaftliches Engagement richtig. Auch dass die Berufsschul- und Fachkräfteausbildung in den Fokus rückt, ist richtig. Die selektiven Kooperationen mit Partnerländern sind zumindest interessant. Aber diese inhaltlichen Akzente sind ja gar nicht entscheidend, weil sich der Marshallplan strukturell kaum von seinen Vorgängern unterscheidet. Wie jeder andere staatliche Entwicklungsplan vor ihm suggeriert der Marshallplan eine auf neuen, eurozentrischen Erkenntnissen beruhende Kompatibilität mit Afrika – womit wir wieder beim Anfang wären.

Über die ideale Afrikapolitik ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Für mich vereinbart sie genuines Interesse an unserem Nachbarkontinent und seinen Facetten, historisches Bewusstsein und langfristige persönliche Beziehungen mit Entscheidern – Netzwerken ist in Afrika das A und O – mit drei grundlegenden Auffassungen. Erstens, dass regionale Konzepte globale Verhältnisse berücksichtigen müssen, weil man sonst nur an kleinen Rädchen in einem großen Gewinde dreht. Ich rede hier von Kapitalabfluss, Steuerschlupflöchern, Kreditschulden, Zinstilgungen und Braindrain –Zweitens, dass die EU ihre Subventionspolitik ändern muss, wenn sie ernsthaft Freihandel betreiben will. Insgesamt wundere ich mich aber immer, warum sie ihre Anstrengungen nicht vollständig auf die dezentrale Energieversorgung konzentriert. Die Korrelation zwischen Armut, Bildungsarmut und Energiearmut ist auf dem Land geradezu evident und wissenschaftlich mehrfach belegt. Letztens, und das kommt immer viel zu kurz: Wir müssen uns verabschieden von unserer Gebermentalität und mit gewählten Vertretern in einen intensiven Dialog über Verantwortung treten. Afrikanische Gesellschaften – und hier verallgemeinere ich einmal absichtlich – brauchen keine Helfer aus Europa, sondern organisch gewachsene staatliche Strukturen und eine eigene Rechenschaftskultur. Das ist nicht unser Job, nicht unsere Verantwortung. Bei aller Komplexität würde ganz oben auf meiner Liste aber die Förderung des gesellschaftlichen Austauschs stehen. Afrika und Europa haben sich doch noch gar nicht richtig kennengelernt.