Parlamentswahlen mit filmreifer Vorgeschichte

Was der Wahlkampf in Malaysia mit Hollywood zu tun hat

Analyse08.05.2018Moritz Kleine-Brockhoff
Malaysia versinkt in Korruption – und ausgerechnet der 92-jährige ehemalige Demokratieverächter Mahathir schwingt sich als Hoffnungsbringer auf.
Malaysia versinkt in Korruption – und ausgerechnet der 92-jährige ehemaliger Demokratieverächter Mahathir schwingt sich als Hoffnungsbringer auf.PAKATAN HARAPAN

Am 9. Mai wählen die Malaysier ein neues Parlament, das den Regierungschef bestimmen wird. Auf Oppositionsseite kooperieren zwei Feinde: Der seit 20 Jahren für Demokratie kämpfende und deshalb inhaftierte Anwar Ibrahim sowie der 92-jährige Ex-Premier Mahathir Mohamad, der 1998 für Anwars Verhaftung gesorgt hatte. Auf Regierungsseite tritt der aktuelle Premier Najib Razak wieder an. Er ist in einen immensen Korruptionsfall verwickelt, 4,5 Milliarden US$ sollen gestohlen worden sein. Trotzdem ist Najib Favorit – weil Malaysias Wahlen unfair sind.

In Malaysia, wo Koalitionen vor der Wahl stehen, hat sich das Oppositions-Bündnis einen bezeichnenden Namen gegeben: Koalition der Hoffnung, auf malaysisch „PAKATAN HARAPAN“. Das Bündnis aus ziemlich Liberalen (PKR), Sozialdemokraten (DAP) und moderaten Muslimen (AMANAH) hat die Hoffnung auf Demokratie nicht aufgegeben und will die bevorstehende Parlamentswahl gewinnen. Nach jahrzehntelangem Demokratie-Verfall und Vetternwirtschaft sollen Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und wahre Wahlfreiheit endlich wiederhergestellt werden. Die Justiz und die Wahlkommission sollen wieder unabhängig werden, die Wirtschaft freier. Die Macht des Premierministers soll begrenzt werden. All das fordert Malaysias eigentlicher Oppositionsführer, der PKR-Chef Anwar Ibrahim, seit 1998. Weil er populär ist, wurden ihm dubiose Strafverfahren an den Hals gehängt. Anwar saß zehn der vergangenen 20 Jahre im Gefängnis und ist auch derzeit in Haft. Im Juni wird er freikommen, allerdings folgt eine fünfjährige Politiksperre. Bis vor kurzem hatte die Opposition keine andere Gallionsfigur. Doch dann kam ein Mann, mit dem in dieser Form niemand mehr gerechnet hatte: Dr. Mahathir Mohamad, der Malaysia früher 22 Jahre lang regierte hatte und 2003 in Rente ging. Nun ist er 92 Jahre alt, aber noch fit. Mahathir schloss sich mit einer neuen Partei, BERSATU, dem Oppositionsbündnis an. Es besteht nun aus vier Parteien und hat Mahathir zum Spitzenkandidat ernannt. Der hatte früher nichts übrig für Menschen- und Bürgerrechte. Als Premierminister entließ Mahathir 1998 seinen damaligen Stellvertreter Anwar Ibrahim, der den Eindruck erweckt hatte, am Stuhl seines Chefs zu sägen. Die Strafen waren drakonisch: Anwar verlor nicht nur Ämter und Parteimitgliedschaft. Er wurde verhaftet, geschlagen und wegen angeblicher Homosexualität zu sechs Jahren Haft verurteilt, die er auch absaß. Nun haben Anwar und Mahathir sich plötzlich versöhnt. Sie treten gewissermaßen gemeinsam an. „Ich habe sein Angebot, Freunde zu werden, akzeptiert“, sagt Anwar, „wir wollen beide Wandel in Malaysia, das von Korruption und Machtmissbrauch geplagt ist.“ Sollte ihr Oppositionsbündnis gewinnen, soll zunächst Mahathir Premier werden. Er würde dann nach eigenen Angaben darauf drängen, dass Malaysias König Anwar Ibrahim begnadigt und ihm so nach der Haftentlassung einen schnelleren Wiedereinstieg in die Politik ermöglicht. Dann, nach etwa zwei Jahren, würde Mahathir, so sagt er, das Amt des Regierungschefs an Anwar abgeben. Zu der Versöhnung und der neuen Partnerschaft der beiden ehemaligen Kontrahenten schreibt der Economist: „Es ist schwierig, sich eine unwahrscheinlichere Entwicklung vorzustellen“.