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Rumänien/Moldau
Union zwischen Rumänien und der Republik Moldau: geteilte Vergangenheit und europäische Zukunft (Teil II)

Wie sich das unionistische Projekt von einer nationalistischen Utopie zu proeuropäischem Pragmatismus wandelte
Karte, die einen möglichen Zusammenschluss von Rumänien und der Republik Moldau einschließlich Transnistrien zeigt.

Karte, die einen möglichen Zusammenschluss von Rumänien und der Republik Moldau einschließlich Transnistrien zeigt.

© Wikipedia

Heute verfügt die Republik Moldau über mehrere Vorteile: Seit 2014 besteht ein Assoziierungsabkommen mit der EU, ihre Bürgerinnen und Bürger profitieren von Visaliberalisierung, und viele besitzen bereits die rumänische – und damit eine EU‑Staatsbürgerschaft. Aus strikt politischer Sicht ist die Regierung mit den Positionen der Europäischen Kommission weitgehend im Einklang, sowohl was den Willen betrifft, Reformen im Land voranzutreiben, als auch in geopolitischer Hinsicht. Chișinău und die wichtigsten europäischen Hauptstädte nähern sich zudem in der Frage der Unterstützung der Ukraine an. Für die Republik Moldau ist die Verteidigung der ukrainischen Souveränität nahezu ein vitales Interesse: Eine Niederlage der Ukraine und ein kremlfreundliches Regime in Kyjiw würden den Kurs der derzeitigen Regierung erheblich gefährden. Über die Europäische Kommission hinaus unterhält die Republik Moldau sehr gute Beziehungen zu EU‑Mitgliedstaaten, insbesondere zu Rumänien. Dessen eigener Integrationsweg dient proeuropäischen Moldauerinnen und Moldauern als Vorbild: Er zeigt, in welchem Maße Rumänien vom Binnenmarkt, von strukturellen Reformen und von europäischen Investitionen profitiert hat.

Dennoch steht Chișinău vor erheblichen Herausforderungen, vor allem was die Aufrechterhaltung seiner eigenen territorialen Integrität betrifft. Transnistrien ist weiterhin de facto unabhängig. Zwar ist die sogenannte Regierung in Tiraspol spürbar geschwächt, doch bleiben die Verbindungen zu Russland eng. Der Kreml hat zudem angekündigt, russische Pässe in größerem Umfang an Bewohnerinnen und Bewohner der Region verteilen zu wollen. Insgesamt äußert sich der Druck Moskaus gegenüber der Republik Moldau vor allem in hybriden Formen: Desinformation in Wahlkämpfen, Wahbetrug (unter anderem im Zusammenhang mit dem Verfassungsreferendum zur EU‑Mitgliedschaft 2024), die Drosselung oder Einstellung von Energielieferungen, Cyberangriffe, die Unterwanderung einzelner staatlicher Strukturen und weitere Maßnahmen. Diese Einflussnahme untergräbt die politische und wirtschaftliche Stabilität des Landes – trotz erheblicher Unterstützung aus Europa. Maia Sandu und die PAS sind zwar im Amt bestätigt worden, doch ist ihnen bewusst, wie fragil die Lage bleibt, angesichts innerer Polarisierung ebenso wie äußerer Anfeindungen.

Schließlich steht Chișinău vor einem Dilemma im Zusammenhang mit dem EU‑Beitritt der Ukraine. Sollte man auf einen gemeinsamen Beitritt hoffen (wie Rumänien und Bulgarien 2007), und in diesem Fall abwarten, wie der Krieg endet? Oder sollte man sich darauf einstellen, dass die EU-Kommission die moldauische und die ukrainische Beitrittsverfahren voneinander „entkoppelt“?

EU Mitgliedschaft als Notwendigkeit

Die Herausforderungen der Republik Moldau – besonders in der Landwirtschaft – sind weiterhin groß. Zwar signalisiert die Europäische Kommission Bereitschaft, die Republik Moldau in einigen Jahren aufzunehmen, doch der Beitrittsprozess hat noch einen langen Weg vor sich. Vielen Moldauerinnen und Moldauern ist zudem klar, dass der Handlungsspielraum begrenzt ist: Wenn sich die EU‑Perspektive weiter entfernt, steigt das Risiko einer Rückkehr in Moskaus Einflusszone. Solange der Ausgang des Krieges gegen die Ukraine offen ist, bleibt es für Moldau schwer, seinen Kurs verlässlich zu planen.

In dieser Hinsicht gewinnt die unionistische Bewegung an Gewicht. Die Republik Moldau hat offiziell mit dem „Moldowanismus“ gebrochen, insbesondere durch die Anerkennung des Rumänischen als Amtssprache und durch die Feier des „Tages unserer rumänischen Sprache“ am 31. August. Dieses Datum bezieht sich auf den Zeitpunkt, zu dem die Volksversammlung der MSSR Rumänisch als Amtssprache und die lateinische Schrift anstelle des kyrillischen Alphabets eingeführt hatte. Präsidentin Sandu erklärte, sie befürworte persönlich eine Vereinigung; auch in der Bevölkerung wächst die Zustimmung. Dass viele Moldauerinnen und Moldauer zugleich die rumänische Staatsangehörigkeit besitzen, macht die Debatte im Alltag umso greifbarer. Zugleich wird eine Union mit Rumänien zunehmend nüchtern als Alternative zum EU‑Beitritt diskutiert – als „Plan B“, wie Vizepremier Eugen Osmochescu erklärte. Die Republik Moldau werde diese Option „in Betracht ziehen“, falls der EU‑Beitrittsprozess nach 2028 ins Stocken gerate.

Moldaus EU‑Beitritt wurde nach dem Referendum vom 20. Oktober 2024 als strategisches Staatsziel festgelegt. Die Verfassungsänderung, die die europäische Zukunft des Landes festschreibt, wurde mit 50,35 % knapp angenommen. Die Abstimmung zeigt aber eine klare Spaltung: In der Diaspora stimmten 77 % dafür, im Inland nur 45 %. Ähnlich ist es bei Umfragen zur Vereinigung mit Rumänien: Insgesamt befürworten 47 % diesen Schritt – 44 % im Land und 61 % in der Diaspora (ATES Research Group, März 2026).

Das Paradox des rumänischen Souveränismus

Die Frage einer Vereinigung zwischen Rumänien und der Republik Moldau wird noch komplexer, wenn man die öffentliche Meinung in Rumänien betrachtet. Dort ist die Unterstützung für eine Union deutlich höher (mehr als 71 Prozent), und gilt als „historischer Ausgleich“. Gegner verweisen meist auf die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Ländern und warnen vor erheblichen Kosten für die rumänischen Steuerzahler.

In Rumänien ist das Thema der Republik Moldau – häufig mit dem historischen Begriff „Bessarabien“ bezeichnet – zum Teil mit der geopolitischen Entwicklung der Region oder der EU‑Russland‑Rivalität verknüpft und zum Teil mit Nostalgie und Nationalismus. So nutzt die größte rumänische rechtsradikale Partei, die Allianz für die Einheit der Rumänen (AUR), die Frage der Vereinigung als zentralen Baustein ihrer politischen Doktrin. Auch der frühere Anti‑Establishment‑Präsidentschaftskandidat Călin Georgescu trat als Verfechter eines Rumäniens „von der Theiß bis zum Dnister“ auf – eine Formel, die de facto auf die Eingliederung der heutigen Republik Moldau hinausläuft.

Gleichzeitig vertreten sowohl George Simions AUR als auch Călin Georgescu prorussische Positionen und bedienen einen EU‑feindlichen Diskurs. Die jüngsten Wahlen in Rumänien zeigten zudem russische Einflussnahme zugunsten solcher Kandidaten. Einerseits sprechen rumänische Nationalisten in Bukarest von der „Reintegration Bessarabiens“ in ein neues Großrumänien. Anderseits bestreiten russische Akteure in Chișinău die rumänische Identität Moldaus und instrumentalisieren die Vereinigung als Schreckbild. Trotzdem teilen beide Seiten viele Ansichten. Was haben sie gemeinsam?

Erstens besteht das Ziel dieses Informationskriegs darin, sowohl die rumänische als auch die moldauische Gesellschaft zu spalten, um damit zwei Regierungen zu schwächen, die sich offen pro-europäisch positionieren und mit der Ukraine zusammenstehen.  Zweitens unterstützt Russland souveränistische Kräfte in Rumänien vor allem deshalb, weil es damit anti‑ukrainische Stimmung im Land verstärken kann. Dieser Widerspruch bleibt oft unbemerkt. Dies zeigt sich auch in einer Umfrage zur Vereinigung mit der Republik Moldau: Ironischerweise lehnen Anhänger der „Allianz für die Einheit der Rumänen“ eine Vereinigung am ehesten ab (26 % dagegen, verglichen mit einem nationalen Durchschnitt von 21 %) – obwohl „Einheit“ ja gerade im Namen der Partei steht.

Die Aussichten auf eine Vereinigung

Aus rechtlicher Sicht ist eine Vereinigung zwischen Rumänien und der Republik Moldau theoretisch möglich. Nimmt man das Beispiel von Deutschland im Jahr 1990, zeigt sich, dass die ehemalige DDR in die BRD, die EWG und die NATO integriert wurde. Heute würde dieses Vorgehen jedoch zwangsläufig ein Referendum erfordern, zumindest unter der moldauischen Bevölkerung. Allerdings ist dieses Thema innerhalb der Europäischen Union nach wie vor sehr umstritten, und daher ist es an sich politisch schwer zu vermitteln. Deshalb ist das wahrscheinlichste Szenario für eine Vereinigung, dass der Beitrittsprozess der Republik Moldau verzögert wird, während das Land gleichzeitig zunehmend dem Risiko eines offenen Krieges ausgesetzt ist, beispielsweise in Transnistrien. Zudem sollten wir nicht ausschließen, dass die Hypothese einer Vereinigung ein Signal von Maia Sandu an die EU ist, um das Ziel eines schnellen Beitritts der Republik Moldau zu bekräftigen und diesen von den Verhandlungen über die Mitgliedschaft der Ukraine zu entkoppeln. Gleichzeitig wird ihre Erklärung zugunsten einer Vereinigung im Januar 2026 auch als Zugeständnis an die Unionisten in der Republik Moldau gewertet, die einen bedeutenden Teil ihrer Wählerschaft ausmachen.

Auch wenn diese Vereinigung vor einigen Jahren noch undenkbar schien, steht sie nun in beiden Ländern wieder im Mittelpunkt der Debatten. Angesichts der einschneidenden Veränderungen, mit denen dies verbunden wäre, kann man davon ausgehen, dass es kurzfristig nicht dazu kommen wird. Die Tatsache, dass es sich um einen „Plan B“ für den Fall eines zu langen Beitrittsprozesses handelt, ist zweifellos das stärkste Argument für dieses Projekt; eine massive Unterstützung in beiden Ländern (von der wir in der Republik Moldau noch weit entfernt sind) wäre nicht nur der entscheidende Faktor für die Verwirklichung der Vereinigung, sondern lediglich der tatsächliche Auslöser.

 

Über den Autor: Martin de La Garanderie ist Experte für europäische Angelegenheiten und internationale Beziehungen. Er ist Absolvent des Colleges of Europe in Natolin (Polen), des Instituts für Politikwissenschaft in Münster (Deutschland) und von Sciences Po Lille (Frankreich). Er war beim Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) in Brüssel sowie bei mehreren Thinktanks tätig. Derzeit ist er Praktikant bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Rumänien und der Republik Moldau.