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Ungarn
Geld gegen Reformen? Ungarns Chance auf einen Neustart mit der EU

Von Blockade zu Kooperation: Ein Wettlauf gegen die Zeit
AI-generated illustration (not depicting real individuals) of EU–Hungary negotiations on reforms and funding

AI-generated illustration (not depicting real individuals) of EU–Hungary negotiations on reforms and funding

© AI generated

Am Sonntag, den 12. April, hat Ungarn eine neue Regierung gewählt und damit eine Phase zunehmend autoritärer Regierungsführung und tief verwurzelter Korruption beendet. Das Wahlergebnis sendet ein klares Signal: Selbst scheinbar gefestigte politische Systeme können durch die Wählerinnen und Wähler verändert werden.

Die konservative Tisza-Partei unter dem designierten Ministerpräsidenten Péter Magyar errang mit 141 Mandaten eine Zweidrittelmehrheit. Magyar kündigte an, einen pro-europäischen Kurs einzuschlagen und insbesondere die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern auszubauen.

Ein erstes konkretes Zeichen hierfür ist die Aufhebung des Vetos gegen das 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket der EU für die Ukraine. Diese Entscheidung deutet auf eine Abkehr von Konfrontation und eine Hinwendung zu größerer Kooperation hin. Dennoch bleibt unklar, ob sich daraus ein grundlegender politischer Wandel ergibt. Spannungen bestehen weiterhin, beispielsweise im Hinblick auf eingefrorene EU-Gelder, die an rechtsstaatliche Bedingungen geknüpft sind, sowie angesichts anhaltender wirtschaftlicher und struktureller Herausforderungen, etwa im Gesundheitswesen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die wesentliche Frage: Können diese ersten politischen Signale in nachhaltige Reformen und einen echten Neustart der Beziehungen zwischen Ungarn und der Europäischen Union münden?

Der Konflikts zwischen Ungarn und der Europäischen Union

In den vergangenen 16 Jahren unter Viktor Orbán entwickelte sich Ungarn zunehmend zu einem zentralisierten und illiberalen politischen System, begleitet von einer konfrontativen Haltung gegenüber der Europäischen Union. In dieser Zeit nutzte Ungarn wiederholt sein Vetorecht, um wichtige Entscheidungen der EU zu blockieren oder zu verzögern, insbesondere was die Unterstützung der Ukraine und Sanktionen gegen Russland betrifft.

Dies wurde durch das Einstimmigkeitsprinzip der EU ermöglicht, das in sensiblen Politikbereichen die Zustimmung aller Mitgliedstaaten erfordert. Dieses Prinzip gilt insbesondere in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie bei Teilen der finanziellen Unterstützung der EU. Während es ursprünglich darauf abzielt, Konsens zu sichern, eröffnet es zugleich einzelnen Staaten die Möglichkeit, gemeinsame Entscheidungen zu verzögern oder zu blockieren.

Ungarn nutzte dieses Instrument gezielt, um politischen Einfluss auszuüben und Entscheidungen im eigenen Interesse zu beeinflussen. Besonders deutlich wurde dies in Politikfeldern, in denen die ungarische Regierung von der Mehrheitsposition innerhalb der EU abwich.

Parallel dazu intensivierte die Regierung ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland, insbesondere im Energiesektor, und profitierte von vergleichsweise günstigen Ölimporten. Diese zunehmende Abhängigkeit erschwerte es der EU zusätzlich, eine einheitliche und entschlossene Linie gegenüber Russland zu verfolgen.

Als Reaktion auf wachsende Bedenken hinsichtlich Korruption, der Schwächung der Justiz und grundlegender Defizite im Bereich der Rechtsstaatlichkeit fror die Europäische Union Milliarden an Fördergeldern für Ungarn ein. Dies geschah im Rahmen des sogenannten Rechtsstaatlichkeitsmechanismus, der den EU-Haushalt vor Missbrauch schützen soll.

Betroffen sind vor allem Kohäsionsmittel zur Förderung regionaler Entwicklung und Infrastruktur sowie Gelder aus der Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF), einem zentralen Bestandteil des EU-Wiederaufbauprogramms nach der COVID-19-Pandemie.

Die Entscheidung zur Aussetzung dieser Mittel war nicht allein eine Reaktion auf politische Spannungen. Vielmehr beruhte sie auf der Sorge, dass EU-Gelder aufgrund systemischer Korruption, mangelnder Transparenz und unzureichender Kontrollmechanismen nicht ordnungsgemäß verwendet werden könnten.

Large crowd in Budapest at night waving Hungarian flags during Péter Magyar’s victory speech.

Crowds gather in Budapest during Péter Magyar’s 2026 victory speech, reflecting strong public support for political change.

© Vaiua Rex / CC0 (Public Domain)

Ein Dilemma zwischen Reformen und Finanzierung

Vor diesem Hintergrund sieht sich Ungarn mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Um seine Wirtschaft zu stabilisieren und strukturelle Schwächen – etwa im Gesundheitswesen – zu beheben, ist das Land dringend auf EU-Mittel angewiesen. Diese Themen standen auch im Zentrum des Wahlkampfs der Tisza-Partei.

Gleichzeitig verlangt die Europäische Union jedoch konkrete Reformen im Bereich der Rechtsstaatlichkeit, bevor Gelder freigegeben werden. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Dilemma: Für die Umsetzung von Reformen sind finanzielle Ressourcen erforderlich, doch der Zugang zu diesen Ressourcen ist wiederum von der Umsetzung der Reformen abhängig.

In der Praxis führt dies zu einer wechselseitigen Abhängigkeit: Sowohl Ungarn als auch die EU sind darauf angewiesen, dass die jeweils andere Seite zuerst handelt. Das Ergebnis ist ein politischer Stillstand, der dringend notwendige Fortschritte verzögert.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich zwischen Budapest und Brüssel über Jahre hinweg ein tiefes Vertrauensdefizit entwickelt hat. Dieses Misstrauen erschwert die Umsetzung neuer politischer Initiativen und die Findung gemeinsamer Lösungen.

Zusätzlich erhöht ein erheblicher Zeitdruck den Handlungsbedarf. Im Rahmen der Aufbau- und Resilienzfazilität muss Ungarn die geforderten Reformen bis Ende August 2026 umsetzen, um auf einen wesentlichen Teil der Mittel zugreifen zu können. Andernfalls droht der dauerhafte Verlust von bis zu 10 Milliarden Euro.

Gleichzeitig deuten aktuelle Entwicklungen in Budapest darauf hin, dass sich die politische Strategie verändert, was einer genaueren Betrachtung bedarf.

Anzeichen für einen politischen Kurswechsel in Budapest

Es gibt mehrere Anzeichen dafür, dass sich Ungarn vorsichtig wieder stärker an die Europäische Union annähert. Ein besonders sichtbares Signal ist die Aufhebung des Vetos gegen das EU-Hilfspaket für die Ukraine. Nach Jahren der Blockade deutet dieser Schritt auf eine größere Kooperationsbereitschaft hin.

Bemerkenswert ist auch die diplomatische Annäherung auf höchster Ebene. So hat Péter Magyar noch vor seiner offiziellen Amtsübernahme Gespräche mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen aufgenommen. Dieser Schritt ist ungewöhnlich und signalisiert politischen Willen sowie die Dringlichkeit, die Beziehungen zu Brüssel zu verbessern.

Im Zentrum dieser Annäherung steht ein klares und pragmatisches Ziel: die Freigabe der eingefrorenen EU-Gelder. Der Zeitdruck ist erheblich, da ein Teil dieser Mittel verloren gehen könnte, wenn die notwendigen Reformen nicht rechtzeitig umgesetzt werden.

Magyars Ansatz ist daher bewusst pragmatisch, denn anstatt sofort umfassende strukturelle Reformen anzustoßen, konzentriert sich seine Regierung zunächst auf Maßnahmen, die kurzfristig umgesetzt werden können. Dazu gehört insbesondere die Erfüllung der sogenannten „Super-Meilensteine“ der EU, die zentrale Anforderungen in Bereichen wie Korruptionsbekämpfung, Justizunabhängigkeit und Transparenz definieren.

Dieser Ansatz deutet auf einen Wandel im politischen Stil hin: Weg von ideologischer Konfrontation, hin zu einer stärker technokratischen und ergebnisorientierten Politik. Ob es sich dabei um einen nachhaltigen Kurswechsel oder eher um eine strategische Anpassung handelt, bleibt jedoch offen.

Erfahrungen aus anderen EU-Mitgliedstaaten zeigen, dass Reformzusagen nicht zwangsläufig in langfristige Veränderungen münden. Entsprechend ist die Reaktion in Brüssel von vorsichtigem Optimismus geprägt, verbunden mit einer fortlaufenden Überprüfung der tatsächlichen Fortschritte.

Ursula von der Leyen and Péter Magyar shaking hands in front of EU and Hungarian flags during a meeting in Brussels.

Ursula von der Leyen meets Péter Magyar in Brussels, signalling a potential reset in Hungary’s relationship with the European Union.

© Dati Bendo / European Commission, licensed under CC BY 4.0

Was geschehen muss, damit die Gelder freigegeben werden

Damit die eingefrorenen EU-Mittel freigegeben werden können, muss Ungarn eine Reihe klar definierter Bedingungen erfüllen. Dazu zählen insbesondere wirksame Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung, transparente Vergabeverfahren im öffentlichen Sektor sowie eine Stärkung der Unabhängigkeit der Justiz.

Orientierung geben dabei die sogenannten „Super Meilensteine“ der EU, also konkrete Reformschritte, an denen sich der Fortschritt messen lässt. Entscheidend ist dabei nicht, was angekündigt wird, sondern was tatsächlich umgesetzt wird.

Vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen bleibt die Europäische Union jedoch vorsichtig. Es ist daher davon auszugehen, dass die Freigabe der Mittel schrittweise erfolgt und eng an konkrete Fortschritte geknüpft wird.

Facade of the European Parliament building in Brussels with the EU flag displayed on a glass exterior.

The European Parliament building in Brussels, representing the institutional centre of EU decision-making.

© Guillaume Périgois / Unsplash

Zukünftige Szenarien und eine liberale Perspektive

Mit Blick auf die kommenden Monate lassen sich mehrere mögliche Entwicklungen skizzieren. Im günstigsten Fall gelingt es Ungarn, die notwendigen Reformen zügig umzusetzen. Dies würde eine schrittweise Freigabe der Mittel ermöglichen und das Vertrauen zwischen Budapest und Brüssel stärken.

Wahrscheinlicher ist jedoch ein gradueller Prozess, bei dem nur teilweise Fortschritte erzielt werden und weitere Verhandlungen erforderlich sind. In diesem Zusammenhang werden auch Zwischenlösungen diskutiert, wie die temporäre Umlagerung von Geldern, um deren Verfall zu verhindern, während die Reformen noch umgesetzt werden.

Sollten die Reformen hingegen ausbleiben oder nur oberflächlich erfolgen, könnte der derzeitige Stillstand fortbestehen. Dies hätte nicht nur den dauerhaften Verlust von EU-Mitteln zur Folge, sondern würde auch die Beziehungen zur Europäischen Union weiter belasten.

Aus liberaler Perspektive ist es entscheidend, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kooperation und Kontrolle zu wahren. Erste Fortschritte sollten zwar anerkannt werden, doch dürfen sie nicht zu einer bedingungslosen Freigabe von Mitteln führen. Stattdessen sollte die EU an einem regelbasierten Ansatz festhalten, bei dem finanzielle Unterstützung an überprüfbare Reformfortschritte geknüpft wird.

Darüber hinaus sind Transparenz, starke und unabhängige Institutionen sowie die Einbindung der Zivilgesellschaft zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Veränderungen. EU-Mittel sollten strukturelle Reformen fördern und nicht lediglich kurzfristige politische Ziele unterstützen.

Fazit

Die jüngsten politischen Entwicklungen in Ungarn bieten die Möglichkeit, die Beziehungen zur Europäischen Union neu zu gestalten. Ob diese genutzt wird, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob die neue Regierung glaubwürdige und messbare Reformen umsetzt.

Für eine nachhaltige Verbesserung der Beziehungen ist nicht nur politischer Wille erforderlich, sondern auch eine konsequente Orientierung an rechtsstaatlichen Prinzipien und institutioneller Verantwortung. In diesem Sinne könnte die Entwicklung Ungarns zu einem wichtigen Testfall dafür werden, wie die Europäische Union mit politischem Wandel innerhalb ihrer eigenen Reihen umgeht.