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Migrationspolitik
Ceuta als Weckruf für Europa

Warum die Migrationspolitik endlich gemeinsame Antworten braucht
picture alliance / AP Photo/Antonio Sempere | Antonio Sempere

Spanish army soldiers travel in military vehicles after being deployed to the Spanish enclave of Ceuta, Thursday, July 30, 2026.

© picture alliance / AP Photo/Antonio Sempere | Antonio Sempere

Mehrere zehntausende, überwiegend männliche und junge Marokkaner drangen vor wenigen Tagen in die spanische Exklave Ceuta auf dem Seeweg ein, mit der Intention, von dort aus das spanische Festland und damit den Schengen-Raum zu erreichen. Für Europa riefen die Bilder schmerzhafte Erinnerungen an die Migrationskrise aus 2015 hervor. Der plötzliche Zustrom von rund 60.000 Migranten in eine Bevölkerung von 84.000 Einwohnern in Ceuta innerhalb weniger Tage verdeutlicht erneut, wie schnell irreguläre Migration zu einer politischen und humanitären Belastungsprobe für Europa werden kann.

Die EU bleibt in der Migrationsfrage tief gespalten

Das Chaos an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave zeigt auch, dass die Europäische Union mehr als ein Jahrzehnt später noch immer keine gemeinsame Antwort auf zentrale migrationspolitische Herausforderungen gefunden hat. Während die sozialdemokratische Regierung Spaniens unter Premier Pedro Sánchez mit den unmittelbaren Folgen der Ereignisse konfrontiert war, fielen die Reaktionen innerhalb der EU-Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich aus. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte weitreichende Konsequenzen bis hin zu Einschränkungen des Schengen-Verkehrs mit Spanien, während andere Mitgliedstaaten ihre Solidarität bekundeten und gemeinsame europäische Unterstützung einfordern – unter anderem auch Teile der deutschen Regierung. Diese unterschiedlichen Positionen machen deutlich, dass die EU in Fragen der Migration und des Schutzes ihrer Außengrenzen weiterhin keinen tragfähigen politischen Konsens erreicht hat. Ein für heute einberufenes Krisentreffen der EU-Innenminister soll Klarheit über ein gemeinsames Vorgehen bringen, allerdings bleibt abzuwarten, ob die Mitgliedstaaten den dringend benötigten Konsens finden.

Die Außenwirkung der Vorfälle in Ceuta ist fatal. Die USA und Russland griffen die Bilder ebenfalls auf und nahmen sie zum Anlass, um auf Missstände in Europa aufmerksam zu machen. Donald Trump sprach von einer regelrechten „Invasion“, während Russland soziale Medien mit Bildern Ceutas flutete und sich über die Uneinigkeit Europas mokierte. Unklarheiten auf europäischem Level und eine Lockerung irregulärer Migration auf spanischer Seite führen dazu, dass rechtsextremistische und pro-russische Kräfte in Europa weiter an Aufwind gewinnen. Die Entwicklungen sollten daher kein Anlass für nationale Alleingänge sein, sondern Europa dazu bewegen, endlich zu einer gemeinsamen und kohärenten europäischen Migrationspolitik zu gelangen. Offene Grenzen innerhalb Europas können nur dauerhaft bestehen, wenn die gemeinsamen Außengrenzen wirksam geschützt werden und alle Mitgliedstaaten Verantwortung übernehmen. Die Vorsitzende der FDP-Delegation im Europäischen Parlament, Marie-Agnes Strack-Zimmermann MdEP betont: „Die gesamte Außengrenze der Europäischen Union zu schützen, ist die Voraussetzung für einen funktionierenden Schengenraum.“

Auch der FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki bekräftigt dies: „Die europäische Idee zu verteidigen, heißt auch, den massenhaften illegalen Grenzübertritt an den EU-Außengrenzen zu verhindern und diese wirksam zu schützen.“ Die Ansicht der beiden liberalen Stimmen verdeutlicht, dass der Schutz der EU-Außengrenzen nicht im Widerspruch zur europäischen Integration steht, sondern eine ihrer zentralen Voraussetzungen ist. Nur wenn die Europäische Union ihre Außengrenzen wirksam sichert, können Freizügigkeit innerhalb des Schengen-Raums und das Vertrauen der Bürger langfristig erhalten bleiben.

Liberale Migrationspolitik braucht klare Regeln

Eine liberale Migrationspolitik bedeutet dabei weder Abschottung noch unkontrollierte Offenheit. Sie setzt auf klare Regeln, rechtsstaatliche Verfahren und eine konsequente Unterscheidung zwischen regulärer und irregulärer Migration. Menschen, die Schutz benötigen oder im Rahmen geregelter Verfahren nach Europa kommen, müssen faire und transparente Möglichkeiten erhalten. Gleichzeitig braucht es wirksame Instrumente, um irreguläre Migration einzudämmen und dadurch das Geschäftsmodell krimineller Schleusernetzwerke nachhaltig zu schwächen. Letztendlich würden sowohl die EU-Mitgliedstaaten als auch die Herkunftsländer von einer klaren und einheitlichen Migrationspolitik profitieren.

Diese Einschätzung wird auch von liberalen Stimmen in den südlichen Nachbarstaaten Europas geteilt. Insbesondere in Marokko wächst der Wunsch nach einer kohärenten europäischen Migrationspolitik. Liberale Akteure sprechen sich für ein gemeinsames Konzept aus, das irreguläre Migration wirksam verhindert, legale Migrationswege transparenter gestaltet und die Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitstaaten auf eine langfristige und partnerschaftliche Grundlage stellt. Die aktuellen Ereignisse seien nicht etwa eine Randerscheinung, sondern das Resultat einer langjährigen Verdrängung des Themas auf beiden Seiten. Der deutsch-marokkanische Präsident der Euro-Mediterran-Arabischer Länderverein (EMA e.V.), Dr. Abdelmajid Layadi, findet: „es bedarf nun endlich einer echten Zusammenarbeit Marokkos und seiner europäischen Partner, weg vom Modus des Krisenmanagements und hin zu einer strategischen und gleichberechtigten Partnerschaft“.

In Anbetracht der anhaltenden hohen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit im benachbarten Marokko ist davon auszugehen, dass das Problem der irregulären Migration vorerst weiter bestehen bleibt und es weitere Versuche der irregulären Migration geben wird. Der marokkanische Jugend-Aktivist Younes Beladi sieht dabei auch Marokko in klarer Bringschuld „Die Ereignisse in Ceuta sind kein reines Grenzschutzproblem, sondern Ausdruck fehlender Zukunftsperspektiven vieler junger Menschen in Marokko.“ Aus seiner Sicht müsse Marokko eine tiefgreifende Investition in die junge Generation machen, allerdings auch die EU klare Regeln für eine reguläre Migration schaffen.

Das spanische Urteil verschärft die Lage in Ceuta

Bisher ist ungeklärt, auf welcher Grundlage der plötzliche Andrang der nach Ceuta schwimmenden Marokkaner aufkam. Vermutet wird, dass durch einen im Juni erlassenen Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs falsche Hoffnungen geweckt wurden. Das Urteil vom 29. Juni 2026 wurde am 8. Juli veröffentlicht und sollte den Umgang mit irregulärer Migration über den Seeweg klarer definieren. Die Richter stellten klar, dass sogenannte unmittelbare Zurückweisungen ausschließlich auf Personen angewendet werden dürfen, die versuchen, die physischen Grenzanlagen von Ceuta oder Melilla, z.B. Grenzzäune, zu überwinden. Wer die spanischen Exklaven hingegen schwimmend erreicht, fällt nicht mehr unter diese Regelung, da das Meer nach Auffassung des Gerichts keine rechtlich relevante Grenzbarriere darstellt.

Während dies für Spanien eine massive Überforderung des Sicherheitsapparates, die Herausforderung einer geregelten Rückführung sowie einen Vertrauensverlust in die eigene Regierung bedeutet, wirft es für die gesamte EU wiederholt grundlegende Fragen auf, die längst hätten beantwortet sein müssen und die nun dringlich einer gemeinsamen Antwort bedürfen.

Isabel Kreifels ist Projektassistentin im Regionalbüro MENA mit Sitz in Amman/Jordanien