Indien
Handel und Sicherheit in Indien
Stefan Schott, Projektleiter der FNF Indien, diskutiert die Beziehungen zwischen Indien und der EU während der Hamburger Handelskonferenz 2026.
© FNFVon seinem Selbstverständnis her ist Indien ein vermittelnder Global Player zwischen Ost und West, den Ländern des globalen Südens und den Industriestaaten. Durch den Krieg der USA und Israels mit dem Iran wurde der Subkontinent wirtschaftlich hart getroffen. Was für mögliche Folgen ergeben sich daraus für Deutschland und die EU? Das Interview zieht eine vorläufige Bilanz. Die Fragen stellte Charles du Vinage, Referent für die Regionen MENA, Subsahara-Afrika und Asien.
Charles du Vinage: Welche Konsequenzen hat die Blockade der Straße von Hormus für Indien?
Stefan Schott: Die Blockade der Straße von Hormus und der Iran-Krieg haben gezeigt, dass Indien gleich auf mehrfache Weise verwundbar ist. Da ist zunächst die Sorge um die Sicherheit der knapp 10 Millionen Inder, die in den Golfstaaten arbeiten. Es gab mehrere indische Todesopfer durch die iranischen Angriffe auf diese Länder. Auch indische Seeleute kamen durch Attacken auf ihre Schiffe ums Leben. Indien fehlen die militärischen Mittel, um die eigenen Landsleute zu schützen oder zu evakuieren. Gravierend waren auch die Auswirkungen auf die indische Energieversorgung. Indien muss etwa 90 Prozent seines Erdölbedarfs einführen. Vor dem Krieg kam mehr als die Hälfte der Importe aus den Staaten am Golf. Ähnlich groß ist die Abhängigkeit bei Flüssiggas, das viele Inder zum Kochen benutzen. Die Knappheit und der Preisanstieg von Energie haben die indische Wirtschaft, aber auch die indischen Verbraucher, hart getroffen, auch wenn die indische Regierung viel getan hat, um die Folgen für die breite Bevölkerung soweit wie möglich abzufedern.
Die Blockade der Straße von Hormus und der Iran-Krieg haben gezeigt, dass Indien gleich auf mehrfache Weise verwundbar ist.
Gab es darüber hinaus noch politische Folgen?
Sehr kritisch diskutiert wird in Indien, dass sich der Erzfeind Pakistan als wichtiger Vermittler zwischen den USA und Iran hervortun konnte. Dieser Imagegewinn Pakistans wird als Niederlage für Indien wahrgenommen, und viele Beobachter fragen, warum Indien mit seinen guten Beziehungen zu allen Konfliktparteien keine aktivere Rolle bei der Lösung des Konflikts spielen konnte und kann.
Wie steht es um Indiens Zolldeals mit den USA? Ist Indien weiter benachteiligt im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern?
Seit Februar 2026 gibt es ein Interim Agreement zwischen den USA und Indien. Zuvor betrugen die US-Strafzölle auf indische Waren 50 %. Durch das Abkommen wurden die Zölle für die meisten Produkte auf 18 % reduziert. Im Gegenzug hat auch Indien seine Zölle auf US-Produkte reduziert. Beide Seiten haben die Absicht, das Handelsvolumen mittelfristig zu verdoppeln – auf 500 Milliarden US-Dollar im Jahr. Trotzdem sind noch einige Themen offen, etwa der Handel mit Agrarprodukten, die weiterhin hohen indischen Zölle auf Autos und alkoholische Getränke oder der Marktzugang für digitale Dienstleistungen. Deshalb verhandeln Indien und die USA weiter über ein umfassendes bilaterales Handelsabkommen. Solange dieses noch nicht beschlossen wurde, haben Singapur, Südkorea und Australien bessere Konditionen in ihrem Handel mit den USA als Indien. China und Indien sind in etwa gleichgestellt.
Wie wirkt sich das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU aus und wie wird dieses Abkommen in Indien wahrgenommen?
Das Freihandelsabkommen mit der EU muss noch von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert werden. Daran wird mit Hochdruck gearbeitet. Voraussichtlich kann das Abkommen Anfang 2027 in Kraft treten. Die Erwartungen sind sehr groß auf beiden Seiten. Innerhalb von fünf Jahren soll sich der Handel zwischen Europa und Indien verdoppeln. Viele europäische Unternehmen sehen enorme Chancen in dem Land mit seinen 1,4 Milliarden Menschen und den größten Wachstumsraten aller großen Volkswirtschaften. Das Freihandelsabkommen ist für viele der Startschuss, um in Indien zu investieren. Auch für Indien hat das Abkommen mit der EU eine besondere Bedeutung, nachdem das Vertrauen in die USA durch die überraschende Einführung der Strafzölle im Jahr 2025 nachhaltig erschüttert wurde.
China ist Indiens größter Rivale in Asien und es gibt Konflikte um den Verlauf der gemeinsamen Grenze. Trotzdem kauft Indien viele Produkte aus China. Wie ist das zu erklären?
Indien kauft vor allem elektronische Geräte, Maschinen und Chemikalien aus China. Auch Photovoltaikmodule, Batterien und viele Güter des täglichen Bedarfs kommen aus China. Diese Produkte sind entweder gar nicht verfügbar aus indischer Produktion oder teurer als die chinesische Ware. Im Gegenzug verkauft Indien Waren von deutlich geringerem Wert nach China – Eisenerz, petrochemische Erzeugnisse, Baumwolle und Agrarprodukte. Das Handelsdefizit liegt bei rund 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das wird von vielen Indern kritisiert.
Wo siehst Du die Achillesfersen der indischen Wirtschaft?
Indien ist sehr erfolgreich im Service-Sektor, insbesondere bei IT-Dienstleistungen. Im Gegensatz zu China hat es das Land aber nicht geschafft, zur Werkbank der Welt zu werden. Trotz niedriger Löhne ist das produzierende Gewerbe in Indien international kaum wettbewerbsfähig. Das ist ein großes Problem, denn Indien braucht dringend Arbeitsplätze für seine junge Generation. Nicht nur das: Momentan arbeiten noch 40 Prozent der Inder in der Landwirtschaft. Dieser Anteil wird sinken, wenn sich das Land weiterentwickelt. Es ist unrealistisch, dass Menschen, die heute als Bauern arbeiten, morgen zu Software-Ingenieuren werden. Indien braucht mehr Jobs in der Produktion – auch in kleinen Städten und auf dem Land. Anders wird Indien seinen vielen Menschen nicht genug Arbeit und Einkommen bieten können.
Welche Rolle spielt die indische Diaspora in Deutschland (rund 270.000 Personen)?
Viele Inder gehen zum Studium und zur Arbeit ins Ausland, weil sie dort bessere Chancen erwarten. Ich sehe das nicht als Nachteil für Indien. Da sind zum einen die sogenannten Remittances, das sind die Gelder, die Inder aus dem Ausland an ihre Familien schicken. Für Indien sind diese Überweisungen eine wichtige Einkommensquelle. Außerdem kehrt zumindest ein Teil der Migranten nach einigen Jahren nach Indien zurück – mit wertvollen Qualifikationen, Erfahrungen und einem Netzwerk von internationalen Kontakten. Das Stichwort ist zirkuläre Migration. Sie kann für alle Seiten ein großer Vorteil sein.
Du schreibst in Deiner lesenswerten Studie „Geopolitik, Sicherheit, Wirtschaft - wie tickt die neue Supermacht Indien“, dass Indien Europa als zentralen Partner für seinen weiteren wirtschaftlichen Aufstieg sieht. Wie schlägt sich dies konkret in den Bereichen Handel und Sicherheit nieder?
Indien hat das erklärte Ziel, bis zum Jahr 2047, dem 100. Jahrestag der Unabhängigkeit, zu einem entwickelten Land zu werden. Dafür braucht Indien Investitionen und – besonders wichtig – Zugang zu modernen Technologien und Know-how im Bereich Produktion. Europa hat diese Technologien und dieses Know-how. Indien kann andererseits die Arbeitskräfte bieten, die in Europa fehlen, und einen großen Markt mit gewaltigem Nachholbedarf. Das kann sich wunderbar ergänzen. Ein gewisses Problem ist die Rüstungszusammenarbeit. Traditionell hat Indien Waffen vor allem in der Sowjetunion bzw. Russland gekauft. Inzwischen will Indien mehr westliche Spitzentechnik – und diese nicht nur kaufen, sondern auch lernen, sie selbst zu bauen. Gerade wegen Indiens traditioneller Freundschaft mit Russland gibt es einige Bedenken auf der Seite der Europäer gegen diesen Technologietransfer.