Fußballdiplomatie
Deutschland sollte Fußball als strategische Chance nutzen
PHILADELPHIA, PENNSYLVANIA – 16. JUNI 2026: Begeisterte senegalesische Fans reagieren während eines Fußballspiels
© ShutterstockDer Global Partnership Hub der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Nairobi veranstaltete Ende Juni eine Konferenz zur Zukunft der Internationalen (Entwicklungs-) Zusammenarbeit.
Passend zur WM nahm eine im Rahmen des Projekts erarbeitete Studie auch die Rolle des Fußballs für die Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika unter die Lupe. „Fußball dürfte eines der am meisten unterschätzten Instrumente deutscher Außenpolitik in Afrika sein“, argumentieren die Autoren Dr. Sebastian Sons und Hubert Kinkoh. Wir präsentieren Ihnen die Studie und den folgenden Gastbeitrag von Sebastian Sons und Ralf Erbel, dem Leiter des Stiftungsbüros in Nairobi.
Der Originalartikel wurde im Tagesspiegel veröffentlicht.
Durch die Anziehungskraft dieser beliebten Ballsportart lässt sich eine nachhaltige Entwicklung erreichen – und Einfluss ausüben. Warum Deutschland eine Fußballstrategie für Afrika braucht.
Die Enttäuschung über das erneute frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft sitzt tief. Durch die Misserfolge der vergangenen Jahre hat auch das Ansehen des deutschen Fußballs international gelitten.
Dennoch lohnt es sich, über das Potenzial zu sprechen, das Fußball für Deutschlands Rolle in der Welt besitzt. Denn Fußball bleibt für die Außen-, Kultur- und Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik von erheblicher Bedeutung.
Für 41 Prozent der Deutschen ist die Bundesliga ein wichtiger Teil ihres Lebens. Mehr als 23.000 Fußballvereine mit über acht Millionen Mitgliedern – rund 10 Prozent der Bevölkerung – prägen die deutsche Vereinslandschaft.
Die „Fußballnation Deutschland“ ist ein Markenkern der Nachkriegsidentität und zugleich ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor: Rund 64.000 Beschäftigte arbeiten im Profifußball, der in der Saison 2024/25 6,33 Milliarden Euro erwirtschaftete. Diese Faktoren machen den deutschen Fußball attraktiv – insbesondere in Afrika.
Dort ist Fußball ebenfalls tief in der kulturellen Identität verankert und Teil der DNA. Zugleich wächst Afrikas Bedeutung im Weltfußball kontinuierlich: Erstmals qualifizierten sich zehn afrikanische Länder für die WM mit 48 Teams. Der Anteil afrikanischer Mannschaften stieg damit von rund 15 auf mehr als 20 Prozent. Neun Teams erreichten das Sechzehntelfinale, darunter der Underdog Kap Verde.
Der Trend ist eindeutig: Afrikas Fußball ist längst in der Weltspitze angekommen – auch wenn dies in Europa noch immer zu Unrecht unterschätzt und teilweise belächelt wird.
Marokko nutzt Fußball als Machtinstrument
Afrikanische Regierungen haben diese Entwicklung erkannt und nutzen Fußball zunehmend als machtpolitisches Instrument. Marokko, das 2030 gemeinsam mit Spanien und Portugal die WM ausrichten wird, positioniert sich dabei nicht nur als sportliches Schwergewicht, sondern auch als geopolitischer Akteur mit wachsendem Einfluss.
Auch wirtschaftlich entwickelt sich der afrikanische Fußball rasant. Der Sportmarkt des Kontinents wird auf rund 12 Milliarden US-Dollar geschätzt und dürfte bis 2035 auf über 20 Milliarden anwachsen. Fußball ist dabei der zentrale Treiber von Medienrechten, Sponsoring, Merchandising und Eventerlösen und damit ein entscheidender Wachstumsmotor der Branche.
Für Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und globalen Akteur mit Gestaltungsanspruch ergibt sich daraus eine strategische Chance. Wenn Außenpolitik und internationale Zusammenarbeit auch Wirtschafts-, Standort- und Geopolitik umfassen, sollte Deutschland Fußball als Instrument von Dialog, Kooperation und Diplomatie begreifen.
Bundesliga ist punktuell präsent
Die Bundesliga hat diese strategische Bedeutung Afrikas erkannt. Vereine wie Bayern München, Borussia Dortmund, Werder Bremen, Mainz 05, RB Leipzig oder Arminia Bielefeld engagieren sich in Südafrika, Kenia oder Ghana.
Die Liga hat ihre TV-Präsenz auf dem Kontinent ausgebaut, 2025 ein Büro in Johannesburg eröffnet und identifiziert Südafrika, Nigeria, Ghana und Kenia als zentrale Schlüsselmärkte. Mit dem Programm „Bundesliga Dream“ sollen afrikanischen Talenten Trainingsmöglichkeiten in deutschen Klubs eröffnet werden.
Auch die deutsche Entwicklungspolitik nutzt Sport bereits gezielt als Instrument: Zwischen 2013 und 2022 wurden rund 80 Millionen Euro in über 50 Projekte der Sportentwicklung investiert, die mehr als 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche in Kenia, Namibia, Senegal oder Togo erreichten. Ziel ist es, nachhaltige Entwicklung zu fördern, berufliche Perspektiven zu eröffnen, Armut zu bekämpfen und Bildungszugänge zu verbessern.
Ergänzt wird dies durch zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Global United FC Africa Foundation, Amandla oder die We Love Football Academy, die insbesondere in südafrikanischen Townships aktiv sind, Fußballcamps organisieren und Jugendentwicklung, soziale Inklusion sowie die Stärkung von Gemeinschaften fördern.
Kritik an deutschem Engagement
Zugleich wird das deutsche Engagement von vielen afrikanischen Akteuren jedoch als zu fragmentiert, zu wenig strategisch und nicht ausreichend in lokale Fußballkulturen eingebettet wahrgenommen.
So wünschen sich Beobachter mehr Sichtbarkeit des DFB und bemängeln, dass viele deutsche Politiker den Sport nur nutzen würden, um sich selbst zu profilieren, ohne sich um langfristige Wirkungen zu kümmern. Zugleich wird kritisiert, dass es der deutschen Politik häufig um schnelle Erfolge bei der Talentsichtung oder der Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort geht. Solche Erwartungen sind jedoch unrealistisch.
Andere internationale Akteure sind bereits weiter. Die Bundesliga konkurriert mit der dominanten englischen Premier League und der spanischen La Liga, die in vielen afrikanischen Ländern eine deutlich höhere Reichweite besitzen.
Hinzu kommen die arabischen Golfstaaten, die mit erheblichen finanziellen Ressourcen gezielt in den afrikanischen Fußball investieren. Dies erhöht den Wettbewerbsdruck erheblich, eröffnet zugleich aber Chancen der Zusammenarbeit.
Öffentliche Förderprogramme enden schnell
Deutschland braucht daher eine kohärente Gesamtstrategie, die staatliche und private Akteure systematisch zusammenführt. Öffentliche Förderprogramme haben wichtige Beiträge geleistet, stoßen jedoch an Grenzen, wenn Projekte nach Förderende auslaufen, lokale Strukturen fragil bleiben und erfolgreiche Ansätze nicht konsequent skaliert werden.
„Eine tragfähige Deutschland-Afrika-Fußballpartnerschaft sollte mehr sein als klassische Projekt- oder Talentförderung.“
Deshalb sollten künftig nichtstaatliche Akteure ein stärkeres Gewicht erhalten. Profivereine, Bundesliga, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen können langfristiger, flexibler und näher an den realen Interessen afrikanischer Fußballökosysteme agieren.
Sie sollten sich für nachhaltige Strukturen einsetzen, um Korruption, postkolonialen Patronagenetzwerken oder ausbeuterischer Spieleranwerbung entgegenzuwirken.
Für viele junge Talente steht Fußball für einen der wenigen Wege aus Armut und Arbeitslosigkeit – doch diese Hoffnung bleibt für die meisten ein unerfüllter Traum. Deswegen sollte eine tragfähige Deutschland-Afrika-Fußballpartnerschaft mehr sein als klassische Projekt- oder Talentförderung.
Einige Initiativen wie Amandla unterhalten in Südafrika lokale Projekte, in denen Sport als Motor für Jugendförderung, soziale Teilhabe und bessere Bildungs- und Berufschancen genutzt wird.
Es sollen also nicht unbedingt fußballerische Fähigkeiten entwickelt, sondern mithilfe des Sports die Lebensbedingungen junger Menschen vor Ort verbessert werden. Solche Konzepte könnten enger in eine Gesamtstrategie eingebunden werden.