Frankreich
Wer folgt auf Macron?
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© FNF Europe2027 angesetzt ist, steht die Frage der politischen Nachfolge von Emmanuel Macron weiter offen. Es geht weniger darum, wer gegen wen antritt, als darum, ob das politische Zentrum in Frankreich überhaupt in der Lage ist, sich auf eine einzige Kandidatur zu verständigen. Die Fragmentierung des französischen Parteiensystems ist inzwischen struktureller Natur. Elf Fraktionen sitzen in der Assemblée nationale, die traditionelle Bipolarität zwischen Sozialisten und Gaullisten existiert praktisch nicht mehr. Interessanterweise sitzen allerdings das zentristische Mouvement Démocrate, die Präsidentenpartei Renaissance als auch die Horizons-Partei Edouard Philippes zusammen in der liberalen Renew-Europe Fraktion im Europäischen Parlament, obwohl sie jeweils ihrer eigenen Fraktion im nationalen Parlament zugeordnet sind. Dadurch ist ein System getreten, in dem mehrere Lager um dieselben Wähler konkurrieren und sich gegenseitig Stimmen abnehmen. Hinzu kommt ein Vertrauensverlust, der gerade im europäischen Vergleich auffällt. Nach Erhebungen von Gallup verzeichnete kein anderes EU-Land 2025 einen stärkeren durchschnittlichen Rückgang des Vertrauens (-13% auf 29% 2025) in zentrale Institutionen als Frankreich.
Für die gemäßigten Kräfte ist das arithmetische Risiko offensichtlich. Treten Édouard Philippe der Mitte-rechts-Partei Horizons, Gabriel Attal aus Macrons Partei Renaissance und Bruno Retailleau, Vertreter der konservativen Les Républicains (EVP-Fraktion im Europaparlament), gegeneinander an, könnten sie sich gegenseitig so weit schwächen, dass am Ende Jean-Luc Mélenchon von der linksradikalen Bewegung La France Insoumise (LFI, Linken-Fraktion im EU-Parlament) oder der Kandidat des Rassemblement National (Fraktion Europäische Patrioten im EU-Parlament) von der Zersplitterung profitieren und die Stichwahl unter sich ausmachen. Édouard Philippe fordert deshalb seit Monaten eine frühzeitige Einigung auf einen einzigen Bewerber. Gabriel Attal hat demgegenüber öffentlich erklärt, er werde sich mit Édouard Philippe verständigen, allerdings erst Anfang 2027 und damit wenige Monate vor der Wahl. Aus dem Umfeld von Horizons heißt es, das sei zu spät, weil sich rivalisierende Wahlkampfteams bis dahin kaum noch zusammenführen ließen. Sein erstes großes Meeting hält Attal ohnehin erst am 6. Oktober in Lyon ab, was zeigt, dass er sich bewusst alle Optionen offenhält. Auffällig ist zugleich das Verschwinden eines Akteurs, der über Jahre das organisatorische Rückgrat der zentristischen Kräfte rund um die Macronie bildete: Das Mouvement Démocrate von François Bayrou wirkt heute deutlich geschwächt. Bayrou selbst hat sein politisches Kapital zuletzt an der Spitze der Regierung aufgebraucht, ohne daraus eigenes Momentum für 2027 zu gewinnen. Seine Partei spielt eher die Rolle eines Stabilitätsfaktors innerhalb der Mehrheit als die eines eigenständigen Präsidentschaftsprojekts.
Bleibt die Frage, woran sich eine Verständigung auf einen einzelnen Kandidaten überhaupt bemessen sollte. Die gesamte Debatte über einen gemeinsamen Kandidaten der Mitte basiert letztlich auf demoskopischen Annahmen. Umfragen weisen trotz aller Professionalität erhebliche Fehlermargen auf und bilden politische Dynamiken Monate vor einer Wahl nur sehr begrenzt ab. Sollte keiner der drei Bewerber klar hervorstechen, fehlt jeder Verzichtsentscheidung die Grundlage. Eine solche Entscheidung würde sich zwangsläufig auf Umfragewerte stützen, deren demokratische Legitimität als Grundlage einer Vorauswahl jedoch zweifelhaft wäre. So würde in der letzten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop für den Figaro und LCI Marine Le Pen im ersten Wahlgang auf 36 % der Stimmen kommen, gegenüber 19% von Edouard Philippe, wenn man davon ausginge, dass Gabriel Attal seine Kandidatur zurückziehen würde. Damit könnte er sich gegebenenfalls für den zweiten Wahlgang qualifizieren, Gesetz dem Fall, dass es ihm gelingen würde, den Linksaußen-Kandidat Würde wiederum Édouard Philippe auf seine Bewerbung verzichten, käme Attal nach den Schätzungen von Anfang Juli auf 15%, womit er ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Platz im zweiten Wahlgang mit Jean-Luc Mélenchon führen würde. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die aktuellen Umfragewerte deutlich mit Vorsicht zu geniessen sind und die Beliebtheitswerte teils nur gering variieren.
Drei Profile, drei politische Traditionen
Édouard Philippe verkörpert den wirtschaftsliberalen, staatspolitischen und eher konservativen Flügel der politischen Mitte. Er begann seine politische Karriere in der Partei Les Républicains, bezeichnet sich selbst als rechts vom Zentrum und hat seit seinem Ausscheiden an der Spitze der Regierung konsequent ein eigenes Profil aufgebaut. Vor mehr als 800 Delegierten seiner Partei Horizons betonte er zuletzt seine Herkunft aus jener konservativen politischen Familie, die Frankreich Charles de Gaulle und Jacques Chirac gab, und warb für Bürokratieabbau, niedrigere Unternehmensabgaben und ein hartes Vorgehen gegen den Drogenhandel. Im März verteidigte er in einem knappen Wahlgang sein Amt als Bürgermeister von Le Havre. Sein Problem beschreiben Beobachter treffend damit, dass er von vielen geschätzt, aber von kaum jemandem geliebt wird, und bei heiklen Themen wie Rente und Migration teilweise vage bleibt.
Gabriel Attal repräsentiert eine andere Generation und einen anderen Stil. Der 1989 geborene jüngste ehemalige Premierminister der Fünften Republik gehörte bis 2016 der Parti Socialiste an und steht für den sozialliberalen Flügel des Regierungslagers. Er ist offizieller Kandidat der Präsidentenpartei Renaissance. Attal setzt auf eine offensive Medienstrategie mit Interviews und kurzen Videoformaten; in Umfragen holt er derzeit auf. Sowohl Édouard Philippe als auch Gabriel Attal eint dabei das Bemühen, sich von Emmanuel Macron zu emanzipieren, dessen Popularitätswerte (aktuell um die 30 %) einen offensiven Verweis auf die eigene Regierungsbilanz kaum zulassen.
Bruno Retailleau schließlich steht für einen deutlich konservativeren Kurs. Seit seiner Zeit als Innenminister gilt er als kompromissloser Vertreter einer restriktiven Migrations- und Sicherheitspolitik. Er will die Zuwanderung drastisch begrenzen, notfalls über eine Verfassungsänderung, und hat gefordert, europäische Vorgaben im Migrationsbereich zu ignorieren. Als Vorsitzender der Les Républicains beruft er sich auf das gaullistische Erbe und verbindet es mit einem ausgeprägt souveränistischen Staatsverständnis. Retailleau ist damit kein Vertreter des macronistischen Zentrums, sondern ein externer Konkurrent, der das Regierungslager zusätzlich unter Druck setzt. Unangefochten ist er innerhalb seiner Partei allerdings nicht, andere wie Xavier Bertrand halten an einer proeuropäischen, gemäßigteren Linie fest. Bertrand hat seinerseits bereits angekündigt, als unabhängiger Kandidat in gaullistischer Tradition gegen Ende des Jahres seine Bewerbung um das Präsidentschaftsamt offiziell zu machen.
Was daraus für Berlin folgt
Aus deutscher Sicht wäre Edouard Philippe der berechenbarste Partner, mit Gabriel Attal ließe sich europapolitisch ähnlich konstruktiv zusammenarbeiten, wenngleich Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Pressekonferenz im Nachgang des deutsch-französischen Ministerrats bereits deutlich werden ließ, dass die Hand nach Frankreich – ganz gleich wer das Land führe – immer ausgestreckt bleiben wird. Bei Bruno Retailleau ist offen, wie weit sich seine Vorstellungen von nationaler Handlungsfreiheit in Migrations- und Souveränitätsfragen von jenen des Rassemblement National tatsächlich unterscheiden. Gerade erst haben Deutschland und Frankreich beim deutsch-französischen Ministerrat in Brühl ihre Zusammenarbeit in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, bei der Wettbewerbsfähigkeit, der Reform der Europäischen Union sowie beim Schutz beider Demokratien vor Desinformation und ausländischer Einflussnahme bekräftigt. Spätestens im Frühjahr 2027 wird Frankreich jedoch vollständig im Wahlkampfmodus sein. Damit bleibt das Zeitfenster, in dem beide Länder gleichzeitig über handlungsfähige Regierungen verfügen, ungewöhnlich kurz.
Für Berlin heißt das, laufende Projekte zügig voranzubringen und zugleich Szenarien für die Zeit danach vorzubereiten. Ein Sieg Marine Le Pens oder, falls ihre Verurteilung in der Berufung bestätigt wird, ihres Zöglings Jordan Bardella, sollte nicht länger als ausgeschlossen gelten. Der front républicain, also die französische Version der Brandmauer, hat in der Vergangenheit funktioniert, eine Garantie ist dies allerdings nicht mehr. Wahl und Wiederwahl Donald Trumps haben gezeigt, wie wenig Umfragen und etablierte Gewissheiten über den Ausgang einer Wahl vermuten lassen. Ob der politische Cursor in Frankreich weiter nach rechts rückt, dürfte davon abhängen, ob die politische Mitte rechtzeitig einen Kandidaten mit klarem Programm und ausreichender politischer Autorität präsentiert. Andernfalls wird ihre Zersplitterung zum entscheidenden Vorteil ihrer Gegner.
Jeanette Süß ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) des französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri). Zuvor war sie als European Affairs Managerin beim Brüsseler Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, wo sie unter anderem die Frankreich-Projekte der Stiftung betreute.