Handelswege
Was eine Blockade Taiwans für Europa bedeuten würde
AAV-7 Amtracs des Marine Corps während der Militärübung Han Kuang Nr. 33
© von Präsidialamt der Republik China (Taiwan), lizenziert unter CC BY 2.0. Zuschnitt und Farbfilter auf das Original von Wikimedia Commons angewendet.Viele wichtige maritime Handelsrouten verlaufen durch geographische Nadelöhre. Obwohl ihre Passage durch internationales Recht geregelt ist, zeigen die Krisen im Nahen Osten, wie unsicher diese Durchfahrten in Konfliktzeiten werden und wie drastisch die wirtschaftlichen Auswirkungen von Blockaden sind.
Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran sowie des Bab al-Mandab durch die Huthi-Miliz führten bereits zu erheblichen Preisanstiegen bei Rohöl und Düngemitteltransporten.
Auch eine Blockade der Taiwanstraße, etwa im Falle eines chinesischen Angriffs auf Taiwan, hätte dramatische Folgen für die Weltwirtschaft.
Sie würde besonders die Halbleiterindustrie treffen und massive Auswirkungen auf Europa haben. Das erklärt Frederic Spohr, Leiter des Büros in Seoul und Taipeh der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, im Interview mit Charles du Vinage, Asien-Referent der Stiftung.
Taiwan und China sind wirtschaftlich weiterhin eng verflochten. Gleichzeitig versucht Taiwan, seine Abhängigkeit vom chinesischen Markt zu reduzieren. Wo beginnen aus taiwanischer Sicht die Grenzen wirtschaftlicher Verflechtung?
Problematisch wird es dort, wo aus wirtschaftlicher Abhängigkeit politische Verwundbarkeit entsteht. Wenn Taiwan gewisse Vorprodukte oder Rohstoffe nur aus China bekommt und kurzfristig keine Ersatzlieferanten findet, chinesische Anbieter aber auf andere Abnehmer ausweichen können, ist die gegenseitige Abhängigkeit asymmetrisch.
Taiwan hat deswegen in den vergangenen Jahren neue Lieferanten und Absatzmärkte erschlossen und Produktion aus China wieder nach Taiwan geholt. Seit 2016 hat Taiwan außerdem mit der sogenannten New Southbound Policy die Wirtschaftsbeziehungen zu den ASEAN-Staaten, Südasien, Australien und Neuseeland deutlich ausgebaut. Zuletzt investierten taiwanische Unternehmen auch verstärkt in Europa, Japan und anderen demokratischen Staaten. Der Anteil Chinas an den genehmigten taiwanischen Auslandsinvestitionen sank von 83,8 Prozent im Jahr 2010 auf rund 3,75 Prozent im Jahr 2025. Auch der Anteil Chinas und Hongkongs an Taiwans Gesamtexporten sinkt.
Besonderes Augenmerk legt Taiwan natürlich auf seine wichtige Halbleiterindustrie, in der die Abhängigkeiten von chinesischen Vorprodukten möglichst reduziert werden sollen. Angesichts der Dominanz Chinas in vielen Bereichen ist vollkommene Autarkie für Taiwan aber praktisch ausgeschlossen. Selbst wenn Taiwan wichtige Komponenten für seine Halbleiterindustrie aus anderen Ländern importiert, können deren Hersteller weiterhin von chinesischen Vorprodukten und Rohstoffen abhängig sein.
Die Taiwanstraße ist elementar für den internationalen Schiffsverkehr/Seehandel. Chinas de-facto Kontrolle dieses Seewegs bringt für Taiwan erhebliche Sicherheitsaspekte ins Spiel. Welche?
Über eine Kontrolle würde ich nicht sprechen, aber in der Tat baut China seine Dominanz in diesem Seegebiet massiv aus und erhöht seine Präsenz. Einschränkungen des Schiffsverkehrs oder gar eine Blockade hätten für Taiwan dramatische Folgen. Das betrifft beispielsweise die Energieversorgung. Taiwan deckt nur rund 4,6 Prozent seines Energiebedarfs selbst. Bei einer längeren Blockade kämen Engpässe bei Lebensmitteln und industriellen Vorprodukten hinzu. Rund zwei Drittel seines Kalorienbedarfs deckt Taiwan über Importe ab.
Allerdings wäre nicht nur Taiwan betroffen, sondern die gesamte Weltwirtschaft. Vor allem wenn Taiwan seine wichtigen Halbleiter nicht mehr exportieren könnte, wären die Auswirkungen enorm. Bloomberg Economics schätzt, dass eine einjährige vollständige Blockade Taiwans das globale Bruttoinlandsprodukt im ersten Jahr um rund 5,3 Prozent reduzieren könnte.
Was können Deutschland und die EU tun, um den Status quo zu erhalten und einen gewaltsamen Anschluss Taiwans zu verhindern?
Deutschland und Europa müssen Peking glaubhaft vermitteln, dass eine Blockade Taiwans oder sogar eine Invasion extrem teuer für China wäre. Dafür müssen sich die EU-Mitgliedstaaten aber erst einmal auf eine klare Linie einigen. Das ist schwierig, weil die Interessen gegenüber China innerhalb der EU stark variieren. Ist die Krise erst einmal da, wird kaum Zeit bleiben, sich schnell abzustimmen. Die EU sollte deshalb schon jetzt gemeinsam mit Partnern wie den USA und Japan mögliche Sanktionen für den Fall einer Blockade oder Invasion vorbereiten und planen, wie sie die Folgen chinesischer Gegenmaßnahmen abfedern kann.
In einer gemeinsam mit dem European Values Center durchgeführten Simulation hat die Naumann-Stiftung ein solches Szenario mit Think-Tank-Experten durchgespielt. Die EU blieb in der Simulation zögerlich; ihre Mitgliedstaaten waren uneinig. Die Simulation verdeutlichte die starke Abhängigkeit vieler Staaten von ausländischen Energie- und Handelsbeziehungen.
Das trifft auch auf Deutschland zu. Die Bundesregierung hat mit der China-Strategie 2023 das Ziel formuliert, solche Abhängigkeiten zu reduzieren – unsere Analyse dieses Jahr hat aber gezeigt, dass die Abhängigkeit seit Verabschiedung der China-Strategie in mehreren Bereichen sogar weiter zugenommen hat, beispielsweise bei Antibiotika und bestimmten Rohstoffen.
Dass China Handelsbeziehungen als Waffe einsetzt, zeigt es immer wieder. Erst in diesem Jahr setzte China beispielsweise die deutschen Rüstungsunternehmen Rheinmetall und Hensoldt auf eine Exportkontrollliste. Seltene Erden sind für China dabei ein besonders beliebtes Druckmittel, weil der Export für China keine große wirtschaftliche Bedeutung hat.
Um weniger abhängig zu werden, sollten die EU, Taiwan und andere Staaten noch enger zusammenarbeiten. Gemeinsam ist es einfacher, resiliente Lieferketten aufzubauen und sich von China unabhängiger zu machen.
Wie stark wiegt das Argument des gemeinsamen Handels? Kann wirtschaftliche Verflechtung China tatsächlich von militärischen Aktionen gegen Taiwan abhalten?
Wirtschaftliche Verflechtung kann sicherlich ein stabilisierender Faktor sein – eine Friedensgarantie ist sie aber nicht. Die chinesische Führung könnte politische und strategische Ziele höher gewichten als die wirtschaftlichen Schäden eines Konflikts. Und China versucht selbst, Verflechtungen aufzulösen und unabhängiger vom Ausland zu werden. Dadurch verringert Peking seine eigene Verwundbarkeit gegenüber Sanktionen und Lieferstopps. Gleichzeitig stärkt es seine wirtschaftlichen Druckmittel gegenüber anderen Staaten.
Deutschland und die EU sollten weiterhin intensiven Handel mit China betreiben. Entscheidend ist aber, wirtschaftliche Beziehungen immer auch unter dem Gesichtspunkt kritischer Abhängigkeiten und möglichen politischen Erpressungspotenzials zu betrachten. China hat in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt, dass es bereit ist, wirtschaftliche Abhängigkeiten auch politisch einzusetzen.
Frederic Spohr leitet die Büos der Naumann-Stifung in Taiwan und Südkorea.