Vietnam
Zwei Drittel aller Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt

Zu Besuch im „Peace House Shelter“, einem Frauenhaus in Hanoi
Frauen mit Gesichtsmasken gehen in Hanoi auf die Straße
Frauen mit Gesichtsmasken gehen in Hanoi auf die Straße © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Hau Dinh

Laut der jüngsten, staatlichen Studie zu Gewalt gegen Frauen waren fast zwei Drittel aller Frauen in Vietnam einmal oder mehrmals im Leben Opfer physischer, sexueller oder emotionaler Gewalt. Sie erlitten Freiheitseinschränkungen und wirtschaftliche Drohungen seitens ihrer Ehemänner. 32% der Frauen haben in den vergangenen 12 Monaten derartige Gewalt erlebt.

An einem heißen Nachmittag traf unsere kleine Besuchsgruppe der Friedrich Naumann Stiftung Vietnam mit gemischten Gefühlen in Hanois Thuy Khue Straße ein. Hier ist das Center for Women and Development (CWD) der Vietnamesischen Frauenunion zu Hause, ein Partner der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Vietnam. Das CWD unterstützt das Peace House Shelter Projekt, das Frauenhäuser für Opfer häuslicher Gewalt betreibt. Da wir uns der Sensibilität bewusst waren, gingen wir nur als kleine Gruppe von fünf Personen dorthin. Wir wollten aus erster Hand von Sozialarbeiterinnen und von Opfern von den Schattenseiten des Lebens in Vietnam erfahren, das in der Regel im Verborgenen bleibt.

Das „Peace House Shelter“-Projekt: seit 2007 an drei Orten in Vietnam

Im Center for Women and Development erhalten Opfer häuslicher Gewalt kostenlose Beratung über ihre Rechte und einen Rechtsbeistand. Zudem können sich Frauen hier darüber informieren, welche staatlichen Hilfsstellen es sonst noch gibt, zum Beispiel Frauenhäuser. Wir blieben ein paar Minuten und hörten dem Direktor des Zentrums aufmerksam zu. Er beschrieb, dass das „Peace House Shelter“-Projekt seit 2007 in Vietnam drei Frauenhäuser betreibt: Zwei in Hanoi und eins in der südvietnamesischen Großstadt Can Tho, wo landesweit die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt besonders hoch ist. Wo genau die Einrichtungen liegen, wird geheim gehalten. Frauen, die dort Zuflucht suchen, sollen nicht von den Männern gefunden werden, die sie misshandelt haben. Obwohl teilweise von der Regierung unterstützt, hatte das Projekt zu Beginn keine hinreichende finanzielle Basis. Viele Entscheidungsträger konnten oder wollten den Zweck und die Ziele des Projekts nicht verstehen. Die Frauenhäuser mit dem etwas "poetischen" Namen "Peace House Shelter" spiegeln leider die Realität häuslicher Gewalt in Vietnam wieder. Sie stehen für das Schicksal von 1.400 Opfern, die hier seit 2007 durch Unterkunft, Beratung, Berufsausbildung und Hilfsmittel unterstützt werden konnten.

Konfrontation mit unermesslichem Leid

Nach dem Empfang im Zentrum stiegen wir in ein Auto, um – fast schon wie in einem Agententhriller – zu dem eigentlichen Frauenhaus zu fahren, zu einer nirgends publizierten Adresse in Hanoi. Diese Geheimhaltung dient allein dazu, die Sicherheit der Opfer zu gewährleisten. Früher, als Orte bekannt waren, tauchten – wie uns berichtet wurde – gewalttätige Ehemänner auf, um ihre Frauen zu bedrohen. Nach einigen Minuten Fahrt erreichten wir das Frauenhaus. Dort fühlten wir sofort dessen heimische und gemütliche Atmosphäre. Im Wohnzimmer saß eine Gruppe von Kindern der Gewalt-Opfer auf einer Couch. Sie malten, lasen Kinderbücher und unterhielt sich. Hinter friedlichen Lächeln der Kinder verbergen sich unvergessliche Geschichten und schmerzliche Tränen ihrer Mütter, die in ihrem Leben so viel Missbrauch erlitten hatten – sei es durch ihre Ehepartner oder durch Menschenhandel. Hier, im Peace House Shelter, sind die Frauen und ihre Kinder sicher. Wir gingen in den 2. Stock. Dort trafen wir auf die Haushälterin und Sozialarbeiterinnen, die sich von morgens bis abends um die Frauen kümmern, sie beraten und ihnen zuhören. Sie erzählten uns schockierende Geschichten, die wir wohl nie vergessen werden. Eine davon ist die Geschichte einer jungen Frau, der das Zentrum geholfen hatte, als sie sich noch in einem auf Verbrennungen spezialisierten vietnamesischen Krankenhaus befand, um ihren durch häusliche Gewaltanwendung zu 70% verbrannten Körper auszuheilen.

Angst vor der Schande einer Scheidung

Wir konnten aber auch feststellen, dass die Frauen, die hier im Peace House Shelter leben, inzwischen stärker geworden sind als viele andere, die ebenfalls unter häuslicher Gewalt leiden. Diese Frauen wissen jetzt, wie sie für sich selbst kämpfen und die Situation überwinden können. Oft ertragen missbrauchte vietnamesische Frauen ihr unfassbares Leid, weil sie die Kritik von Nachbarn und Verwandten fürchten, die ihnen vorwerfen, die Würde ihrer Männer nicht zu respektieren. Teils haben Sie sogar Angst vor den leiblichen Eltern, für die die Scheidung des eigenen Kindes eine Schande ist.

Die Betreuer der Einrichtung erzählten uns auch haarstäubende Geschichten von den männlichen Gewalttätern, welche die Sozialarbeiterinnen bedrohen, beschimpfen und gar behaupten, dass das Peace House Shelter den Frieden und das Glück ihrer Familie zerstört hat. Viele Male bereits musste das Zentrum Polizei und Sicherheitskräfte um Hilfe bitten, um es vor verbalen und physischen Angriffen der Ehemänner zu schützen, die versuchten, ihre Frauen mit Gewalt zurückzuholen. Diese riskante Arbeit veranlasste schon einige Sozialarbeiterinnen zur Kündigung. Andere Sozialarbeiterinnen, meist sind es Frauen, mussten sogar selbst an einem Therapieprogramm teilnehmen, um Herr ihrer großen psychischen Belastungen zu werden.

Es gibt das Vorurteil, dass häusliche Gewalt nur in Familien mit geringem Bildungsgrad vorzufinden ist. Die Realität sieht jedoch anders aus: Häusliche Gewalt kennt keine Grenzen und kann überall vorkommen, selbst in Familien von Ärzten, Dozenten, Lehrern, Direktoren und erfolgreichen Geschäftsleuten. Es ist ein Gift, das alle Schichten Vietnams betrifft.

Die beharrlichen Bemühungen und aufrüttelnden Botschaften des Peace House Shelter-Projektes bewirkten positive Veränderungen in der vietnamesischen Regierung und Gesellschaft. Ein erstes Gesetz zur Prävention und Kontrolle häuslicher Gewalt wurde 2007 eingeführt, gefolgt von vielen anderen Gesetzen zum Schutz von Frauen. Es hilft im Kampf gegen Gewalt und verschafft den Frauen mehr Selbstvertrauen und Autonomie im Eheleben.

Một điều nhịn, chín điều lành - Wenn Du leidest, wird es Frieden geben

Wir als Team der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit Vietnam drückten am Ende unseres Besuches der Haushälterin und den Sozialarbeiterinnen unsere Anerkennung aus und ermutigten sie, weiterzumachen. Demnächst werden wir in Zusammenarbeit mit unseren Partnern Seminare abhalten, um Frauen zu unterstützen. Im Rahmen der Female Forward-Aktivitäten der Stiftung wollen wir helfen, wirtschaftliche und persönliche Stärken zu entwickeln.

Abschließend noch ein vietnamesisches Sprichwort Một điều nhịn, chín điều lành - Wenn Du leidest, wird es Frieden geben. In dieser modernen Gesellschaft und im Kontext der häuslichen Gewalt hat das Sprichwort jedoch einen schalen Beigeschmack. Heutzutage ist es vielmehr wichtig, dass Frauen für sich selbst kämpfen, um dadurch Frieden in ihren Herzen zu finden.

Vu Quynh Duong ist Referentin, Nguyen Hoang Tram Anh Praktikantin im Vietnam-Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Hanoi.

Wir sind im Beratungsraum und hören den Vertretern des Zentrums zu
Wir sind im Beratungsraum und hören den Vertretern des Zentrums zu © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Gespräch in einem Gästezimmer des Frauenhauses
Gespräch in einem Gästezimmer des Frauenhauses © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Eine Frau, die im Frauenhaus lebt, stellt handgemachte Masken zum Verkauf her
Eine Frau, die im Frauenhaus lebt, stellt handgemachte Masken zum Verkauf her © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Wir übergeben den Frauen der Opfer kleine Geschenke
Wir übergeben den Frauen der Opfer kleine Geschenke © Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

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Johann Ahlers
Johann Ahlers
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