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Neue Regierungskoalition in Marokko
Marokko: Erste Frau an der Regierungsspitze

Was die Wahl für Deutschland und Europa bedeutet
MAP

Bildquelle: Maghreb Arabe Presse (MAP)

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird Marokko von einer Frau regiert. Am 29. September 2026 ernannte König Mohammed VI. Fatima Ezzahra El Mansouri zur Regierungschefin, knapp eine Woche nach den Parlamentswahlen, die die politische Landkarte des Landes neu gezeichnet haben. Auf ihre Regierung warten große Aufgaben: Sie soll Infrastruktur und Beschäftigung voranbringen und das Land auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 vorbereiten, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet. Auch in Europa wird genau hingeschaut. Marokko gilt als einer der stabilsten und dynamischsten Staaten Afrikas, und für die EU und Deutschland ist das Königreich mit seinen rund 36 Millionen Einwohnern ein zentraler Partner bei Migration, Energie, Investitionen und Sicherheit.

Die liberale PAM wird stärkste Kraft

Die liberale Partei für Authentizität und Modernität (PAM) gewann 97 der 395 Sitze im Repräsentantenhaus, vor der Nationalen Sammlung der Unabhängigen (RNI, 66 Sitze), der Istiqlal-Partei (PI, 65 Sitze) und der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD, 54 Sitze). Die bisherige Regierungspartei RNI verlor 36 ihrer Mandate. Zum Erfolg der PAM hat ein prominenter Neuzugang beigetragen: Im Juli 2026 wechselte Haushaltsminister Fouzi Lekjaa zur PAM. Als Präsident des Königlich Marokkanischen Fußballverbands verdankt er seine Popularität vor allem den starken Auftritten der Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften 2022 und 2026 sowie beim Afrika-Cup 2025.

Historische Ernennung der ersten Regierungschefin

Nach Artikel 47 der Verfassung ernennt der König ein Mitglied der stärksten Partei zum Regierungschef. Da die PAM seit Februar 2024 von einer Dreierspitze geführt wird (Fatima Ezzahra El Mansouri, Mohamed Mehdi Bensaïd, Fatima Zohra Saâdi), war zunächst offen, wer zum Zug kommen würde. Am Ende entschied sich der König für El Mansouri. Die 1976 geborene Rechtsanwältin war Kommunalpolitikerin, Abgeordnete und Bürgermeisterin von Marrakesch, zuletzt Ministerin für Raumordnung, Städtebau, Wohnungswesen und Stadtpolitik. Ihr Amtsantritt zeigt, dass sich auch die höchsten Ämter des Landes für Frauen öffnen. Auch im Parlament wächst der Frauenanteil: 107 Frauen zogen ins Repräsentantenhaus ein, mehr als ein Viertel der Abgeordneten. Die meisten von ihnen verdanken ihr Mandat allerdings den für Frauen reservierten Regionallisten, in den Wahlkreisen gewannen nur 17 Kandidatinnen.

In der liberalen Zivilgesellschaft wird die Ernennung von El Mansouri als Aufbruch verstanden – verbunden mit klaren Erwartungen an die neue Regierung:

„Als Marokkanerin, die mit dem International Network of Liberal Women eine internationale NGO leitet, bin ich zutiefst stolz auf die historische Ernennung von Fatima Ezzahra El Mansouri zur ersten Regierungschefin Marokkos. Dieser Meilenstein stärkt unsere Demokratie, weil er für eine gleichberechtigte Vertretung an der Spitze unserer staatlichen Institutionen sorgt und allen Bürgerinnen und Bürgern zeigt, dass politische Führung und Entscheidungsmacht allen gleichermaßen zustehen. Um volle Gleichberechtigung zu erreichen, muss ihre Regierung nun aktiv die wirtschaftlichen, bildungspolitischen und rechtlichen Hürden abbauen, die die finanzielle Unabhängigkeit marokkanischer Frauen und ihren Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt noch immer einschränken.“

– Khadija Oum Bachair El Morabit, Präsidentin des International Network of Liberal Women (INLW)

Das Comeback der PJD

Die PJD, eine Partei des gemäßigten politischen Islam, führte von 2011 bis 2021 die Regierung. Mit der Änderung des Parlamentswahlrechts bei den Wahlen in 2021 kam die Partei nur noch auf 13 Sitze. Mit 54 Sitzen hat sie ihr Ergebnis im Jahr 2026 mehr als vervierfacht – eine der bemerkenswertesten Entwicklungen dieser Wahl, auch wenn sie damit nur auf Platz vier liegt. Eine Koalition mit der PAM lehnte die PJD unmittelbar nach der Wahl ab; sie geht in die Opposition.

Die neue Koalition

Die liberale PAM (97 Sitze) hat sich für ein Bündnis mit der konservativen Istiqlal-Partei (PI, 65 Sitze), der Sozialistischen Union der Volkskräfte (USFP, 26 Sitze) und der Partei des Fortschritts und des Sozialismus (PPS, 19 Sitze) entschieden. Zusammen kommt die Koalition auf 207 Sitze, neun mehr als für die absolute Mehrheit nötig. Im Parlament steht sie damit auf einer komfortablen Basis, ihre Legitimation durch die Wählerschaft ist dagegen begrenzt: Von den 15,8 Millionen Wählerinnen und Wählern, die sich registrieren ließen, gaben nur rund sechs Millionen ihre Stimme ab, mehr als eine Million davon ungültig oder leer.

Ein Marokko der zwei Geschwindigkeiten

Lediglich 38,02 % der registrierten Wählerinnen und Wähler gingen zur Urne. Das ist der niedrigste Wert seit 2007, als die Beteiligung bei 36,89 % lag, und ein deutlicher Einbruch gegenüber 2021, als noch gut die Hälfte (50,35 %) ihre Stimme abgab. Am deutlichsten zeigt sich die Distanz zur Politik bei der Jugend. Fast ein Drittel der Bevölkerung ist jung, doch bis Ende Juli 2026 hatten sich nur 4 % der 18- bis 24-Jährigen überhaupt in die Wählerlisten eingetragen. Die größten Herausforderungen Marokkos sind sozioökonomischer Natur. Die Wirtschaft wächst zwar – die OECD erwartet für 2026 ein Plus von 5 % –, zahlreiche Großprojekte werden vorangetrieben, allen voran die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft 2030, doch gerade viele junge Menschen sehen für sich kaum Perspektiven. Genau daran entzündeten sich im Herbst 2025 die Proteste der Jugendbewegung „Gen Z 212“: Sie richteten sich unter anderem dagegen, dass Milliarden in Stadien fließen, während es an Krankenhäusern fehlt. Die neue Regierung muss beweisen, dass der Aufschwung bei der Jugend und auch im ländlichen Raum ankommt.

Was die Wahlen für Deutschland und Europa bedeuten

Marokkos außenpolitischer Kurs dürfte sich unter der neuen Regierung kaum ändern, da Außen- und Sicherheitspolitik von großer Kontinuität geprägt sind. Das gilt auch für die Beziehungen zu Israel, die Marokko 2020 normalisiert hat. Kurz vor der Wahl vereinbarten beide Länder, ihre Vertretungen zu Botschaften aufzuwerten. Doch gerade bei den Themen, die für Deutschland und die EU zählen, hat die Regierung Spielraum. Wie eng Marokkos innere Lage und Europas Interessen zusammenhängen, zeigte die Krise in Ceuta Ende Juli 2026: Mindestens 88 Menschen kamen ums Leben, die Stadt musste mehr als 800 unbegleitete Minderjährige versorgen. Wer jungen Marokkanerinnen und Marokkanern Perspektiven eröffnet, ob im eigenen Land oder über reguläre Wege in den deutschen Arbeitsmarkt, entschärft auch den Druck an Europas Grenzen. Wirtschaftlich sind beide Länder so eng verflochten wie nie: Der deutsch-marokkanische Handel erreichte 2025 mit rund 7,4 Milliarden Euro einen Rekordwert, und Deutschland setzt auf Marokko als Partner für grünen Wasserstoff. Ob diese Projekte vorankommen, entscheidet sich an Genehmigungen, Netzausbau und Investitionsklima, und liegt damit in der Verantwortung der neuen Regierung. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Die Mehrheit steht – das Vertrauen ist auf dem Prüfstand

Die Wahl hat Marokko eine klare Mehrheit und die erste Frau an der Spitze der Regierung gebracht. Ob daraus ein Aufbruch wird, entscheidet sich nicht im Parlament, sondern bei denen, die der Wahl ferngeblieben sind: den jungen Menschen und den abgehängten Regionen. Gewinnt El Mansouri ihr Vertrauen, profitiert davon auch Europa, das in Rabat einen verlässlichen Partner jenseits des Mittelmeers braucht.