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China's AI
Chinesische KI-Modelle breiten sich rasant in Europa aus

Wachsende Abhängigkeit und aufkommende Risiken
China- vs US-origin Model Use by Country (August 2026)

Chinesische KI-Modelle haben US-amerikanische Modelle in Europa auf einer der wichtigsten KI-Plattformen für Entwickler überholt. Im Juli und August 2026 entfielen in der EU 58 Prozent des Tokenverbrauchs auf OpenRouter, einer der weltweit größten Zugangsplattformen für KI-Modelle, auf chinesische Modelle. In Deutschland erreichte ihr Anteil 61 Prozent, in Frankreich 58 Prozent. Im Vereinigten Königreich machten chinesische Modelle 53 Prozent des Tokenverbrauchs aus.

Das zeigt die neue Studie „China’s AI Sweeps Into Europe“ des Global Innovation Hubs der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Taipeh. Sie untersucht erstmals für einzelne Länder, wie stark chinesische KI-Sprachmodelle verbreitet sind. Dafür wertet sie Daten zum Tokenverbrauch auf der wichtigen KI-Plattform OpenRouter und Downloadzahlen der Plattform Hugging Face aus. Tokens sind eine Art Maßeinheit in der KI-Welt. Sie geben an, wie viel Text ein Modell verarbeitet und erzeugt.

OpenRouter richtet sich insbesondere an Entwickler und Unternehmen, die KI-Modelle in ihre Anwendungen einbinden. Die Daten geben damit Hinweise auf die Verbreitung von KI-Modellen in der Anwendungsentwicklung. Die direkte Nutzung von Angeboten wie der ChatGPT-App wird nicht erfasst. Die Ergebnisse bilden daher nicht den gesamten KI-Markt ab.

Die Studie verdeutlicht dabei auch, wie rasant chinesische KI-Modelle an Bedeutung gewinnen. Noch vor einem Jahr lag ihr Anteil am Tokenverbrauch auf OpenRouter in den EU-Ländern bei nur etwa 15 Prozent. Auch in Deutschland spielten sie damals auf der Plattform nur eine marginale Rolle.

Die Autoren Valentin Weber und Céline Nauer erkennen an, dass die niedrigen Kosten und die zunehmend konkurrenzfähige Leistung chinesischer Modelle die Verbreitung und Nutzung von KI beschleunigen können. Zugleich warnen sie davor, dass viele Nutzer die damit verbundenen Risiken unterschätzen könnten. „Europa braucht wettbewerbsfähige Alternativen und einen Plan B“, sagt Valentin Weber, Senior Research Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Den höchsten Anteil erreichten chinesische Modelle in Luxemburg, wo sie 71 Prozent des Tokenverbrauchs ausmachten. Es folgten Kroatien mit 67 Prozent, Zypern mit 65 Prozent, Österreich und Griechenland mit jeweils 64 Prozent, Polen und die Slowakei mit jeweils 63 Prozent sowie Deutschland mit 61 Prozent.

Eine einseitige Abhängigkeit

Modelle von Unternehmen wie DeepSeek und Alibaba sind häufig zu einem Bruchteil der Kosten führender US-amerikanischer Alternativen verfügbar. Gleichzeitig hat sich der Leistungsabstand zwischen führenden chinesischen und US-amerikanischen Modellen erheblich verringert. Dadurch werden chinesische Modelle für eine wachsende Zahl geschäftlicher Anwendungen attraktiv.

Offene Lizenzen sind ein weiterer Grund für ihre Beliebtheit. Zudem werden mehrere chinesische Modelle als Open-Weight-Modelle veröffentlicht. Unternehmen können sie dadurch herunterladen, anpassen und auf ihrer eigenen Infrastruktur betreiben. „Chinesische Modelle sind erschwinglich und gut genug. Deshalb setzen Unternehmen sie ein. Doch wer heute auf ihnen aufbaut, macht sich von Entscheidungen in Peking abhängig“, sagt Weber.

Während Europa und die USA chinesische Modelle in großem Umfang nutzen, bleibt Chinas KI-Markt weitgehend in sich geschlossen. In China und Hongkong entfallen etwa 95 Prozent des beobachteten Tokenverbrauchs auf chinesische Modelle, während US-amerikanische Modelle lediglich rund fünf Prozent ausmachen. ChatGPT und Claude sind in China zudem nicht verfügbar.

„Diese Asymmetrie ist bedeutsam: Sollte China den Export von Modellen oder den Zugang aus dem Ausland einschränken, wären europäische und US-amerikanische Nutzer unmittelbar betroffen. "Eine vergleichbare US-Beschränkung gegenüber China hätte deutlich geringere Auswirkungen, weil chinesische Nutzer bereits überwiegend auf heimische Modelle setzen“, sagt Céline Nauer, stellvertretende Leiterin des Global Innovation Hub der Stiftung in Taipeh und Mitautorin der Studie.

Drei Risiken für Europa

Sollte China den Zugang zu seinen Modellen einschränken, würde dies hohe Kosten für europäische Unternehmen verursachen. Sobald ein Unternehmen seine Prompts, seine Software und seine Bewertungsverfahren auf ein bestimmtes Modell zugeschnitten hat, kann auch ein Anbieterwechsel kostspielig sein. Open-Weight-Modelle verringern die Abhängigkeit von einer Plattform, aber nicht zwangsläufig die Abhängigkeit von künftigen Updates oder technischer Unterstützung.

Ein weiterer Anlass zur Sorge ist die Verbindung von schwer durchschaubarer Technologie und Anbietern, die chinesischem Recht unterliegen. Leistungsfähige Modelle lassen sich weiterhin nur schwer beurteilen. Gleichzeitig unterliegen chinesische Anbieter chinesischem Recht und können zur Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden verpflichtet sein. Für europäische Nutzer wirft dies Fragen zum Umgang mit Daten, zu Zensur, zum Verhalten der Modelle und zur Verlässlichkeit von KI-generiertem Programmcode auf.

Cybersicherheitsrisiken schaffen zusätzliche Unsicherheit. Häufige Modellupdates könnten es erschweren, Sicherheitslücken oder unerwünschte Veränderungen zu erkennen. Von KI erzeugter Programmcode kann Sicherheitslücken oder versteckte Hintertüren enthalten. Zugleich könnten immer leistungsfähigere Modelle Zugang zu sensiblen Unternehmenssystemen erhalten. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen könnten Schwierigkeiten haben, diese Risiken angemessen einzuschätzen.

Europa braucht Alternativen und einen Plan B

Die rasante Verbreitung chinesischer Modelle zeigt, dass technologische Abhängigkeiten innerhalb kürzester Zeit entstehen können. Europäische Unternehmen sollten deshalb Vorsorge für mögliche Beschränkungen chinesischer oder US-amerikanischer Modelle treffen. Sie sollten prüfen, wie schnell sie den Anbieter wechseln könnten und welche ihrer Produkte und Dienstleistungen von ausländischen Basismodellen abhängen.

Die europäische Politik sollte deutlicher über die Risiken chinesischer KI-Modelle informieren und erwägen, Softwareanbieter zur Offenlegung der großen Sprachmodelle zu verpflichten, auf denen ihre Produkte beruhen. Preisgünstige chinesische Modelle können die Einführung von KI beschleunigen und die Abhängigkeit von wenigen US-amerikanischen Anbietern verringern. Diese Vorteile müssen jedoch gegen die Risiken einer dauerhaften Anbieterbindung, Bedenken beim Umgang mit Daten, Cybersicherheitslücken und geopolitische Abhängigkeiten abgewogen werden. Europa braucht wettbewerbsfähige Alternativen und die Möglichkeit, eine echte strategische Wahl zu treffen.

 

Frederic Spohr leitet die Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) in Taiwan und Korea sowie deren Global Innovation Hub in Taipeh.

Valentin Weber ist Senior Research Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

Celine Nauer ist Projektreferentin und stellvertretende Leiterin des Global Innovation Hub in Taipeh.