KI-Wettrennen
Amerika vorn, China holt auf, Europa bleibt zurück
Ob Suchanfragen, Nachrichtenüberblick oder erste Orientierung bei Gesundheitsfragen: KI-Chatbots sind ein zentraler Zugangskanal zu Wissen und Deutungen geworden. Wer diesen Kanal betreibt, hat Einfluss darauf, welche Informationen sichtbar werden, wie sie gewichtet werden, welche Funktionen verfügbar sind und wo der Dienst zugänglich bleibt. Hier liegt die geopolitische und gesellschaftliche Relevanz.
Eine Analyse von Valentin Weber für den FNF Global Innovation Hub in Taiwan zeigt, wer die wichtigsten KI-Chat-Anwendungen eigentlich bereitstellt und aus welchen Ländern sie stammen. Die Publikation "The Geopolitics of AI App Exports" wertet dafür die Download-Zahlen generativer KI-Apps auf Android-Geräten aus, vom jeweiligen Marktstart bis Ende April 2026. Das Ergebnis ist für Europa besorgniserregend.
Ein Zweikampf, in dem Europa nicht vorkommt
Amerikanische Anbieter wie ChatGPT, Gemini, Claude, Perplexity, Grok, Meta AI und Character.ai wurden zusammen 1,35 Milliarden Mal heruntergeladen. Chinesische Apps wie Dola, DeepSeek und Qwen kommen auf 205 Millionen Downloads, und sie holen seit Mitte 2025 spürbar auf. Und Europa? Dessen große Hoffnung, die französische App Vibe (früher LeChat) von Mistral, bringt es auf gerade einmal 1,26 Millionen. Fast 87 Prozent davon stammen aus EU-Ländern. Selbst zu Hause in Frankreich laden die Menschen lieber Grok herunter als das eigene Produkt.
Dola statt DeepSeek: Chinas wahrer Exporterfolg
Noch dominieren die US-Anbieter den Weltmarkt für generative KI-Apps. Doch in Südostasien und Lateinamerika sind chinesische Anbieter bereits tief verankert. Auf den Philippinen kommen sie auf 47 Prozent der untersuchten Downloads, in Indonesien und Peru auf jeweils 38 Prozent. Auch in Mexiko (30 Prozent), Malaysia (28 Prozent) und Argentinien (27 Prozent) haben chinesische KI-Apps erhebliche Marktanteile erreicht. In Belarus und Russland, wo US-Dienste wie ChatGPT nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind, übertreffen chinesische Apps die amerikanische Konkurrenz sogar.
Der eigentliche Star dieser Expansion ist dabei nicht DeepSeek, dessen großer Hype-Moment Anfang 2025 schnell verpuffte. Es ist Dola, der Chatbot des TikTok-Mutterkonzerns ByteDance. Mit 144 Millionen Downloads liegt Dola weit vor DeepSeek (58 Millionen). Sein Aufstieg beruht wesentlich auf massiven Werbekampagnen in sozialen Medien, insbesondere auf TikTok, das ebenfalls ByteDance gehört. Allein in Mexiko schaltete der Konzern im Oktober 2025 über 400 verschiedene Anzeigen. ByteDance nutzt also die eigene Plattformmacht, um das nächste strategische Produkt auf dem Markt zu platzieren.
KI wird zur Machtfrage
Wer die meistgenutzten KI-Anwendungen eines Marktes kontrolliert, kann Algorithmen anpassen, Produkte zurückziehen oder Hintertüren einbauen und damit auf Informationszugänge, Datenströme und digitale Geschäftsprozesse einwirken. KI-Apps sind keine gewöhnlichen Verbraucherprodukte. Sie sind potenzielle Machtinstrumente.
Die Studie knüpft dabei an das Konzept der technologischen Einflusssphären an, das Weber bereits 2020 geprägt hat: geografische Räume, in denen eine externe Macht eine privilegierte Fähigkeit zur Kontrolle von Technologie besitzt. Neu im KI-Zeitalter ist, dass diese Kontrolle intelligent geworden ist. KI-Systeme geben politische Vorgaben nicht bloß in ihren Antworten wieder, sie können theoretisch eigenständig im Sinne ihrer Herkunftsstaaten handeln.
Dass KI politisch instrumentalisiert wird, zeigen zwei Fälle. Sicherheitsforscher der Firma CrowdStrike haben Hinweise dafür gefunden, dass DeepSeek bei IT-Projekten mit Tibet-Bezug häufiger fehlerhaften Code erzeugte. Ein zweiter Fall ist die vorübergehende Exportkontrolle der US-Regierung gegen Anthropics Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5. Die Maßnahme zielte darauf, besonders leistungsfähige Modelle aus nationalen Sicherheitsgründen für ausländische Staatsangehörige zu beschränken; praktisch führte sie zeitweise zu einer breiteren Deaktivierung, weil Anthropic die Staatsangehörigkeit der Nutzer nicht in Echtzeit prüfen konnte.
Unternehmen und Forschende, die ihre Prozesse auf diese Systeme aufgebaut hatten, standen von einem Tag auf den anderen ohne ihr Werkzeug da. Wer KI tief in die eigenen Abläufe integriert, macht sich verwundbar gegenüber Entscheidungen, die in Washington oder Peking fallen, nicht in Berlin oder Brüssel.
Was Europa daraus lernen sollte
Erstens: Europa sollte Partnerschaften mit KI-Mittelmächten wie Südkorea oder Kanada eingehen, um Schwächen bei Frontier-Modellen auszugleichen. Die im April 2026 angekündigte Partnerschaft zwischen dem kanadischen Unternehmen Cohere und dem deutschen KI-Anbieter Aleph Alpha zeigt beispielhaft den Weg. Gerade weil einseitige Abhängigkeiten so riskant sind, liegt die Antwort in einem Netz verlässlicher Partner statt in der Bindung an einen einzigen Anbieter.
Zweitens: Wachsam bleiben bei der Wahl der Werkzeuge. Die Studie warnt vor den Sicherheitsrisiken chinesischer Open-Source-Modelle, auf denen Teile des europäischen und amerikanischen Startup-Ökosystems aufbauen. Was pragmatisch erscheint, weil europäische Alternativen fehlen, birgt erhebliche Gefahren: Die Möglichkeiten, Sprachmodelle für verdeckte Zwecke zu missbrauchen, werden erst nach und nach sichtbar.
Drittens: In die Zukunft investieren, um bei der nächsten KI-Welle nicht wieder abgehängt zu werden. Das kommende Rennen dreht sich um Embodied AI, also um KI, die in Robotern und physischen Geräten steckt. Dank seiner Stärke in der Robotik ist Europa hier besser positioniert als in früheren KI-Zyklen. Entscheidend wird dabei nicht nur die Hardware sein: Auch das App-Ökosystem, mit dem Roboter und Geräte gesteuert werden, wird über Marktanteile entscheiden. Die Chatbot-Ära hat Europa verpasst. Die Embodied-AI-Ära muss es gewinnen wollen.
Céline Nauer ist Projektberaterin am Global Innovation Hub der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Taiwan.
Frederic Spohr leitet die Standorte der Naumann-Stiftung in Taiwan und Korea.