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Eine Kolumne von Karl-Heinz Paqué

„Cancel Culture“
Illiberal, intolerant und unmenschlich

Die „Cancel Culture“ kann die Meinungsfreiheit zerstören. Sie ist in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht akzeptabel.
Karl-Hein Paqué

Es war zu erwarten. Und es war höchste Zeit. Rund 150 amerikanische und britische Intellektuelle, Kulturschaffende und Wissenschaftler haben sich in einem „Letter on Justice and Open Debate“ gegen die sogenannte „Cancel Culture“ und deren Auswüchse gewandt. Es sind prominente Vertreter aller politischen Richtungen darunter. Der Brief wird in Harper's Magazine im Herbst erscheinen, ist aber schon vorab publik geworden. Seine Kernbotschaft lautet: „Cancel Culture“ und ihre Auswüchse bedrohen die Meinungsfreiheit. Unser Vorstandsvorsitzender Professor Paqué stimmt dem nachdrücklich zu. Er fordert eine offene Debatte über das Problem, auch in Deutschland.

„The way to defeat bad ideas is by exposure, argument and persuasion, not by trying to silence or wish them away. We refuse any false choice between justice and freedom, which cannot exist without each other.” So lauten zwei der Kernsätze aus dem Brief der 150. Sie liefern ein Bekenntnis zum freien Wort – und zwar auch zur Möglichkeit, offensichtlich Unsinniges oder auch nach herkömmlichen Maßstäben Unmoralisches zu behaupten oder zu vertreten. Natürlich gibt es dabei Grenzen der Menschenwürde und Rechte Dritter, die beachtet werden müssen – das verlangt schon jede freiheitliche Verfassung, in Deutschland unser Grundgesetz. Aber die Grenzen sind weit. Sie sollten durch das abgesteckt werden, was in einer liberalen Gesellschaft als robuste Zivilität definiert werden kann, so der treffende Begriff von Timothy Garton Ash – er spricht von „robust civility“. Er meint damit einen Zustand der Gesellschaft, in dem im freien Diskurs auch erlaubt sein muss, über die Stränge des sonst nicht Akzeptablen zu schlagen. Gerade dadurch wird erst die Suche nach Wahrheit der Fakten und dem richtigen Weg der Gesellschaft möglich – wissenschaftlich und politisch, aber auch kulturell und literarisch.

Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Dies gilt jedenfalls dann, wenn wir nicht wieder hinter die Erkenntnisse und Ethik der Aufklärung zurückfallen wollen. Genau dies tut aber die „Cancel Culture“, wie sie derzeit in den Mutterländern der freien Rede, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich, um sich greift. Der Brief nennt Beispiele: „Editors are fired for running controversial pieces; books are withdrawn for alleged inauthenticity; journalists are barred from writing on certain topics; professors are investigated for quoting works of literature in class; a researcher is fired for circulating a peer-reviewed academic study; and the heads of organizations are ousted for what are sometimes just clumpsy mistakes.”

Der jüngste prominente Fall spricht für sich: Jeanine Cummins, eine Autorin mit biografischen Wurzeln in Irland und Puerto Rico, publizierte in den USA einen Roman über illegale mexikanische Einwanderer. Das Buch stieß auf riesige Aufmerksamkeit. Ihre anschließende geplante monatelange Vortragsreise durch die USA musste allerdings abgesagt werden, weil es von der mexikanischen Community schärfsten Protest gab. Grund für den Protest: Das Buch sei nicht authentisch, es beruhe nicht auf eigenen persönlichen Erfahrungen der Autorin und sei im Übrigen inkompetent geschrieben. Wegen der Ausmaße des Protests konnte der Verlag nicht mehr für die Sicherheit der Autorin auf der Vortragsreise garantieren. Ein gewünschtes und gezieltes Ergebnis der „Cancel Culture“, gewissermaßen ihr Erfolg: die Literatur ist zum Schweigen gebracht worden, wegen mangelnder Authentizität und Qualität im Urteil einer Gruppe von Lesern. Das Problem: Die Literatur lebt aber gerade davon, eigene Erfahrungen zu überschreiten – und dies völlig unabhängig von der Qualität des Ergebnisses, das ja von der Literaturkritik und dem Publikum verrissen werden darf. Wo bleibt die Freiheit des Wortes?

Schlimmer noch: Was für eine Welt, in der Autoren um ihre persönliche Sicherheit oder gar ihr Leben fürchten müssen, wenn sie ein Buch publizieren, sei es nun gut oder schlecht! Und dies mitten in der angeblich so liberalen westlichen Zivilisation! Tatsächlich gehört es zur ständigen Übung von Aktivisten der „Cancel Culture“, dass sie im Netz private Adressen und Telefonnummern von angefeindeten Persönlichkeiten bekannt machen, um diese einem möglichst umfassenden Shitstorm der Öffentlichkeit auszusetzen. Solche Praktiken erinnern dann doch ein wenig an jenen fürchterlichen Präzedenzfall, den 1988 der Iran in Person von Ayatollah Khomeini schuf, indem er Salman Rushdie, den Autor des islamkritischen Buches „Die satanischen Verse“, mit einem Todesurteil belegte und die Muslime weltweit zur Vollstreckung des Urteils aufforderte. Es ist kein Zufall, dass Salman Rushdie zu den Mitunterzeichnern des Briefes der 150 gehört. Klar ist natürlich: Zwischen der grausamen Unterdrückung des freien Wortes durch einen totalitären Staat und dem privat initiierten Shitstorm ist noch ein großer Unterschied, aber bei hinreichend aufgeheizter Stimmung kann ein liberales Klima schnell umschlagen in einen brutalen Pranger, der professionelle Existenzen vernichtet. Genau dies wird ja auch von Vertretern der „Cancel Culture“ beabsichtigt oder zumindest billigend in Kauf genommen. Nicht allein der Staat ist dazu in der Lage, sondern auch der Furor und die Wut ansonsten ganz normaler Menschen.

Und klar ist auch, wie die Gesellschaft in einem solchen Klima reagiert. Viele Verleger, Wissenschaftler und Journalisten werden in vorauseilenden Gehorsam auf jede Ecke und Kante ihrer Publikationen verzichten, die den Widerstand der „Cancel Culture“ provozieren könnte. Der öffentliche Diskurs wird Schritt für Schritt verarmen; die robuste Zivilität der Freiheit wird einen schleichenden Tod sterben.

Es wird höchste Zeit, dass sich die Anhänger der „Cancel Culture“ bewusst werden, auf was für einem abschüssigen moralischen Pfad sie sich bewegen. Sie wollen Gerechtigkeit für jene, die aus ihrer Sicht von den angefeindeten Persönlichkeiten gedemütigt und diskriminiert werden. Dies ist ein ehrenwertes Motiv. Aber es rechtfertigt keinesfalls jene Illiberalität, Intoleranz und Unmenschlichkeit, zu der im Ergebnis die „Cancel Culture“ führen kann. Der Brief der 150 ist eine willkommene Gelegenheit, darüber zu diskutieren: mit robuster Zivilität.

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