EN

Freiheit+90
Nermin Abadan-Unat: Pionierin der Migrationsforschung in der Türkei

Nermin Abadan-Unat
© Boğaziçi Üniversitesi

Wenn wir heute über Migration als eines der zentralen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit sprechen, dann geschieht dies mit einem Wissen, das über Jahrzehnte hinweg erarbeitet wurde. Zu denjenigen, die dieses Wissen früh geprägt haben, gehört Nermin Abadan-Unat.

In den frühen Jahren der deutsch-türkischen Arbeitsmigration war vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, keineswegs erkannt. Weder in der Politik noch in der Wissenschaft wurde das Phänomen in seiner langfristigen Bedeutung erfasst. Während Migration vor allem als vorübergehendes Arbeitsmarktinstrument betrachtet wurde, richtete Abadan-Unat ihren Blick auf die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen, die sich zwischen zwei Ländern bewegten und deren Erfahrungen sich nicht in statistischen Kategorien erschöpften.

Wenn wir im Rahmen von Freiheit+90 auf Persönlichkeiten blicken, die für liberale Werte stehen, dann geht es um Lebenswege, in denen sich Freiheit als Praxis zeigt. Nermin Abadan-Unat gehört in diese Kategorie, weil ihr wissenschaftliches und persönliches Wirken eng miteinander verwoben sind.

Geboren 1921 in Wien und aufgewachsen in Budapest mit ihrer Mutter, war ihr eigener Lebensweg von Mobilität, Brüchen und Neuanfängen geprägt. Nach dem frühen Tod ihres Vaters und schwierigen Lebensumständen entschied sie sich als junge Frau, ihre Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen und in der Türkei fortzusetzen. Dieser Schritt war keineswegs selbstverständlich, sondern Ausdruck eines starken Willens zur Selbstbestimmung, der sich später auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit widerspiegeln sollte.

Ihre akademische Laufbahn führte sie zunächst über das Jurastudium in Istanbul in die Politikwissenschaft, die sie über Jahrzehnte an der Universität Ankara prägte. Dort gehörte sie zu den ersten Frauen, die sich in einem stark männlich dominierten Umfeld durchsetzten, neue Themen etablierten und institutionelle Strukturen mitgestalteten. Dazu zählen unter anderem der Aufbau eines Lehrstuhls für politisches Verhalten sowie ihr Engagement in der Entwicklung medien- und kommunikationsbezogener Studiengänge.

Besondere Bedeutung kommt ihren frühen Arbeiten zur Arbeitsmigration zu. Bereits 1963 legte sie eine Studie über die Situation türkischer Arbeiter in Westdeutschland vor, die nicht nur eine der ersten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen dieses Themenfeldes darstellt, sondern auch methodisch und inhaltlich neue Maßstäbe setzte. Während staatliche Stellen vor allem ökonomische Aspekte wie Devisenströme oder Arbeitsmarktbedarfe in den Blick nahmen, untersuchte Abadan-Unat systematisch und fernab vom Elfenbeinturm die Lebensbedingungen, Erwartungen und Handlungsmuster der Migranten selbst.

Dabei wurde deutlich, wie stark die damalige Perspektive durch eine Verkürzung geprägt war. Migration erschien als temporäre Entsendung von Arbeitskräften, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei. Begriffe wie „Gastarbeiter“ spiegelten diese Erwartung wider, die sich im Nachhinein als Fehleinschätzung erwies. Abadan-Unat erkannte früh, dass es sich um einen langfristigen gesellschaftlichen Prozess handelte, dessen soziale und kulturelle Dimensionen nicht ignoriert werden konnten.

Ihre empirischen Beobachtungen sind in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. Sie beschreibt etwa die Situation in den Arbeiterwohnheimen, in denen mehrere Personen in engen Räumen zusammenlebten und ihren Alltag organisierten. Dort kochten sie auf kleinen Heizplatten, um Kosten zu sparen, und entwickelten Formen gegenseitiger Unterstützung, die gleichzeitig von starker sozialer Kontrolle geprägt waren. Vor allem die Ernährungssituation war problematisch; viele Arbeiter verzichteten auf Kantinenessen, wenn dieses nicht ihren religiösen Vorstellungen entsprach, und ernährten sich stattdessen einseitig, was gesundheitliche Folgen hatte.

In einem Fall berichtete ihr ein Arbeiter, dass er sonntags gelegentlich ein Huhn stahl, um es nach den eigenen religiösen Regeln zuzubereiten, da er das angebotene Fleisch nicht als akzeptabel empfand. Solche Episoden verdeutlichen, wie wenig die alltäglichen Bedürfnisse und kulturellen Praktiken der Migranten berücksichtigt wurden. Abadan-Unat reagierte darauf nicht mit moralischer Bewertung, sondern mit pragmatischen Vorschlägen, etwa der Einrichtung von Gebetsräumen oder einfachen Anpassungen in Kantinen, die viele Konflikte hätten vermeiden können.

Ein weiteres prägnantes Bild ist der Bahnhof als sozialer Ort. Viele Arbeiter hielten sich dort auf, weil er eine Verbindung zur Heimat symbolisierte und gleichzeitig keine Kosten verursachte. Dieses Verhalten wurde von Außenstehenden oft missverstanden, lässt sich aber im Kontext einer Lebenssituation erklären, die stark auf Sparsamkeit, temporäre Orientierung und emotionale Distanz zur Aufnahmegesellschaft ausgerichtet war.

Neben diesen alltagsbezogenen Beobachtungen entwickelte Abadan-Unat früh ein analytisches Verständnis der strukturellen Bedingungen von Migration. Sie wies auf das asymmetrische Verhältnis zwischen Aufnahme- und Entsendeländern hin und beschrieb Prozesse wie Dequalifizierung und Statusverlust, von denen viele Migranten betroffen waren. Gut ausgebildete Personen arbeiteten häufig unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, da ihre Abschlüsse nicht anerkannt wurden, was langfristige Auswirkungen auf die psychologische Gesundheit der Betroffenen war.

Gleichzeitig betonte sie die Eigenständigkeit der Migranten. Viele der ersten Arbeitsmigranten verfügten über ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau und zeichneten sich durch einen ausgeprägten Unternehmergeist aus. Ihr Ziel war häufig nicht die dauerhafte Integration in den industriellen Arbeitsmarkt, sondern die Rückkehr mit ausreichendem Kapital, um ein eigenes Geschäft aufzubauen. Diese Perspektive unterschied sich deutlich von den Erwartungen staatlicher Planungsbehörden, die von einer Rückkehr qualifizierter Fachkräfte ausgingen.

Trotz der analytischen Qualität ihrer Arbeiten stießen ihre Ergebnisse zunächst auf begrenzte Resonanz. Ihre erste Studie wurde nicht als Qualifikationsschrift anerkannt, und viele ihrer Empfehlungen fanden keinen Eingang in politische Maßnahmen. Auch in Deutschland blieb das Interesse an ihren frühen Vorträgen und Publikationen oft oberflächlich. Diese mangelnde Rezeption erklärt sich teilweise aus dem damaligen Verständnis von Migration, das ihre langfristige Bedeutung unterschätzte. Dennoch blieb sie über Jahrzehnte hinweg ihrem Forschungsthema treu. Dies begründet sie selbst mit einem Verständnis von intellektueller Verantwortung. Wer über Wissen verfüge, so ihre Überzeugung, habe die Pflicht, dieses Wissen zu teilen und in gesellschaftliche Debatten einzubringen.

Im Laufe der Zeit erweiterten sich ihre Forschungsperspektiven. Sie beschäftigte sich mit Fragen der Frauenmigration und zeigte, dass Migration für viele Frauen auch einen Raum für Emanzipation eröffnen konnte, der jedoch stark vom sozialen Kontext abhing. Während einige Frauen im Ausland neue Rollen einnahmen, kehrten sie nach ihrer Rückkehr häufig in traditionelle Strukturen zurück, sofern die lokalen Bedingungen keine Fortsetzung dieser Entwicklung zuließen.

Auch das Thema Identität rückte stärker in den Fokus. Abadan-Unat beobachtete, dass sich im Laufe der Generationen zunehmend mehrdimensionale Identitätsformen entwickelten, die sich nicht mehr eindeutig national zuordnen ließen. Menschen konnten sich gleichzeitig als Teil verschiedener sozialer und kultureller Räume verstehen, was klassische Integrationskonzepte infrage stellte. In diesem Zusammenhang kritisierte sie den oft unscharf verwendeten Integrationsbegriff und plädierte für ein differenzierteres Verständnis von Zugehörigkeit in einer zunehmend transnationalen Welt.

Diese Entwicklungen sind auch für die Arbeit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit von zentraler Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit Migration, Identität und gesellschaftlicher Teilhabe ist ein wesentlicher Bestandteil politischer Bildungsarbeit, insbesondere in einem historisch tiefen Kontext wie dem deutsch-türkischen Verhältnis. Abadan-Unats Arbeiten bieten hierfür wichtige analytische Grundlagen, weil sie früh auf Fragen hingewiesen hat, die heute im Zentrum politischer Debatten stehen.

In der Arbeit des Istanbuler Auslandsbüros zeigt sich immer wieder, dass viele der von ihr beschriebenen Themen weiterhin relevant sind: die Frage nach politischer Repräsentation, die Bedeutung von Bildung, die Rolle von zivilgesellschaftlichen Strukturen und die Herausforderung, unterschiedliche Lebensrealitäten in einen produktiven Dialog zu bringen. Freiheit wird in diesem Zusammenhang als konkrete Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich ihr Lebenswerk auch als Beitrag zu einem liberalen Verständnis von Gesellschaft lesen. Es geht um die Anerkennung individueller Lebenswege, um die Bedeutung von Eigeninitiative und um die Notwendigkeit, politische und gesellschaftliche Strukturen so zu gestalten, dass sie diese Vielfalt ermöglichen und nicht einschränken.

Am Ende bleibt die Frage nach dem Vermächtnis. „Wenn ich morgen sterbe“, sagte sie einmal, „wird man vielleicht sagen, dass ich vieles vorausgesehen habe.“ Dieser Satz wirkt nicht wie ein Ausdruck von Bitterkeit, sondern eher wie eine nüchterne Einschätzung. Er verweist darauf, dass wissenschaftliche Erkenntnis und gesellschaftliche Anerkennung oft zeitlich auseinanderfallen. Vielleicht liegt die besondere Konsequenz ihres Wirkens gerade darin, dass sie ihre Arbeit nie davon abhängig gemacht hat, ob sie unmittelbar Zustimmung erfährt, sondern davon, ob sie inhaltlich überzeugt ist. In diesem Sinne steht Nermin Abadan-Unat für eine Form von intellektueller Unabhängigkeit, die in ihrer Klarheit und Beharrlichkeit bis heute bemerkenswert ist.