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NATO Summit 2026
Ankara-Gipfel: Ein Test für die NATO und die europäische Sicherheitsarchitektur

NATO Summit 2026
© FNF Türkiye

Der Gipfel in Ankara galt als Gradmesser dafür, ob die NATO die im vergangenen Jahr eingegangenen Zusagen zu höheren Verteidigungsausgaben in konkrete militärische Fähigkeiten umsetzen kann. Im Vorfeld konzentrierten sich die Beratungen der Bündnispartner auf den Ausbau der Verteidigungsindustrie, die gemeinsame Beschaffung, die Stärkung der Luftverteidigung, die Munitionsproduktion sowie die langfristige Unterstützung der Ukraine.

Mit der Teilnahme von US-Präsident Donald Trump ging es jedoch um weit mehr als nur Fähigkeitsziele. Noch bevor die Abschlusserklärung vorgestellt wurde, erklärte Trump die Waffenruhe mit Iran für beendet, kritisierte Spanien wegen seiner Verteidigungsausgaben und bekräftigte erneut seinen Anspruch, Grönland unter US-Kontrolle zustellen.

Der Gipfel fand vor dem Hintergrund eines sichtbar nachlassenden sicherheitspolitischen Engagements der USA in Europa statt. Nachdem Washington jüngst Truppenabzüge aus Europa angekündigt und die der Allianz zur Verfügung stehenden militärischen Kapazitäten reduziert hatte, wird zunehmend deutlich, dass die europäischen NATO-Mitglieder künftig einen größeren Teil der Last tragen müssen. Trumps Äußerungen unterstrichen diese Entwicklung erneut.

Während die Staats- und Regierungschefs der NATO in Ankara zu einem der bedeutendsten Gipfel der vergangenen Jahre zusammenkamen, reichten die Debatten weit über die offiziellen Verhandlungsräume hinaus. Eine Frage zog sich durch viele Gespräche: Wie könnte eine stärkere europäische Säule innerhalb der NATO aussehen – und welche Rolle kommt der Türkei dabei zu?

Diese Frage stand auch im Mittelpunkt der offiziellen Begleitveranstaltung „Mind the Gap: Can Europe Build a More European NATO?“, die vom Centre for Economics and Foreign Policy Studies (EDAM), dem Hague Centre for Strategic Studies und dem Tagesspiegel gemeinsam mit dem Türkei-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im Rahmen der Initiative „Allies in Ankara“ veranstaltet wurde.

Die Diskussion fand am Vorabend des Gipfels im Ankara Palas unter Chatham House Rules statt. Politikerinnen und Politiker, Militärvertreter, Diplomatinnen und Diplomaten sowie Sicherheitsexpertinnen und -experten diskutierten über eine der zentralen strategischen Zukunftsfragen des Bündnisses. Das Interesse reichte weit über die Fachöffentlichkeit hinaus; zahlreiche internationale Medien begleiteten die Veranstaltung.

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NATO entwickelt sich zu einer NATO 3.0

Die Diskussion fiel mit der Veröffentlichung des neuen EDAM-Policy-Papers „Europeanizing NATO: A Turkish Perspective“ zusammen. Verfasst wurde es von ehemaligen türkischen Entscheidungsträgern mit langjähriger Verantwortung für die Beziehungen zur NATO: Fatih Ceylan, Alper Coşkun, Tacan İldem, Nihat Kökmen, Yavuz Türkgenci, Sinan Ülgen, Çiğdem Üstün und Ahmet Üzümcü. Das Papier analysiert die Stärkung der europäischen Säule der NATO und plädiert zudem dafür, den Zusammenhalt des Bündnisses zu festigen, anstatt neue Trennlinien zwischen EU- und Nicht-EU-Mitgliedern zu schaffen.

Nach Auffassung der Autoren entwickelt sich die NATO zu einem „NATO-3.0“-Modell. Treiber sind zum einen die durch den Krieg gegen die Ukraine sichtbar gewordene Transformation der Kriegsführung und zum anderen die veränderte transatlantische Lastenteilung, da die USA ihren Fokus zunehmend auf die eigene Sicherheit und den Indopazifik richten. Die Allianz bleibt transatlantisch, wird künftig jedoch von einer stärkeren europäischen Rolle, höheren industriellen Verteidigungskapazitäten, engerer technologischer Integration sowie größerer Eigenverantwortung der Mitgliedstaaten geprägt sein.

Die Europäisierung der NATO bedeutet aus dieser Perspektive keine Verringerung der amerikanischen Rolle, sondern eine Stärkung der europäischen Handlungsfähigkeit bei gleichzeitigem Erhalt des transatlantischen Zusammenhalts. Dafür seien insbesondere eine engere Zusammenarbeit bei Verteidigungsproduktion, Beschaffung und Innovation erforderlich.

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Besondere Aufmerksamkeit widmet das Papier der Rolle der Türkei. Sie sollte nicht länger ausschließlich über ihre geografische Lage an der südöstlichen Flanke der NATO definiert werden. Vielmehr machen ihre wachsende Verteidigungsindustrie, ihre operative militärische Erfahrung sowie ihre strategische Lage zwischen Europa, Schwarzem Meer und Nahost sie zu einem immer wichtigeren Akteur für die europäische Sicherheit.

Zugleich warnen die Autoren vor einer ausschließlich EU-zentrierten Verteidigungsarchitektur. Würden leistungsfähige Nicht-EU-NATO-Mitglieder wie die Türkei, das Vereinigte Königreich oder Norwegen aus neuen industriellen Kooperationsformaten ausgeschlossen, könnte dies Europas Sicherheit eher schwächen als stärken.

Die Diskussion spiegelte die übergeordneten Entwicklungen rund um den Gipfel wider. Im Mittelpunkt standen die Umsetzung langfristiger Verteidigungsinvestitionen, der Ausbau der Verteidigungsindustrie sowie die fortgesetzte Unterstützung der Ukraine. Damit verlagert sich die NATO-Agenda zunehmend von kurzfristigem Krisenmanagement hin zu langfristiger Resilienz, industrieller Leistungsfähigkeit und kollektiver Einsatzbereitschaft.

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Verbündete bekräftigen Bekenntnis zu Artikel 5

Die Gipfelerklärung sollte letztlich Geschlossenheit demonstrieren. Die Verbündeten bekräftigten ihr „eisernes“ Bekenntnis zu Artikel 5, verwiesen darauf, dass die europäischen Alliierten und Kanada ihre Verteidigungsausgaben 2025 um mehr als 122 Milliarden Euro erhöht haben, und kündigten zusätzliche Beschaffungen im Umfang von mehr als 44 Milliarden Euro an. Die Unterstützung der Ukraine bleibt Priorität: Für 2026 sagte die NATO Militärhilfe, Ausrüstung und Ausbildung im Wert von 70 Milliarden Euro zu sowie vergleichbare Mittel für das Folgejahr. Am Rande des Gipfels stellte Trump dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zudem eine US-Lizenz zur Produktion von Patriot-Luftverteidigungssystemen in Aussicht.

Für Europa war der Gipfel ein weiterer Weckruf. Mit den Beschlüssen zu kollektiver Verteidigung, Ukraine-Unterstützung und industrieller Mobilisierung bestehen die Grundlagen für eine starke Rolle der NATO in der europäischen Sicherheit. Gleichzeitig wird deutlich, dass Europa künftig mehr Eigenverantwortung übernehmen muss und nicht länger darauf setzen kann, dass die USA wie bisher einspringen. Für Deutschland gilt dies in besonderem Maße: Als logistisches Drehkreuz der NATO, zentraler Akteur bei Luftverteidigung, Verteidigungsindustrie und der Verstärkung der Ostflanke steht Berlin unter erheblichem Handlungsdruck (Lesen Sie dazu auch unsere Umfrage "Neue deutsche Führungsrolle? Was unsere Verbündeten in Europa von Deutschland erwarten"). Es geht längst nicht mehr nur darum, die vereinbarten Ausgabenziele zu erfüllen, sondern die Zeitenwende möglichst schnell in konkrete militärische Fähigkeiten zu übersetzen.