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MYANMAR
Wie eine Blockade und die globale Gier nach Seltenen Erden Myanmar verwüsten

Tagu Films

Young Students under candle lights at nights

© Tagu Films

Bis 2030 muss die EU ihre Emissionen um 55 Prozent senken und Deutschland strebt 15 Millionen Elektrofahrzeuge auf seinen Straßen an (im Jahr 2023 waren es 2,3 Millionen). Dieser Sprung erfordert sechsmal mehr Seltene Erden und zwölfmal mehr Lithium. Doch die jahrzehntelange Verarbeitung dieser Metalle hinterlässt giftige, mit Thorium belastete Abfälle, die in Böden und Grundwasser sickern, und vergiftet landwirtschaftliche Flächen. Sie vertreibt Hirtengemeinschaften und bedroht sowohl Ökosysteme als auch die menschliche Gesundheit. Vergiften wir mit unserer Klimaschutzlösung den Boden für unsere Zukunft?

Im April 2026, auf dem Höhepunkt der Treibstoffpreiskrise – nur wenige Wochen nach der Schließung der Straße von Hormus am 28. Februar –, traf ein 28-jähriger Vater am Stadtrand von Yangon die schmerzhafteste Entscheidung seines Lebens. Er versammelte seine beiden Kinder und sagte ihnen, dass sie nicht länger zur Schule gehen könnten. Das Geld, das zuvor für Uniformen und Bücher bestimmt gewesen war, musste nun Reis kaufen. (Asia News Network, 2026.) Für den größten Teil der Welt bedeutete die Schließung der Straße von Hormus höhere Ölpreise; für Myanmar, das mehr als 90 Prozent seines Treibstoffs importiert, war sie eine Katastrophe.

Wo ist Myanmar?

Seit der Antike dient Myanmar als entscheidende Landbrücke zwischen China und dem Indischen Ozean entlang der südlichen Seidenstraße. Im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. zogen Karawanen von Chengdu über Yunnan nach Myanmar und weiter nach Indien – eine Route von solcher Bedeutung, dass römische Gesandte in den Jahren 97 und 121 n. Chr. sie bewusst wählten (Gyan, 2023). Auch Marco Polo war 1282 von diesem Weg beeindruckt. Er beschrieb Bagan, das er „Mien“ nannte, als eine Stadt mit vergoldeten Türmen und silbernen Spitzen (English School, 1921).

Wirtschaftlicher Zusammenbruch

Der wirtschaftliche Zusammenbruch Myanmars zeigt sich besonders deutlich an den Tankstellen. Obwohl mineralische Brennstoffe die wichtigste Importkategorie des Landes bilden, fehlt es an eigener Raffineriekapazität. Dadurch ist Myanmar globalen Schocks schutzlos ausgeliefert. Als die Blockade der Straße von Hormus einsetzte, stieg der Preis Benzin mit 95 Oktan auf 115 Prozent über das Vorkrisenniveau. Für einen Regierungsangestellten mit einem Monatsgehalt von gerade einmal 60 Euro kostet ein Volltanken für PKW inzwischen 80 Euro. Das ist mehr als ein Monatsgehalt.

Auf dem Höhepunkt der Engpässe bildeten sich die Schlangen für den Treibstoff des nächsten Morgens bereits am Vorabend und zogen sich durch Yangons Straßen - lange nachdem die nächtliche Ausgangssperre begonnen hat.

Bereits seit 2003 sind in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt und am weitesten entwickelten Stadt des Landes, Motorräder ohne nachvollziehbare Begründung verboten. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind dadurch auf ein öffentliches Verkehrssystem angewiesen, das so unsicher und ineffizient ist, dass die deutsche Botschaft ihren Partnern aus internationalen Nichtregierungsorganisationen offiziell davon abrät, es zu nutzen.

Die Inflation erreichte im April 2026 24,6 Prozent. Düngemittelimporte wurden halbiert, wodurch die landwirtschaftliche Produktion um 15 Prozent zurückging. Bekleidungsfabriken schließen in großer Zahl. Die Rationierungsmaßnahmen des Regimes, etwa die abwechselnde Zulassung von Fahrzeugen anhand der Kennzeichennummern, sind bestenfalls kosmetischer Natur. Die eigentliche Priorität des Militärs besteht darin, Treibstoff für Luftangriffe auf von Revolutionären kontrollierte Gebiete zu horten; kommerzielle Flüge bleiben deshalb auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Myanmar kämpft nicht einfach ums Überleben – das Land verzehrt seine eigene Zukunft, um ein zerfallendes Regime zu bewahren.

Die menschliche Sicherheit ist in Gefahr

Die menschliche Sicherheit in Myanmar zerfällt in alarmierendem Tempo. 12,4 Millionen Menschen leiden inzwischen unter Ernährungsunsicherheit – fast ein Viertel der Bevölkerung. Der Preis für Reis, das Grundnahrungsmittel des Landes, ist um 20 Prozent gestiegen (WFP). Seit dem Militärputsch von 2021 hat der bewaffnete Konflikt nach Angaben von ACLED bis Juli 2026 mehr als 100.114 Menschenleben gefordert. Die Vereinten Nationen haben allein zwischen August 2025 und Januar 2026 702 zivile Todesfälle durch Luftangriffe bestätigt und gewarnt, dass die schwindende internationale Hilfe das Leid der Zivilbevölkerung weiter verschärft.

Das ohnehin fragile Gesundheitssystem ist unter militärischen Blockaden und gekürzter Finanzierung zusammengebrochen. Millionen Menschen haben keinen Zugang mehr zu einer auch nur grundlegenden Notfallversorgung. Trotz wiederholter internationaler Appelle bleibt der von der ASEAN koordinierte humanitäre Korridor, der unabhängig von politischen Zugehörigkeiten konfliktbetroffene Regionen erreichen soll, seit mehr als fünf Jahren durch das herrschende Regime blockiert – ein erschütternder Beleg für dessen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben der Zivilbevölkerung.

Die Tragödie verdichtete sich in einem einzigen herzzerreißenden Bild: Bei einem Luftangriff auf das Dorf Oe Htein Kwin wurden 20 Kinder und zwei Lehrkräfte getötet – eine Wunde, die Myanmar über Generationen hinweg verfolgen wird.

Geopolitische Neuorientierungen und die Abhängigkeit von Seltenen Erden

Myanmar ist inzwischen Chinas wichtigste externe Quelle für Seltene Erden und deckt 60 bis 87 Prozent seiner jährlichen Importe. Dieser Handel brachte zwischen 2017 und 2024 mehr als 4 Milliarden US-Dollar ein - 84 Prozent davon nach dem Militärputsch von 2021 (ISP Myanmar). Allein im Jahr 2024 entfielen auf China 70 Prozent der weltweiten Produktion Seltener Erden. Damit zementierte das Land seine Dominanz über Mineralien, die für Elektrofahrzeuge, Windkraftanlagen und moderne Verteidigungssysteme unverzichtbar sind.

Diese Abhängigkeit legt ein tiefgreifendes ethisches Paradox offen: Westliche Regierungen verhängen öffentlich Sanktionen gegen Myanmars herrschende Junta, während sie stillschweigend genau jene Mineralien konsumieren, die deren Kriegsmaschinerie antreiben, wie der New Indian Express pointiert festgestellt hat.

Nirgendwo ist dieser Widerspruch so deutlich wie im Bundesstaat Kachin, dem globalen Zentrum des Abbaus Schwerer Seltener Erden. Dysprosium und Terbium sind der Lebensnerv sauberer Energietechnologien. Die Kachin Independence Army hat die Kontrolle über die Bergbauaktivitäten übernommen und eigene Steuern eingeführt. Dieser Machtwechsel ließ die Terbiumpreise umgehend um 21 Prozent steigen. Die grüne Zukunft des Westens scheint somit in Myanmars Konfliktzonen geschmiedet zu werden. Der Preis des Fortschritts wird dort nicht in Euro oder Dollar bemessen, sondern im Blut einer Nation, die sich selbst zerreißt.

Die Wiederbelebung alter Korridore: Das strategische Gebot für China und Indien

Die heutigen Infrastrukturprojekte sind im Grunde eine Wiederbelebung von Handelswegen, die Jahrtausende alt sind. Diese alten Korridore transportierten neben chinesischer Staatskunst und Ideologie auch indisch geprägte Kultur und Religion. Sie prägten damit die heutige Indochinesische Halbinsel und in weiterer Folge Südostasien. Was sich heute abspielt, ist nicht nur ein Wettbewerb um wirtschaftlichen Wohlstand. Es handelt sich um eine Vorsorgestrategie gegen eine globale Ordnung, die durch politische Rivalität, einen Rüstungswettlauf und historische Bruchlinien zunehmend störungsanfällig ist – mit Millionen von Menschenleben auf dem Spiel.

Chinas Malakka-Dilemma

ISP Myanmar
© ISP Myanmar

Der Wirtschaftskorridor China–Myanmar verbindet Yunnan im Süden Chinas mit Kyaukphyu, einem Tiefseehafen an der Westküste Myanmars. Die Route soll die Straße von Malakka vollständig umgehen. Das „Malakka-Dilemma“ bezeichnet Chinas strukturelle Abhängigkeit von diesem engen Nadelöhr zwischen dem Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer: Jährlich passieren es mehr als 60.000 Schiffe. Sie transportieren ungefähr ein Viertel des weltweiten Seehandels und rund 80 Prozent der chinesischen Rohölimporte.

Hu Jintao, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, prägte den Begriff 2003, um Pekings Sorge vor Piraterie, maritimem Terrorismus und dem Risiko geopolitischer Störungen – insbesondere durch die Vereinigten Staaten – zu beschreiben.

Indiens Antwort: Das Kaladan-Projekt

Das multimodale Transit- und Transportprojekt Kaladan verbindet Kalkutta über den Hafen von Sittwe mit Mizoram und bietet eine Alternative zum verwundbaren Siliguri-Korridor. Dieser als „Chicken’s Neck“ bekannte Landstreifen in Westbengalen ist 17 bis 22 Kilometer breit und 60 Kilometer lang. Er wird von Nepal, Bangladesch und Bhutan begrenzt und stellt Indiens einzige Landverbindung zu seinen acht nordöstlichen Bundesstaaten dar – eine Lebensader für mehr als 40 Millionen Menschen.

Aimcraze
© Aimcraze

Sittwe selbst, früher Akyab genannt, ist kein Neuling im globalen Handel. Bereits in den 1860er-Jahren beherbergte die Stadt eine US-Konsularagentur unter dem amerikanischen Generalkonsulat in Kalkutta, als Myanmar noch Britisch-Birma war. Später bauten die Briten Sittwe zu einem Tiefwasserhafen aus. Historische Fotografien zeigen sogar Mercedes-Benz-Ausstellungsräume, in denen im Sittwe des frühen 20. Jahrhunderts die neuesten Modelle präsentiert wurden – ein Niveau kommerzieller Entwicklung, das Yangon, die heute am weitesten entwickelte Stadt Myanmars, noch immer nicht erreicht.

Die bewaffneten Gruppen, die die Schlüssel in der Hand halten

Nach Bangladeschs Unabhängigkeit von Pakistan war es für Indien strategisch sinnvoll, eine direkte und kostengünstige Route nach Myanmar zu verfolgen, die die Zollkontrollen Bangladeschs vollständig umgeht. Die trilaterale Fernstraße Indien–Myanmar–Thailand, die sich über 1.400 Kilometer erstreckt, führt dieses Vorhaben noch weiter nach Osten und verbindet Indien auf dem Landweg mit dem gesamten südostasiatischen Festland.

Beide Projekte verlaufen jedoch durch Gebiete, die diese beiden Hauptstädte nicht vollständig kontrollieren. Die Arakan Army hält das Gebiet entlang der Kaladan-Route, während die Kachin Independence Army den rohstoffreichen Norden kontrolliert. Die langfristige Lebensfähigkeit dieser Korridore hängt daher weniger von der Zentralgewalt in Naypyidaw ab als von der Einbindung der bewaffneten ethnischen Organisationen, die heute physisch über diese Handelswege verfügen – Bevölkerungsgruppen mit eigenen Identitäten und Interessen, die sich vom birmanisch dominierten Kernland Myanmars unterscheiden.

ISP Myanmar
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Europa konsumiert Konfliktmineralien ohne ethisches Engagement.

Ethisches Engagement von EU und Deutschland sind geboten

Die Europäische Union sanktioniert Myanmar, ist aber gleichzeitig stillschweigend auf 60 bis 87 Prozent seiner Schweren Seltener Erden angewiesen – seit 2017 ein Handel im Wert von mehr als 4 Milliarden US-Dollar.

Dieser Widerspruch verschärft sich dadurch, dass Deutschland als industrielle Lokomotive der EU im Jahr 2025 chinesische Seltene Erden im Wert von mehr als 24 Millionen Euro kaufte – doppelt so viel wie im Vorjahr. China ist damit inzwischen der alleinige Zugangswächter für Mineralien, die für Elektrofahrzeuge, Windkraftanlagen und Verteidigungssysteme von zentraler Bedeutung sind. Das wirft spürbare sicherheitspolitische Fragen auf.

Europäische Sorgfaltspflichtgesetze, darunter das Lieferkettengesetz, schreiben die Nachverfolgung von Risiken vor. Doch Lieferketten bleiben hartnäckig mit Konfliktgebieten in Myanmar verflochten. Verantwortungsloser Bergbau hat dort vergiftetes Wasser, Atemwegserkrankungen, zerstörte landwirtschaftliche Flächen und vertriebene Gemeinschaften hinterlassen.

Dennoch gibt es einen verantwortungsvollen Weg nach vorn. Über die ASEAN und ihre von Nichteinmischung geprägte Haltung sowie ihre an den fünf Ps – Menschen, Wohlstand, Planet, Frieden und Partnerschaft – ausgerichtete SDG-Roadmap kann Europa risikoärmere und ethische Partnerschaften anstreben. Diese könnten Myanmars junge Erwerbsbevölkerung und strategische Handelswege nutzen, ohne Ausbeutung fortzuschreiben.

Vollständige Rückverfolgbarkeit und eine echte Zustimmung der lokalen Bevölkerung sind keine bürokratischen Nebensächlichkeiten. Sie bilden die moralische Mindestvoraussetzung für jede glaubwürdige grüne Transformation. Wenn Europa seine Elektrofahrzeuge und Verteidigungssysteme ohne Blut und Gift herstellen will, muss es sich nicht als passiver Konsument, sondern als verantwortlicher Partner mit der ASEAN engagieren – damit der klimapo­litische Erfolg Europas nicht für immer vom Versagen beim Schutz der Menschenrechte überschattet wird.

Ein entfernter Krieg und der globale Gier nach den Mineralien Myanmars schreiben die Zukunft, die Demografie und die souveränen Räume des Landes neu. Da die Welt nicht auf Elektrofahrzeuge, Kampfjets oder Mobiltelefone verzichten kann, ist der Aufbau einer verantwortungsvollen und fairen Lieferkette für kritische Mineralien unter Einbeziehung relevanter Akteure in Myanmar und durch eine kontinuierliche Koordinierung mit der ASEAN nicht verhandelbar.

*Thiha hat Beiträge zu den Themen ethnische Versöhnung, Friedensförderung, die Verschlechterung der menschlichen Sicherheit in Myanmar und die Einhaltung der Theorie des Gesellschaftsvertrags durch die Regierung des Bundesstaates Rakhine veröffentlicht. Seine Fachgebiete sind Sicherheit, Handel und Frieden.