Lateinamerika
Lateinamerika und die Rückkehr zur fiskalischen Disziplin
Kolumbien wird unter der Regierung von Abelardo de la Espriella zu fiskalischer Disziplin, privaten Investitionen und makroökonomischer Stabilität zurückkehren. Nach zwei Jahrzehnten sozialistischer Experimente kehrt damit ein Reformprogramm zurück, das an den Washington Consensus der 1990er Jahre erinnert. Doch dessen Erfahrung mahnt zur Vorsicht: Stabilität bleibt politisch zerbrechlich, wenn breite Teile der Bevölkerung die Spielregeln als ungleich empfinden. Entscheidend ist daher, ob Lateinamerika diesmal makroökonomische Stabilität mit Gleichheit vor dem Gesetz verbinden kann.
Vom Washington Consensus (1990) zum Rohstoffboom (2015)
Nach dem verlorenen Jahrzehnt der 1980er Jahre, das von Schuldenkrisen, Rezessionen und hoher Inflation geprägt war, setzten große Teile Lateinamerikas wieder auf Reformen für mehr makroökonomische Stabilität. Diese Reformen gingen in die Geschichte als der Washington Consensus ein (Williamson 2000).
Das Ergebnis war eine deutliche Verbesserung der makroökonomischen Stabilität in der Region (Easterly 2019). Doch die wirtschaftliche Stabilisierung beseitigte nicht automatisch die politische Unzufriedenheit. Viele Menschen hatten den Eindruck, dass sich ihre Lage nicht ausreichend verbesserte. Gegen Ende der 1990er Jahre gewannen deshalb Parteien an Unterstützung, die eine stärkere Rolle des Staates versprachen.
Die Wahl von Hugo Chávez in Venezuela im Jahr 1998 markierte den Beginn einer neuen politischen Phase. Einerseits kamen gemäßigte linke Regierungen an die Macht, die einen großen Teil der marktwirtschaftlichen Architektur der 1990er Jahre bewahrten (Lula in Brasilien und Bachellet in Chile). Andererseits schlugen Politiker wie Chávez in Venezuela, Correa in Ecuador oder Morales in Bolivien einen deutlich interventionistischeren Weg ein.
Angetrieben durch die Industrialisierung Chinas stiegen seit der Jahrtausendwende die Preise für Rohstoffe wie Öl, Kupfer und Kohle stark an. Die Rohstoffbonanza finanzierte expansive Fiskalpolitik und verdeckte Risiken für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen (Abb. 1).
Abbildung 1: Brent in US-Dollar
Quelle: Flossbach von Storch Research Institute, S&P Global, Macrobond. Daten: 16.07.2026.
Das Ende der Bonanza
Das Jahr 2015 markierte einen Wendepunkt. Nach mehr als einem Jahrzehnt außergewöhnlich hoher Rohstoffpreise fiel der Ölpreis von über 100 US-Dollar je Barrel auf rund 50 US-Dollar aufgrund eines globalen Überangebots und abschwächenden Wachstums v.a. in China. Auch Kupfer, Sojabohnen und Kohle fielen. Das positive externe Umfeld, das einen großen Teil der fiskalischen Expansion ermöglicht hatte, verschwand.
Sinkende Einnahmen, Fiskaldefizite, steigende Staatsschulden und schwaches Wachstum führten zu ersten Wahlniederlagen linker Regierungen. Der Kurswechsel blieb jedoch kurzlebig. Die Folgen des Rohstoffpreisverfalls wurden durch ein günstiges internationales Finanzumfeld abgefedert. Nach der globalen Finanzkrise von 2008 verharrten die Zinsen in den Industrieländern über Jahre nahe null. Dies ermöglichte niedrige Refinanzierungskosten für Regierungen. Die Coronakrise verlängerte diese Phase und stärkte erneut Politiker, die sich zugunsten staatlicher Umverteilung und staatlicher Eingriffe positionierten.
Kolumbien war in dieser Phase eine Ausnahme. Während große Teile der Region nach links rückten, hielt Kolumbien im Großen und Ganzen an den in den 1990er Jahren etablierten konservativen Prinzipien fest. Die historische Verbindung zwischen linken Bewegungen und Guerillagruppen erschwerte sozialistischen Kräften über Jahrzehnte den Weg an die Macht. Im Jahr 2022 wurde Gustavo Petro, ein ehemaliger Guerillakämpfer, der erste linke Präsident des Landes.
Der Washington Consensus 2.0
Ab 2022 änderte sich das internationale makroökonomische Umfeld drastisch. Der stärkste globale Inflationsschub seit Jahrzehnten zwang die großen Zentralbanken zu starken Zinserhöhungen. Damit endete eine lange Ära billiger Finanzierungsbedingungen. Hohe, aber volatile Rohstoffpreise können die überdehnten Staatsfinanzen der Länder nicht kompensieren. Ähnlich wie in den 1990er Jahren bringen hohe Inflationsraten den Wunsch nach fiskalischer Disziplin, einem kleineren Staat und mehr Raum für Marktwirtschaft zurück: ein Washington Consensus 2.0.
Die Wahl Javier Mileis in Argentinien im Jahr 2023 markierte diese neue politische Phase. Milei kam mit einem Programm an die Macht, das auf fiskalische Disziplin, eine Verkleinerung des Staates und mehr Freiraum für privates Unternehmertum zielt. Seitdem bewegen sich mehrere Länder in eine ähnliche Richtung. Im Jahr 2025 wählte Chile José Antonio Kast, in Peru siegte Keiko Fujimori, und nun reiht sich auch Kolumbien mit dem Sieg Abelardo de la Espriellas in diesen Trend ein.
Ökonomische Reformen reichen nicht
Die lateinamerikanische Erfahrung zeigt jedoch, dass makroökonomische Stabilität allein keine politische Stabilität garantiert. Damals gelang es, Inflation zu kontrollieren, Währungen zu stabilisieren und das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Eine dauerhafte politische Unterstützung entstand jedoch nicht.
Die gängige Erklärung lautet, dass die Wachstumsgewinne ungleich verteilt wurden. Diese Lesart ist unvollständig. Das tiefere Problem bestand darin, dass große Teile der Bevölkerung den Eindruck hatten, die Spielregeln bevorzugten weiterhin nur bestimmte Gruppen. Der Zugang zur Justiz, der Schutz von Eigentumsrechten und die Gleichheit vor dem Gesetz unterschieden sich je nach Einkommen, politischen Verbindungen oder der Fähigkeit, an der formellen Wirtschaft teilzunehmen.
Tatsächlich lässt sich historisch die Einkommensungleichheit in verschiedenen Ländern durch Unterschiede in der Anwendung des Prinzips der Gleichheit vor dem Gesetz erklären (Duarte 2020). Einkommensungleichheit wird als ungerecht empfunden, wenn sie unter ungleichen Spielregeln entsteht. Menschen bewerten nicht nur wirtschaftliche Ergebnisse, sondern auch den Weg, auf dem diese Ergebnisse zustande kommen.
Wie Hernando de Soto (2000) betont, bleiben große Teile der Bevölkerung teilweise von den formellen Institutionen des Eigentums, des Kredits und der Justiz ausgeschlossen. In einem solchen Umfeld profitieren von Wirtschaftsreformen zunächst diejenigen, die bereits Zugang zum formellen Teil der Wirtschaft haben.
Das größte Risiko für den neuen regionalen Kurs ist daher nicht primär ökonomischer, sondern institutioneller Natur. Wenn die heutigen Regierungen fiskalische Stabilität wiederherstellen, ohne zugleich die gleichen Spielregeln für alle zu erweitern, könnten sie jene politischen Bedingungen neu schaffen, die den Aufstieg der Linken ermöglicht haben.
Schlussfolgerungen
Eine Lehre der vergangenen dreißig Jahre ist, dass fiskalische Disziplin notwendig, aber nicht ausreichend ist. Die Frage lautet daher nicht, ob Lateinamerika zum Markt zurückkehrt. Die Frage lautet, ob es diesmal gelingt, makroökonomische Stabilität mit Gleichheit vor dem Gesetz zu verbinden. Von dieser Antwort wird abhängen, ob der aktuelle Kurswechsel der Anfang eines neuen Kapitels in der Entwicklung oder nur zu einer weiteren Bewegung im politischen Pendel Lateinamerikas wird.
Literatur
Duarte, P. (2020). How Much of Today’s Inequality is Unfair. IREF Working Paper 202003.
Soto, H. (2000). The mystery of capital: Why capitalism triumphs in the West and fails everywhere else. Basic Books.
Easterly, W. (2019). In Search of Reforms for Growth: New Stylized Facts on Policy and Growth Outcomes. NBER Working Paper No. 26318.
Williamson, J. (2000). What should the World Bank think about the Washington Consensus? The World Bank Research Observer, 15(2), 251–264.