Südkorea
Was der Bundeskanzler in Korea lernen kann
Datencenter in Korea
© Copyright: KakaoSüdkorea will künftig Steuererklärungen automatisch von KI erledigen lassen. Wenn Bundeskanzler Merz nach Seoul reist, kann er lernen, wie der Staat zum Innovationstreiber wird.
Bei unserer jüngsten Reise nach Südkorea stellte uns der koreanische KI- und Softwareverband KOSA seine wichtigsten Zielregionen vor. Der Projektor warf Amerika, Japan und die Golfstaaten an die Wand. Deutschland und Europa – Fehlanzeige. Riad, aber nicht Berlin. Soweit ist es schon gekommen.
Wir haben es bisher versäumt, uns als KI-Partner Südkoreas zu positionieren. Auch weil wir in Deutschland zu wenig dafür tun, als attraktive und ambitionierte Partner wahrgenommen zu werden.
Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz Ende Oktober nach Südkorea reist, sollte KI deshalb ganz oben auf seiner Agenda stehen. Und er sollte von Südkorea lernen. Wer in Seoul mit KI-Unternehmen und Wissenschaftlern spricht, der merkt schnell: Dieses Land hat verstanden, dass KI über unsere Zukunft entscheidet und entsprechend handelt.
Das Land hat sein nationales KI-Budget von rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf rund 6,8 Milliarden Euro im Jahr 2026 mehr als verdreifacht. Selbst wenn man in Deutschland EU-Mittel mit einbezieht, kommt man nur zu einem Bruchteil dieser Zahl. Das Land baut Rechenzentren, finanziert eigene KI-Modelle und lässt Konsortien aus Konzernen und Startups um die Entwicklung leistungsfähiger souveräner Modelle konkurrieren.
Ein Beispiel für die unterschiedlichen Dimensionen: Südkoreas Regierung und führende Unternehmen haben mit Nvidia die Lieferung von mehr als 260.000 KI-Chips vereinbart. In Deutschland lässt sich Bundeskanzler Merz feiern, wenn er geholfen hat, dass die Deutsche Telekom und Nvidia eine industrielle KI-Cloud in München mit bis zu 10.000 modernen Blackwell-Chips bauen werden.
Der Staat als Kunde
Trotzdem ist Südkoreas KI-Politik keine Planwirtschaft. Die Regierung versteht den Staat als wichtigen Kunden seiner KI-Unternehmen - und um diesen Kunden muss konkurriert werden. Mit der Initiative „AI for All“ sollen Bürgerinnen und Bürger Zugang zu staatlichen KI-Diensten erhalten, die auf heimischen KI-Unternehmen beruhen. Die koreanische Steuerbehörde plant, dass ihre KI automatisch Steuererklärungen erstellt und individuelle Steuerberatung anbietet. Die Entwicklung der entsprechenden Systeme beginnt 2027, die Einführung soll ab 2028 schrittweise erfolgen.
Sowas hat einen doppelten Effekt. Startups und Technologieunternehmen bekommen einen Heimatmarkt, auf dem sie ihre Produkte im großen Maßstab erproben und verbessern können. Gleichzeitig wird die Verwaltung einfacher, schneller und bürgernäher.
Was jetzt zu tun ist
Erstens: Der Staat muss Ankerkunde für KI werden. Wir brauchen innovationsfreundliche Vergaben, schnelle Pilotprojekte und echte Aufträge für Startups, nicht nur Förderprogramme. Dabei sollten deutsche und europäische Anbieter stärker zum Zuge kommen, insbesondere junge Technologieunternehmen. In Deutschland kommen Startups immer noch kaum zum Zug. Nur sieben Prozent deutscher Startups erhielten seit ihrer Gründung je einen öffentlichen Auftrag, zeigt eine ZEW-Studie.
Zweitens: Europa muss beim AI Act mutiger werden. Südkorea hat sich bei seinem KI-Gesetz am europäischen Vorbild orientiert, geht aber innovationsfreundlicher vor. Unternehmen erhalten mindestens ein Jahr Schonfrist, bevor Bußgelder verhängt werden. Statt sofort zu bestrafen, setzt die Regierung zunächst auf Beratung und Nachbesserung.
Drittens: Deutschland und Südkorea sollten eine KI-Achse der Mittelmächte schmieden. Beide Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Sie wollen verhindern, von wenigen ausländischen Technologiekonzernen abhängig zu werden. Sie verfügen über hervorragende Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen, können aber bei KI-Investitionen mit den USA und China kaum mithalten. Dabei ergänzen sie sich perfekt: Deutschland kann seine exzellente KI-Forschung und Maschinenbau einbringen, Korea sein Wissen in der Robotik und bei Halbleitern.
Viertens: Wir brauchen bessere Investitionsbedingungen. Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage des Korea Büros der Naumann-Stiftung unter 100 koreanischen Führungskräften hat Deutschland hier Nachholbedarf. Nur 27 Prozent sehen gute steuerliche Bedingungen in Deutschland, 18 Prozent halten die Arbeitskosten für attraktiv.
Dass Europa auf der KOSA-Folie fehlt, können wir ändern. Indem wir die Partnerschaft aktiv vorantreiben - und von den Südkoreanern lernen.
Nicole Büttner ist Tech-Unternehmerin (Merantix) und Mitglied im Vorstand der FDP.
Frederic Spohr leitet die Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Taiwan und Korea