Nordkorea
Die Gefahr eines nuklearen Wettrüstens in Ostasien
Die Sicherheitsordnung in Ostasien gerät zunehmend unter Druck. Nordkorea und China bauen ihre militärischen und nuklearen Fähigkeiten aus, Russland rüstet Nordkorea als Gegenleistung für dessen Hilfe im Angriffskrieg auf. Zugleich wachsen in Japan und Südkorea die Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantien. Dadurch steigt das Risiko eines nuklearen Wettrüstens in der Region. In Seoul und Tokio werden die Stimmen lauter, neue sicherheitspolitische Maßnahmen in Betracht zu ziehen - bis hin zum Aufbau eines eigenen Nukleararsenals als strategische „Last-Resort“-Option.
Wie weit sind Japan und Südkorea technisch und politisch tatsächlich von der Entwicklung eigener Nuklearwaffen entfernt? Dieser Frage geht eine neue Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit nach. Der Politikwissenschaftler Mason Richey von der Hankuk University of Foreign Studies analysiert dafür 13 Faktoren, darunter die zivile Nuklearinfrastruktur, die Verfügbarkeit spaltbaren Materials, Trägersysteme, technisches Know-how, politische Unterstützung und internationale Risiken.
Japan wird in der Analyse bereits als „nuklearer Schwellenstaat“ eingestuft. Das Land verfügt über Urananreicherung, Kapazitäten zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente und rund 44 Tonnen separiertes Plutonium. Der Studie zufolge könnte Japan innerhalb von sechs bis 36 Monaten eine Atomwaffe entwickeln. Die politischen und gesellschaftlichen Widerstände bleiben jedoch erheblich: Rund 60 Prozent der Bevölkerung lehnen eine nukleare Bewaffnung weiterhin ab.
Südkorea bezeichnet Richey dagegen als „fortgeschrittenen latenten Nuklearstaat“ auf dem möglichen Weg zum „nuklearen Schwellenstaat”. Das Land betreibt 26 Kernreaktoren und verfügt über hochentwickelte Raketen sowie militärische Infrastruktur. Anders als Japan besitzt Südkorea bislang jedoch keine eigenen Kapazitäten zur Urananreicherung und Wiederaufarbeitung. Sollten die laufenden Verhandlungen mit den USA dazu führen, dass Südkorea künftig selbst Uran anreichern und abgebrannte Brennelemente wiederaufarbeiten darf, könnte das Land seinen technologischen Rückstand gegenüber Japan deutlich verringern. Für einen möglichen nuklearen Durchbruch veranschlagt die Studie zwei bis fünf Jahre. Politisch ist die Debatte in Südkorea bereits wesentlich weiter fortgeschritten. Rund 70 bis 75 Prozent der Bevölkerung unterstützen eine eigene nukleare Bewaffnung.
Dennoch wären die Kosten für beide Länder hoch: Ein Ausstieg aus der bestehenden nuklearen Nichtverbreitungsordnung könnte Sanktionen, diplomatische Isolation, regionale Gegenreaktionen und eine schwere Belastung der Bündnisse mit den USA auslösen. Die größte Hürde ist daher nicht die technische Fähigkeit, sondern die politische Entscheidung. Solange Seoul und Tokio auf den amerikanischen Schutz vertrauen, bleibt eine eigene nukleare Bewaffnung unwahrscheinlich. Ein nachhaltiger Vertrauensverlust gegenüber Washington oder eine schwere regionale Sicherheitskrise könnte diese Kalkulation jedoch grundlegend verändern.
Auch die Europäische Union hat ein Interesse daran, einen solchen Rüstungswettlauf zu verhindern. Sie sollte sich dafür einsetzen, dass Japan und Südkorea die bereits international geltenden Bestimmungen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen einhalten. Gleichzeitig sollte sie die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit beiden Ländern ausbauen. Darüber hinaus kann ein sicherheitspolitisch stärkeres Europa die USA entlasten, sodass diese ihre Bündnispartner in Ostasien weiterhin glaubwürdig schützen können. Das könnte den Anreiz für Japan und Südkorea verringern, eigene Atomwaffen zu entwickeln.
Die vollständige Studie finden Sie unten auf der Seite. Klicken Sie einfach auf „Download“, um sie kostenlos herunterzuladen.
Pascal Pewesdorf absolviert derzeit ein Praktikum im FNF-Büro Seoul. Er studiert Internationale Beziehungen im Master an der Monash University in Melbourne, Australien, und absolvierte ein Austauschsemester an der Yonsei University in Seoul.