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Interview
Ein Balcerowicz-Plan für Deutschland

Leszek Balcerowicz darüber, was Deutschland von Polens Transformation lernen kann und warum wirtschaftliche Freiheit verteidigt werden muss
Leszek Balcerowicz, September 7, 2026
© Friedrich Naumann Foundation for Freedom, Panel Discussion, September 7, 2026

Deutschland kämpft seit einigen Jahren darum, wieder wirtschaftlich in Schwung zu kommen. Nach zwei aufeinanderfolgenden Rezessionsjahren und einem Wachstum von lediglich 0,2 Prozent im Jahr 2025 befindet sich Europas größte Volkswirtschaft weiterhin in einer Phase schwacher wirtschaftlicher Entwicklung. Polen hingegen wächst weiterhin deutlich stärker als sein westlicher Nachbar: 2025 legte die polnische Wirtschaft um 3,6 Prozent zu und gehörte damit zu den am schnellsten wachsenden größeren Volkswirtschaften der Europäischen Union.

Dieser zunehmende Kontrast wirft eine naheliegende Frage auf: Was kann Deutschland von den Erfahrungen Polens lernen?

Ein wesentlicher Teil des wirtschaftlichen Erfolgs Polens lässt sich auf die Grundlagen zurückführen, die während der postkommunistischen Transformation geschaffen wurden: den Abbau ineffizienter Strukturen der zentralen Planwirtschaft, die Hinwendung zu freien Märkten und Unternehmertum, die Öffnung für ausländische Investitionen und Handel sowie den Aufbau stärkerer Institutionen. Diese Reformen schufen die Voraussetzungen für jahrzehntelanges Wirtschaftswachstum und eine zunehmende wirtschaftliche Annäherung an Westeuropa.

Um der Frage nachzugehen, was Deutschland aus diesen Erfahrungen lernen kann, haben wir mit Prof. Leszek Balcerowicz, dem Architekten der wirtschaftlichen Transformation Polens nach 1989, gesprochen. Als polnischer Finanzminister von 1989 bis 1991 leitete er die weitreichenden marktwirtschaftlichen Reformen ein, die als „Balcerowicz-Plan“ bekannt wurden.

Von 1997 bis 2000 kehrte er als Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident in die Regierung zurück; von 2001 bis 2007 war er Präsident der Polnischen Nationalbank. Prof. Balcerowicz gründete zudem das Civil Development Forum (Forum Obywatelskiego Rozwoju, FOR), einen marktwirtschaftlich orientierten Thinktank, der sich in Polen für wirtschaftliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und eine solide Politik einsetzt.

Wir haben mit ihm über die Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs Polens, die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft und darüber gesprochen, was die Politik in Berlin aus der polnischen Transformation lernen kann

Prof. Balcerowicz, wenn der deutsche Bundeskanzler Sie heute bitten würde, einen „Balcerowicz-Plan für Deutschland“ zu entwerfen: Was wären Ihre drei wichtigsten Prioritäten, um die deutsche Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen?

Was ich dazu sagen kann, basiert auf dem, was ich über Deutschland gelesen habe, und ganz allgemein darauf, was die wichtigsten Triebkräfte des Wirtschaftswachstums sind.

An erster Stelle stünde die Finanzierung von Innovationen. Innovation hängt von technischer Kompetenz und Bildung ab – beides ist in Deutschland vorhanden –, aber eben auch vom Finanzierungssystem. Was die Vereinigten Staaten als Innovationsführer von Europa, einschließlich Deutschland, unterscheidet, ist die Menge des verfügbaren Risikokapitals. In Polen, Frankreich und Deutschland gibt es deutlich weniger Risikokapital, und der Staat kann private Risikokapitalgeber nicht ersetzen. Deshalb würde ich mir die Struktur des Finanzsystems ansehen.

An zweiter Stelle stünde der Abbau künstlicher Markteintrittsbarrieren, denn solche Barrieren schränken den Wettbewerb ein.

Der dritte Punkt wäre – auch wenn dies in Deutschland möglicherweise kein Problem darstellt – Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Ländern und gegenüber innovativen Ideen.

Sie haben den Sozialismus selbst erlebt und später den Übergang Polens zur Marktwirtschaft maßgeblich mitgestaltet. Wie beurteilen Sie die wachsende Kritik am Kapitalismus in Europa, insbesondere unter jüngeren Generationen? Warum haben Kapitalismus und freie Marktwirtschaft Ihrer Meinung nach an Attraktivität verloren?

Zunächst einmal sind die Begriffe, die man verwendet, sehr wichtig, denn einige Wörter sind infolge sozialistischer Propaganda mit negativen Emotionen belastet. Das Wort „Kapitalismus“ ist dafür ein Paradebeispiel. Bei der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen habe ich das Wort „Kapitalismus“ nur selten verwendet. Ich sprach vom freien Markt und von wirtschaftlicher Freiheit als Grundlage politischer Freiheit und so weiter.

Fragen Sie die Menschen niemals, ob sie Kapitalismus mögen, denn aufgrund der emotionalen Belastung dieses Begriffs würden die meisten wahrscheinlich Nein sagen. Ich sehe keine anhaltende oder starke negative Tendenz gegenüber freiem Markt oder wirtschaftlicher Freiheit. Fragen Sie also nach wirtschaftlicher Freiheit.

Insbesondere unter jüngeren Menschen scheint die Unterstützung für stärkere staatliche Eingriffe und einen Ausbau des Sozialstaats zuzunehmen. Spiegelt sich darin eine größere Skepsis gegenüber wirtschaftlicher Freiheit wider? Und was würden Sie denjenigen sagen, die eine größere Rolle des Staates fordern?

Ich bin mir nicht sicher, ob junge Menschen wirtschaftlicher Freiheit tatsächlich besonders ablehnend gegenüberstehen. Mein Eindruck ist, dass sie sich darin nicht wesentlich von älteren Generationen unterscheiden. Wirtschaftliche Freiheit war nie überall beliebt, obwohl sie für wirtschaftlichen Wohlstand und andere Freiheiten absolut grundlegend ist.

Ohne Kapitalismus gibt es keine Demokratie – wenn ich dieses „schlechte“ Wort verwenden muss. Aber der Kapitalismus ist mit einigen negativen Assoziationen verbunden, die falsch sind, und man muss die Grundlagen der Freiheit in freien Gesellschaften aktiv verteidigen. Dabei spielen viele zivilgesellschaftliche Organisationen wie mein Thinktank eine wichtige Rolle.

Und was würde ich Menschen sagen, die mehr staatliche Eingriffe, mehr staatlichen Schutz oder sogar einen stärkeren Sozialstaat fordern? Die Menschen mögen Politiker in der Regel nicht. Also ich würde sie fragen: Sind Sie bereit, Politikern mehr Macht über Ihr Leben zu geben? Dann würden sie wahrscheinlich zögern oder Nein sagen.

Wir müssen dieses Zauberwort „Staat“ entzaubern. Was ist der Staat? Politiker? Bürokratie? Wollen Sie ihnen mehr Macht über Ihr Leben geben? Die richtigen Fragen zu stellen ist sehr wichtig.

Polen blickte einst auf Deutschland als wirtschaftliches Vorbild. Heute wächst die polnische Wirtschaft schneller. Was kann Deutschland – wenn überhaupt – aus den Erfahrungen Polens lernen?

In Polen haben wir uns immer angesehen, was als Best Practice gelten kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland sicherlich ein wichtiges Vorbild, aber nicht das einzige. Ich habe mir auch Länder angesehen, die von einem relativ niedrigen Niveau ausgingen und dann sehr schnell wuchsen, etwa Südkorea.

Polen wuchs sehr schnell, weil wir von einem niedrigen Niveau aus starteten und weil eine rasche Stabilisierung notwendig war. Wir hatten eine hohe Inflation, gefolgt von einer umfassenden Deregulierung und anschließend der Privatisierung, wobei die Privatisierung mehr Zeit in Anspruch nahm als die Deregulierung.

Was ich sagen würde, ist, dass Polen seine Wirtschaftsreformen relativ konsequent verfolgt hat.

In den vergangenen Jahren wurde das polnische Wachstum auch durch den großen Zustrom von Ukrainern unterstützt. Wir können jedoch nicht davon ausgehen, dass dies unbegrenzt so weitergehen wird. Wenn die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt – was ich mir wünsche –, würde ich erwarten, dass zumindest einige Ukrainer in ihre Heimat zurückkehren.

Auch in Polen brauchen wir also Reformen. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, insbesondere was den Staatshaushalt betrifft. Wir geben zu viel aus. Und wenn die öffentlichen Ausgaben übermäßig hoch sind, liegt das nicht an den Verteidigungsausgaben. Es liegt in der Regel an nicht zielgerichteten Sozialausgaben.

Polens Transformation hat gezeigt, dass weitreichende Reformen Ergebnisse bringen können, zugleich aber auch auf Widerstand stoßen. Sind Politiker heute noch in der Lage, schwierige Reformen durchzusetzen?

In einer Demokratie brauchen Reformen die Unterstützung eines ausreichend großen Teils der Wähler – nicht aller, aber zumindest einer Mehrheit.

Vieles hängt von der wirtschaftlichen Situation ab. Wenn die Lage sehr schlecht ist, verstehen viele Menschen, dass etwas getan werden muss. Das war 1989 in Polen der Fall.

Wenn die Situation nicht dramatisch ist, sich aber langsam verschlechtert, werden Persönlichkeiten und Kommunikationsfähigkeiten wichtiger – aber auch Thinktanks. Institutionen wie die Friedrich Naumann Stiftung oder der von mir in Polen gegründete Thinktank sind sehr wichtig, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Wenn wir über Deutschland hinausblicken: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Fehler, die Politiker heute machen und die Volkswirtschaften daran hindern, ihr volles Potenzial auszuschöpfen?

Ein großes Problem ist der Etatismus – eine übermäßige Rolle von Politikern in der Gesellschaft und in der Wirtschaft.

Das kann verschiedene Formen annehmen. Eine davon sind übermäßige Staatsausgaben, die häufig eher darauf abzielen, politische Unterstützung zu gewinnen, als die wirtschaftlichen Ergebnisse zu verbessern. Populistische Politiker bestechen die Menschen faktisch mit deren eigenem Geld.

Ein weiteres Problem sind ein großer öffentlicher Sektor und staatseigene Unternehmen, die häufig ineffizient sind, sofern sie nicht über eine Monopolstellung verfügen – und Monopole selbst sind schädlich für die Effizienz.

Wenn Populisten also wirtschaftspolitische Maßnahmen vorschlagen, muss man genau hinsehen, was sie tatsächlich anbieten, und die Konsequenzen offenlegen. Auch das ist eine wichtige Aufgabe marktwirtschaftlicher Institutionen und Thinktanks.

Würden Sie sagen, dass Populismus das Wirtschaftswachstum bremst? Oder kann es so etwas wie „guten Populismus“ geben?

Der Erfolg des Populismus bedeutet ein Versagen der Wirtschaft. Denn per Definition – oder in der Praxis, wie ich bereits sagte – verschreiben Wirtschaftspopulisten Medikamente, die manchmal schlimmer als die Krankheit sind.

Wenn wir diejenigen, die gute Politik betreiben, als Populisten bezeichnen würden, würden wir die Bedeutung des Wortes verändern. Und das sollte man nicht tun. Man sollte Populismus nicht damit verwechseln, populär zu sein. Populisten sind, wenn sie erfolgreich sind, in bestimmten Kreisen oft populär. Aber man kann auch populär sein, wenn man eine antipopulistische Agenda vertritt.

Dafür braucht es zunächst Überzeugung, aber auch sprachliches Geschick und Beharrlichkeit, gute Berater und die Zusammenarbeit mit den Medien, die sehr wichtig ist.

Würden Sie also auch Politikern, die Unterstützung für notwendige Wirtschaftsreformen gewinnen wollen, zu diesem Vorgehen raten?

Wenn man eine Demokratie hat – was gut und besser als eine Diktatur ist –, muss man einen ausreichend großen Teil der Bevölkerung überzeugen. Und dann kommt es auf Kommunikationsfähigkeit und ein sehr gutes Team an – ich meine, für Politiker.

Zweitens ist die Zusammenarbeit mit freiheitlich denkenden Menschen sehr wichtig. Als meine politische Laufbahn 2006 endete, habe ich deshalb sofort einen marktwirtschaftlich orientierten Thinktank gegründet – genau zu diesem Zweck.

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Prof. Leszek Balcerowicz nahm außerdem an der öffentlichen Diskussion „Das polnische Wirtschaftswunder als Beispiel für Deutschland teil, die am 7. September 2026 von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gemeinsam mit dem Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM) in Berlin veranstaltet wurde. Im Anschluss an seinen Impulsvortrag diskutierte er mit Svenja Hahn MdEP, stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP und Präsidentin der ALDE-Partei, über die Erfahrungen der polnischen Reformen und die Lehren, die sich daraus für Deutschland ziehen lassen. Moderiert wurde das Gespräch von der Journalistin und Autorin Margaret Heckel. Im Mittelpunkt standen marktwirtschaftliche Reformen, solide Staatsfinanzen sowie die Rolle von wirtschaftlicher Freiheit, Wettbewerb, Deregulierung und Unternehmertum für Wachstum und Innovation. Die Veranstaltung wurde mit freundlicher Unterstützung des BERPOL Polish-German Business Club e.V., der Botschaft der Republik Polen und des Polnischen Wirtschaftsclubs an der Botschaft der Republik Polen in Berlin durchgeführt.

Die vielleicht wichtigste Lehre aus der polnischen Transformation ist daher eine einfache: Wir sollten nicht warten, bis eine Krise Reformen unausweichlich macht. Deutschland und Europa brauchen den Mut zu Reformen, solange sie noch die Freiheit haben, selbst über deren Ausgestaltung zu entscheiden.

Prof. Dr. Leszek Balcerowicz, Svenja Hahn MEP, Margaret Heckel
© Friedrich Naumann Foundation for Freedom, Panel Discussion, September 7, 2026