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9/11
Der lange Schatten von 9/11 für Europas Verteidigung

NATO troops in Afganistan
© “TALEBAN FLEE SCARED OF AFGHAN POLICE AND SCOTS TROOPS” by ResoluteSupportMedia, CC BY 2.0

Als vier entführte Passagierflugzeuge das World Trade Center und das Pentagon trafen und ein viertes auf einem Feld in Pennsylvania abstürzte, lösten die Anschläge einen Schock in der westlichen Welt aus. Die brutalen Angriffe auf die Vereinigten Staaten vor 25 Jahren markierten einen Wendepunkt in der internationalen Sicherheitspolitik. In den darauffolgenden Jahren wurden viele Folgen sichtbar, darunter die dominante Rolle von Sicherheit im Alltag, ein Jahrzehnt westlicher Präsenz in Afghanistan und der Beginn eines umfassenderen Kampfes gegen den dschihadistischen Terrorismus im In- und Ausland.

Weniger sichtbar war eine andere Entwicklung, deren Folgen Europa bis heute beschäftigen. Die Kriege nach 9/11 beschleunigten eine grundlegende Transformation der europäischen Streitkräfte. Territorialverteidigung, große Landstreitkräfte und umfassende Mobilisierungsstrukturen wurden durch schnell verlegbare, professionelle Einheiten ersetzt, die in der Lage waren, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt zu operieren.

Doch dieser Wandel hatte seinen Preis. Als Russland 2014 die Krim annektierte und 2022 eine groß angelegte Invasion der Ukraine begann, mussten die europäischen Staaten feststellen, dass sie auf die wichtigsten sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit nur unzureichend vorbereitet waren.

NATO in Afghanistan

Nach 9/11 wurden die Vereinigten Staaten zum ersten und bislang einzigen NATO-Mitglied, das sich auf die gegenseitige Beistandsklausel der NATO, Artikel 5 des Nordatlantikvertrags, berief. Die europäischen Verbündeten beteiligten sich an der von den USA geführten Intervention in Afghanistan, und die NATO übernahm anschließend das Kommando über die International Security Assistance Force, kurz ISAF.

Afghanistan wurde zur ambitioniertesten Militäroperation der NATO außerhalb des traditionellen Bündnisgebiets. Auf ihrem Höhepunkt dienten Zehntausende europäische Soldaten im Rahmen der ISAF-Mission. Viele europäische Staaten zahlten dafür einen hohen Preis: Ein Drittel der Gefallenen der Koalition stammte aus Europa.

Dies bedeutete zugleich, dass die europäischen NATO-Mitglieder ihre Fähigkeiten rasch anpassen mussten, um einen groß angelegten Auslandseinsatz aufrechterhalten zu können. Investiert wurde daher gezielt in Fähigkeiten wie strategischen Lufttransport, nachrichtendienstliche Aufklärung außerhalb des eigenen Einsatzgebiets, Spezialkräfte und geschützte Patrouillenfahrzeuge. Dies ging jedoch auch zulasten konventioneller Fähigkeiten, die auf den vorherigen Schwerpunkt der NATO, ein Landkrieg in Europa, ausgerichtet waren.

Von der Territorialverteidigung zur Expeditionsstreitkraft

Dieser Wandel von der Territorialverteidigung hin zu Expeditionsstreitkräften war Teil einer längerfristigen Entwicklung. Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die europäischen Regierungen bestrebt, ihre Streitkräfte zu verkleinern und von der sogenannten „Friedensdividende“ zu profitieren. Die Verteidigungsausgaben sanken, die Streitkräfte wurden kleiner und die Möglichkeit eines konventionellen Krieges auf dem europäischen Kontinent erschien zunehmend unwahrscheinlich.

Die militärischen Interventionen auf dem Balkan Anfang der 1990er Jahre gaben einen ersten Impuls für die Professionalisierung und bessere Verlegefähigkeit der europäischen Streitkräfte. Die europäischen Regierungen begannen, ihre Streitkräfte an die Anforderungen von Krisenreaktions- und Friedenssicherungseinsätzen anzupassen. Im NATO-Kontext setzte sich Mitte der 1990er Jahre zunehmend die Auffassung durch, dass das Bündnis „out of area“ gehen müsse, wenn es nicht „out of business“ geraten wolle.

Beschleunigung nach 9/11

Die internationale Reaktion auf die Anschläge vom 11. September beschleunigte diese Doktrin erheblich.

In Deutschland fand dieser Prozess seinen Höhepunkt in der Bundeswehrreform von 2011. Unter den damaligen Verteidigungsministern Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Thomas de Maizière (CDU) wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, die Zahl der Soldaten von 250.000 auf 185.000 reduziert und Auslandseinsätze zu einer zentralen Priorität der Bundeswehr gemacht.

Deutschland war damit keineswegs allein. Das Vereinigte Königreich reduzierte seine konventionellen Fähigkeiten im Rahmen der Strategic Defence and Security Reviews von 2010 und 2015 erheblich, während Frankreich seine Streitkräfte vollständig auf schnelle Interventionen im sogenannten „Krisenbogen“ vom Atlantik bis zum Indischen Ozean ausrichtete. Die Niederlande gingen sogar so weit, 2011 ihre verbleibenden Leopard-2-Kampfpanzer zu verkaufen und damit faktisch auf eine eigenständige Panzerfähigkeit zu verzichten. Expeditionsstreitkräfte wurden zum Maßstab moderner Streitkräfte, während die Territorialverteidigung zunehmend als irrelevant für die Wahrung nationaler Sicherheitsinteressen galt.

Ein Großteil der heutigen Kritik am Zustand der europäischen Streitkräfte richtet sich auf die Kürzungen der Verteidigungshaushalte in den 1990er und 2000er Jahren. Diese Kritik ist zwar berechtigt, greift aber zu kurz. Die Folgen wurden dadurch verschärft, dass Fähigkeiten zur Territorialverteidigung durch Fähigkeiten für Auslandseinsätze ersetzt wurden. Europas Streitkräfte wurden also nicht nur kleiner, sondern auch für eine andere Form der Kriegsführung umgestaltet.

Kehrtwende nach Russlands Invasion der Ukraine

Die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 unterbrach diesen Trend und markierte den Beginn einer neuen Schwerpunktsetzung zurück zur Territorialverteidigung in Europa. Acht Jahre später führte Russlands groß angelegte Invasion der Ukraine zu einer vollständigen Kehrtwende. Fähigkeiten wie schwere gepanzerte Verbände, Artillerie, Munitionsbestände und Luftverteidigung waren plötzlich stark gefragt und gleichzeitig nur begrenzt verfügbar. Dies veranlasste die europäischen Staaten dazu, ihre Verteidigungsausgaben auf Rekordniveau zu erhöhen und ihre Streitkräfte wieder für jene Form der Kriegsführung auszurüsten, die heute in der Ukraine zu beobachten ist.

Dabei gingen jedoch viele der Strukturen und ein erheblicher Teil des Fachwissens verloren, die für die Bewältigung eines groß angelegten Konflikts auf dem europäischen Kontinent erforderlich sind. Der Wiederaufbau dieser Fähigkeiten erfordert heute erhebliche zusätzliche Investitionen, die ohne die Transformation der europäischen Streitkräfte nach 9/11 möglicherweise nicht in diesem Umfang notwendig gewesen wären.

In einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie argumentiert der Forscher Bence Nemeth vom King’s College London, dass Europas Defizit bei schweren Gefechtsfähigkeiten in erster Linie das Ergebnis bewusster doktrinärer Entscheidungen sei. Seine Analyse zeigt, dass Kanada, Deutschland und das Vereinigte Königreich 2022 erheblich besser auf die Verteidigung der NATO-Ostflanke vorbereitet gewesen wären, wenn sie diesen Kurswechsel nicht vollzogen hätten – unabhängig von den Kürzungen bei den Verteidigungsausgaben. Das Beispiel zeigt, dass die Anpassung von Streitkräften an die Anforderungen eines bestimmten Konflikts langfristig erhebliche Verwundbarkeiten schaffen kann.

Lehren für die Zukunft

Da Europa für die damalige Kehrtwende bei seiner militärischen Transformation nun einen hohen Preis zahlt, ist es wichtig, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen

  • Offenheit für die Zukunft bewahren: Die gesamten Streitkräfte sollten nicht um den jeweils aktuellen Konflikt herum aufgebaut werden. Europa wird voraussichtlich auch in Zukunft Expeditionsstreitkräfte benötigen. Deshalb ist es wichtig, diese Fähigkeiten zu erhalten und weiter in sie zu investieren.
  • Flexibel bleiben: Es müssen Kapazitäten geschaffen werden, um sich schnell an Veränderungen innerhalb eines Konflikts anzupassen. Im Verlauf des Krieges in der Ukraine hat sich der Schwerpunkt von Panzern und Artillerie hin zu Drohnen, Luftverteidigung, elektronischer Kriegsführung und zunehmend ballistischen Raketen verschoben. Wie sich ein Konflikt entwickelt, lässt sich kaum vorhersagen. Die europäischen Staaten sollten daher auf den Ausbau industrieller Kapazitäten, schlankere Beschaffungsprozesse und schnelle Innovationszyklen setzen.
  • Strategische Tiefe entwickeln: Europa sollte den europäischen Pfeiler der NATO durch nachhaltige, langfristige Investitionen in die Verteidigung stärken, anstatt auf Krisen mit vorübergehenden Ausgabenerhöhungen zu reagieren. Dazu gehört auch die Entwicklung einer stärkeren strategischen Kultur, in der Verteidigung, Vorsorge und militärische Macht als dauerhafte Bestandteile europäischer Sicherheitspolitik verstanden werden.

Das Vermächtnis von 9/11 reicht weit über die schrecklichen Bilder dieses Tages und die unmittelbaren Folgen hinaus. Europa sieht sich noch immer mit den sicherheitspolitischen Konsequenzen konfrontiert und versucht zugleich, jene Verteidigungsstrukturen wieder aufzubauen, die es in den vergangenen Jahrzehnten verloren hat. Dabei sollte Europa die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Die wichtigste Lehre lautet daher, sich sowohl auf das Bekannte als auch auf das Unbekannte vorzubereiten.