Gesamtverteidigung
Litauische Schützenunion: Gesamtverteidigung und Heimatschutz in Litauen
Mitglieder der Litauischen Schützenunion in Uniform beim Aufstellungsappell der Bundeswehr Panzerbrigade 45 Litauen am Kathedralenplatz in Vilnius am 22. Mai 2025. Zwei nicht uniformierte Mitglieder halten ein Transparent "We Stand United".
© FNF Baltische StaatenGesamtverteidigung in Litauen gilt heute als ein beispielhaftes Modell gesellschaftlicher Sicherheitsvorsorge in Europa. Das Konzept verbindet Streitkräfte, Behörden, Unternehmen und Zivilgesellschaft zu einem gemeinsamen Verteidigungssystem. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Litauische Schützenunion, deren freiwillige Mitglieder sowohl militärische als auch zivile Aufgaben übernehmen – von Heimatschutz und Krisenvorsorge über Drohnenausbildung bis hin zu Informationssicherheit. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wächst auch in Deutschland das Interesse an diesem Modell.
Als Russland im Februar 2022 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausweitete, veränderte sich auch in Litauen die verteidigungspolitische Debatte grundlegend. Neben höheren Verteidigungsausgaben (heute 5,38 % des BIP – Spitzenwert in der NATO) und der Stationierung der Panzerbrigade 45 rückte vor allem eine Frage in den Mittelpunkt: Wie kann sich eine demokratische Gesellschaft insgesamt auf Krisen und einen möglichen Verteidigungsfall vorbereiten? Welche Rolle kommt dabei jedem einzelnen Bürger und den zivilgesellschaftlichen Akteuren zu?
Die Antwort der litauischen Politik lautet seit Jahren „Gesamtverteidigung“, das Konzept, das in den verteidigunspolitischen Strategien verankert ist. Dahinter steht die Überzeugung, dass nationale Sicherheit nicht allein Aufgabe der Streitkräfte ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Streitkräfte, staatliche Behörden, Kommunen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger sollen im Krisenfall zusammenarbeitenund ihre jeweiligen Fähigkeiten einbringen.
Eine Schlüsselrolle innerhalb der litauischen Architektur der Gesamtverteidigung nimmt die Litauische Schützenunion (Lietuvos šaulių sąjunga - Lithuanian Riflemens Union (LRU)) ein: eine freiwillige, paramilitärische, staatlich unterstützte Organisation zur Unterstützung des Staates im Krisen- und Kriegsfall.
Was ist die litauische Schützenunion?
Für Deutsche ist die Organisation nicht leicht einzuordnen. Die Bezeichnung „Schützenunion“ erinnert schnell an Schützenvereine, während ihre militärische Ausbildung an Reservistenverbände denken lässt. Tatsächlich trifft beides nur bedingt zu. Die LRU ist weder ein Traditionsverein noch eine klassische militärische Reserve. Vielmehr handelt es sich um eine freiwillige Bürgerorganisation, die den staatlichen Auftrag hat, Menschen auf bewaffneten und unbewaffneten Widerstand, Krisenvorsorge und gesellschaftliche Resilienz vorzubereiten und den Staat im Krisenfall zu unterstützen. Sie verbindet damit Aufgaben, die in Deutschland auf verschiedene Institutionen verteilt sind – etwa Bundeswehrreserve, Heimatschutz, Technisches Hilfswerk, Vereine, Hilfsorganisationen und Teile des Zivilschutzes.
“Im Dienst der Heimat”: ein breites Netzwerk freiwillig engagierten Bürger
Die Litauische Schützenunion (Lietuvos šaulių sąjunga, LŠS) gehört zu den ältesten und zugleich dynamischsten Bürgerorganisationen Litauens. Sie wurde 1919 als freiwillige Organisation gegründet, um die staatliche Verteidigung zu unterstützen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Während der sowjetischen Besatzung war die Schützenunion verboten; ein großer Teil ihrer Mitglieder wurde verfolgt, inhaftiert oder nach Sibirien deportiert. Einzelne Schützen setzten den Kampf bis in die 50er Jahre im Partisanenkampf gegen die sowjetische Okkupation fort. Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens 1990 wurde sie neu aufgebaut und entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des litauischen Konzepts der Gesamtverteidigung. Ihre Aufgaben, Befugnisse und Stellung im Verteidigungssystem sind im Gesetz über die Litauische Schützenunion verbindlich geregelt.
Wenn uns im Unglück ein Feind angreift, muss die ganze Gesellschaft bereit sein, sich zu verteidigen – nicht die Armee allein
Nach Angaben der LRU engagieren sich heute inzwischen rund 20.000 Mitglieder unterschiedlichen Alters und mit sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergründen - von Lehrkräften, Studierenden und Unternehmer über Kommunikations- und Medienexperten, Juristen, von Fachkräfte aus Industrie und Handwerk bis hin zu Ärztinnen, Wissenschaftlern, IT-Spezialisten und Ruheständlern. Innerhalb der Organisation treten alle zunächst als gleichberechtigte Mitglieder auf – unabhängig von ihrer beruflichen oder gesellschaftlichen Position im zivilen Leben.
Dieses Selbstverständnis zeigt sich auch bei der jährlich stattfindenden landesweiten Bereitschaftsübung „Alertex“, bei der die Mitglieder gemeinsam antreten und vom Studierenden bis zum ehemaliger Premierministerin in derselben Reihe stehen.
Auch Alter oder körperliche Voraussetzungen sind kein Hindernis für den Einstieg. Neue Mitglieder können zwischen verschiedenen Formen des Einstiegs wählen: Neben der klassischen Grundausbildung mit grundlegenden militärischen Inhalten und Waffentraining bietet die Schützenunion auch einen Kurs zur zivilen Resilienz an, der stärker auf gesellschaftliche Vorbereitung und Krisenkompetenzen ausgerichtet ist.
Gesamtverteidigung in Litauen: Sicherheit als Aufgabe der gesamten Gesellschaft
Die Mitgliedschaft in der Schützenunion basiert auf freiwilligem und ehrenamtlichem Engagement. Die Mitglieder erhalten keine Vergütung – im Gegenteil: Sie zahlen einen symbolischen Mitgliedsbeitrag und beschaffen ihre Uniform in der Regel eigenständig. Rund 30 Prozent der Mitglieder sind Frauen.
Es ist gerade die Vielfalt sowie das breite Expertennetzwerk, die die LRU zu einer starken und leistungsfähigen Organisation machen. “Im Dienst der Heimat” - ist das Motto der Organisation und die Eidworte jedes Mitgliedes.
Zur LRU gehört auch eine Jugendorganisation. Ihr können Jugendliche ab 11 Jahren beitreten. In altersgerechten Ausbildungs- und Freizeitprogrammen erwerben sie Kenntnisse in Erster Hilfe, Orientierung, Zivilschutz und Krisenvorsorge, nehmen an Sport- und Outdoor-Aktivitäten teil und werden an staatsbürgerliches Engagement herangeführt.
Mehr als Vorbereitung auf den Ernstfall: Die Schützenunion als Partner des Staates im Alltag
Der Weg in die Organisation beginnt mit der Vereidigung neuer Mitglieder. Danach folgt ein rund achtmonatiger Grundkurs mit theoretischen Inhalten und praktischen Übungen, die abends oder an Wochenenden stattfinden.
Anschließend entscheiden die Mitglieder, in welchem Bereich sie sich innerhalb der Schützenunion einbringen möchten. Die Organisation versteht sich dabei weniger als Ausbildungseinrichtung, sondern als Plattform für aktives Engagement: Die Mitglieder erhalten kontinuierlich Weiterbildungsmöglichkeiten, bringen ihre Kenntnisse aber vor allem in der praktischen freiwilligen Aktivitäten ein.
Mit dem starken Mitgliederzuwachs seit 2022 hat sich auch das Spektrum der Spezialisierungen innerhalb der Organisation erweitert. Neben klassischen Bereichen wie militärische Übungen gehören heute zahlreiche nicht-kinetische Aktivitäten dazu – darunter Kultur und Bildung, internationale Beziehungen, Kommunikation, Dokumentierung der Kriegsverbrechen, IT und Cyber, medizinische Unterstützung, psychologische Unterstützung, Logistik, Versorgung, Kynologie sowie zivile Krisenvorsorge, u.s.w. Insgesamt gibt es derzeit über 20 verschiedene Spezialisierungen, aus denen die Mitglieder wählen können.
Ein wichtiges Merkmal der Schützenunion ist dabei die Verbindung von ziviler Kompetenz und Sicherheitsaufgaben. Ein IT-Spezialist kann beispielsweise in einer Kommunikations- oder Cybergruppe tätig werden, medizinisches Personal kann seine Fachkenntnisse in Sanitätsstrukturen einbringen, während Ingenieure oder Technikexperten bei der Entwicklung und Wartung neuer Systeme unterstützen können.
Die Rolle der LRU reicht weit darüber militärische Vorbereitung für den Ernstfall hinaus: Schon in Friedenszeiten unterstützt sie staatliche Institutionen und übernimmt Aufgaben, die zur Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft beitragen. Diese Verbindung von freiwilligem Engagement und staatlicher Unterstützung zeigt sich in zahlreichen ofizielen Partnerschaften mit den staatlichen Institutionen: vom Blutspenden-Aktionen und vom Bildungsarbeit an den Schulen bis zur Grenzschutz.
Gemeinsam mit der Polizei unterstützen Schützen beispielsweise die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bei Veranstaltungen und öffentlichen Versammlungen. Mit dem Litauischen Roten Kreuz arbeitet die Organisation im Bereich Bevölkerungsschutz zusammen, entwickelt Ausbildungsangebote für Bürger und stärkt die koordinierte Hilfe in Notfällen. Auch die junge Generation steht im Fokus. Auch die junge Generation steht im Fokus: Gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium und dem Bildungsministerium fördert die Schützenunion staatsbürgerliche Bildung, Resilienz und Verantwortungsbewusstsein. In Zusammenarbeit mit dem litauischen Grenzschutz helfen Schützen bei Beobachtung, Patrouillen und zeitlich begrenzten Aufgaben im Grenzgebiet.
Und vieles vieles mehr. Diese Bandbreite der Aktivitäten zeigt den besonderen Charakter der LRU: die militärische Vorbereitung wird mit praktischer Unterstützung des Staates und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.
Das Land nicht nur mit der Waffe verteidigen: jeder Bürger kann einen Beitrag leisten
Oberst Linas Idzelis, Kommandeur der Schützenunion, betont in mehreren Interviews, dass moderne Verteidigung weit mehr erfordert als infanteristische Fähigkeiten. “Der zivile Widerstand lässt sich mit einer Burg und einem Speer vergleichen. Die Burg steht für die vielen lebenswichtigen Funktionen des Staates. Nur ein Teil der Menschen greift zum Speer, während alle anderen ihre Aufgaben wie im Frieden weiter wahrnehmen, damit der Staat seine wesentlichen Funktionen auch in einer Krise oder im Krieg erfüllen kann”, so Idzelis. Neben bewaffneten Einheiten werden deshalb gezielt Kompetenzen in den Bereichen Logistik, Kommunikation, medizinische Versorgung, Cyber, Informationsarbeit und Drohnentechnologie aufgebaut. Gleichzeitig soll die Organisation Menschen ansprechen, die sich nicht in einer klassischen militärischen Rolle sehen, sich aber dennoch für die Sicherheit engagieren wollen.
Der zivile Widerstand lässt sich mit einer Burg und einem Speer vergleichen. Die Burg steht für die vielen lebenswichtigen Funktionen des Staates. Nur ein Teil der Menschen greift zum Speer, während alle anderen ihre Aufgaben wie im Frieden weiter wahrnehmen, damit der Staat seine wesentlichen Funktionen auch in einer Krise oder im Krieg erfüllen kann
Drohnen als neues Schlüsselgebiet
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel der Schützenunion im Bereich der unbemannten Systeme. Die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine haben gezeigt, welche Bedeutung Drohnen für Aufklärung, Lagebilderstellung, taktische Unterstützung, Angriff und Verteidigung besitzen. Die Schützenunion hat deshalb schon vor der Armee begonnen, eigene Fähigkeiten in diesem Bereich systematisch auszubauen.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von FPV-Drohnenpiloten. Dafür wurden in verschiedenen Regionen spezielle Trainingsräume eingerichtet, mit denen Mitglieder unter kontrollierten Bedingungen Flugerfahrung sammeln können. Nach Angaben der Organisation wurden Simulatoren an regionale Einheiten verteilt, um eine breitere Ausbildungskapazität aufzubauen.
Die Ausbildung beschränkt sich nicht nur auf das Steuern von Drohnen. Mitglieder lernen auch technische Grundlagen, den Umgang mit Ausrüstung sowie die Einbindung von Drohnen in größere Einsatzabläufe. In speziellen Trainingsprogrammen wurden Schützen unter anderem im Umgang mit FPV-Systemen und Aufklärungsdrohnen geschult.
Ziel ist der Aufbau spezialisierter Drohneneinheiten innerhalb der regionalen Strukturen der Organisation. Einige Einheiten verfügen bereits über entsprechende Fähigkeiten und nehmen an Übungen gemeinsam mit den litauischen Streitkräften teil, während andere sich noch im Aufbau befinden.
Von Vilnius nach Magdeburg: Bedrohungen im Informationskrieg kennen keine Grenzen
Ein Beispiel für die wachsende Bedeutung nicht-kinetischer Fähigkeiten ist die Entwicklung der ersten spezialisierten Informationsoperations-Kompanie in der LRU. Damit sollen die Fähigkeiten der Schützen im Bereich nicht bewaffneter Aktivitäten gestärkt und die Resilienz gegenüber Informationsbedrohungen erhöht werden. Auf Grundlage der Erfahrungen dieser Einheit plant die LRU, entsprechende Fähigkeiten künftig organisationsweit auszubauen.
„Moderne Kriege beginnen selten mit Artilleriesalven. Wir leben in einer Ära des ‚Krieges zwischen Menschen‘, in der sich das Schlachtfeld auf die Straßen der Städte, die Bildschirme von Smartphones und die Köpfe der Menschen verlagert hat. Der Informationsraum ist heute eine Front ohne klare Grenze – und wir alle sind dort beteiligt“, sagte ein Vertreter der litauischen Streitkräfte auf dem InfoOPS-Tag.
Die Schützenunion betont, dass Informationssicherheit bei jedem Einzelnen beginnt – durch verantwortungsvolles Verhalten im digitalen Raum, kritisches Denken und die Fähigkeit, auch mit Menschen im Dialog zu bleiben, die Zweifel äußern. Gerade die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft wird zu einem der wichtigsten Faktoren für die Gewährleistung der staatlichen Sicherheit.
Gesellschaftliche Resilienz muss vor den Krisen, nicht während der Krisen geübt werden
Wobei der nationale Ansatz Litauens kein Copy-Paste Ansatz ist, die Schützenunion zeigt, wie freiwilliges Engagement systematisch in die nationale Sicherheitsstrategie eingebunden werden kann. Bemerkenswert ist dabei weniger ihre militärische Komponente als die Verbindung unterschiedlichster Fähigkeiten: medizinische Versorgung, Logistik, Kommunikation, IT-Kenntnisse, Psychologie, Sprachkenntnisse, Jugendengagement, Drohnentechnologie und zivile Krisenvorsorge werden als Bestandteile derselben Gesamtstrategie verstanden.
Die Grundidee ist: Bürger sollen entsprechend ihrer Fähigkeiten einen Beitrag leisten können. Nicht jedes Mitglied muss eine militärische Rolle übernehmen. Die litauische Schützenunion verfolgt anders als z.B. ein Reservistenverband, einen breiteren Ansatz: Sie versteht sich als Bindeglied zwischen Staat, Streitkräften und Gesellschaft. Militärische Ausbildung ist dabei nur ein Teil eines umfassenderen Konzepts gesellschaftlicher Vorsorge.
Der litauische Ansatz verdeutlicht jedoch, dass gesellschaftliche Resilienz nicht erst in einer Krise entsteht. Sie muss langfristig aufgebaut, regelmäßig geübt und organisatorisch im Verteidigungssystem verankert werden.
Gerade dieser Gedanke könnte auch für die deutsche Debatte über Gesamtverteidigung, Heimatschutz und Krisenvorsorge interessante Impulse liefern.
Laura Tatarėlytė beim Fahnenmarsch zur Wiederlangung der Unabhängigkeit Litauens am 11. März 2025
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Die Litauische Schützenunion ist eine freiwillige, staatlich unterstützte Organisation, in der Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag zur Bewältigung von Krisen, in der Landesverteidigung und im Zivilschutz leisten.
Gesamtverteidigung beschreibt ein Sicherheitskonzept, bei dem Streitkräfte, Behörden, Unternehmen und Bevölkerung gemeinsam zur Landesverteidigung beitragen.
Die Schützenunion ist nach zwanzig Spezialisierungen gegliedert und besteht aus bewaffneten und unbewaffneten Einheiten. Zentrale Aufgaben sind gesellschaftliche Resilienz, Landesverteidigung, Bildung und Mobilsierung der Bevölkerung zur Bewältigung von Krisen, Logistik, medizinische Versorgung, Verpflegung, Krisenvorsorge, Zivilschutz, Cyber- und Informationssicherheit, zivil-militärische Zusammenarbeit und vieles mehr.
Viele Fachleute sehen im litauischen Modell Anregungen für die deutsche Debatte über Heimatschutz, Krisenvorsorge und Gesamtverteidigung.