Rechtsstaatlichkeit
Unterwandern statt konfrontieren: Die Häfen im Visier
Der Kokainhandel zwischen Lateinamerika und Europa ist längst mehr als eine Frage von Anbauflächen, Routen und Beschlagnahmungen. Das zeigt ein aktuelles Strategiepapier der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, verfasst von der Kriminologin Tania Molina Rojas und Elisabeth Maigler Kluesserath. Die zentrale Botschaft: Kriminelle Netzwerke greifen selten frontal an. Sie unterwandern die Institutionen, die ihre Geschäfte ermöglichen oder behindern könnten.
Diese Strategie ist für Häfen besonders relevant. Hamburg ist Deutschlands größter Hafen und der drittgrößte Containerhafen Europas. Gerade wegen des enormen Handelsvolumens lässt sich nicht jeder Container kontrollieren, ohne den Betrieb zu stören. Das Papier beschreibt, dass Netzwerke genau diese Lücke nutzen. Ein Beispiel aus dem Jahr 2023: Deutsche Behörden beschlagnahmten in Hamburg im Rahmen einer internationalen Operation 25 der insgesamt 35,5 Tonnen Kokain,.die in Hamburg sichergestellt wurden. Die Ware war zwischen Obst und Gemüse versteckt, flankiert von rund 100 Scheinfirmen.
Das Papier betont ausdrücklich, dass Hafenarbeiter nicht per se das schwache Glied sind. Sie arbeiten jedoch an einem logistisch hochsensiblen Punkt und sind daher anfällig für Bestechung, Druck oder Einschüchterung. Der Hafen von Rotterdam räumt laut Papier ein, dass kriminelle Organisationen gezielt nach Informationen, Zugangsausweisen und Personen suchen, die Bewegungen auf dem Gelände erleichtern können. Auch Methoden wie das Anbringen von Ortungsgeräten oder das Manipulieren von Siegeln deuten auf Netzwerke hin, die ganze Logistikketten steuern.
Ein Fall aus Deutschland verdeutlicht die Dimension. Einem Staatsanwalt in Hannover wurde vorgeworfen, Informationen an eine Organisation weitergegeben zu haben, die mit einer großen Lieferung in Verbindung stand. Das Papier stellt klar, dass dies nicht beweist, dass das gesamte System kompromittiert ist. Es zeigt aber, dass Unterwanderung kein Phänomen ist, das nur Lateinamerika betrifft.
Die Autorinnen ziehen daraus eine klare Konsequenz: Die Beschlagnahme einzelner Lieferungen reicht nicht aus. Kriminelle Netzwerke verlieren zwar Fracht, behalten aber den Großteil ihres Kapitals und können Verluste ersetzen. Notwendig seien stattdessen eine bessere Risikoanalyse in Häfen, konsequente Vermögenseinziehung und wirksame Korruptionsbekämpfung. Die niederländische Antikorruptionsstrategie von Juni 2025 stuft Transport und Logistik bereits als Hochrisikobereich ein.
Für politische Entscheidungsträger lautet die Botschaft: Eine Beschlagnahme ist das Ende einer Kette, nicht das Ende des Geschäfts. Europa kann diese Netzwerke nur schwächen, indem es die Geldwäsche ihrer Gewinne und den Geldtransfer über legale Kanäle verteuert.