EN

Geopolitik
Die neue Weltordnung navigieren

Reflexionen über die FNF Naumann Academy of Politics in Nairobi
Geopolitics

World map connected, social network, globalization business, social media, networking concept.

© Shutterstock

Eine beeindruckende Woche in Nairobi liegt hinter mir, und zurück in meiner Heimatstadt Münster werde ich direkt von deutlich weniger angenehmem Wetter empfangen. Doch die vergangenen Tage haben bei mir mehr hinterlassen als nur die Sehnsucht nach Sonnenschein. Sie haben mir reichlich Anlass gegeben, über die Welt, in der wir leben, und die Herausforderungen, die vor uns liegen, nachzudenken.

Wie die FNF Naumann Academy of Politics unter dem Leitthema „Navigating the New World Order: Liberal Grand Strategy in the Age of Geopolitics“ verdeutlichte, gerät die internationale Ordnung, an die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten gewöhnt haben, zunehmend unter Druck. Ein aufstrebendes China, das seinen globalen Einfluss durch Initiativen wie die Belt and Road Initiative (BRI) ausbauen will, die Vereinigten Staaten, die ihren strategischen Fokus zunehmend von der transatlantischen Zusammenarbeit abwenden, und Russland, das seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortsetzt, sind nur einige der Entwicklungen, die unser geopolitisches Umfeld grundlegend verändern.

Diese gleichzeitigen Krisen werfen eine grundlegende Frage auf: Wie sollte eine neue strategische Gesamtausrichtung liberaler Demokratien aussehen?

Im Laufe der Woche haben wir uns gemeinsam mit Expertinnen und Experten sowie Teilnehmenden aus Lateinamerika, Europa, Afrika und Asien mit dieser Frage auseinandergesetzt. Unsere Diskussionen verdeutlichten nicht nur die Komplexität der Herausforderungen, vor denen wir stehen, sondern auch, wie unterschiedlich diese in den verschiedenen Weltregionen wahrgenommen werden. Mehr über das politische Klima in anderen Ländern zu erfahren und sich mit Liberalen aus aller Welt über unterschiedliche Perspektiven auszutauschen, gehörte für mich zu den wertvollsten Erfahrungen der Academy.

Eine besonders eindrückliche Erkenntnis war das enorme Ausmaß des globalen wirtschaftlichen Engagements Chinas. Chinesische Investitionen in Nairobis Infrastruktur, von Brücken bis hin zu Wohnbauprojekten, mit eigenen Augen zu sehen, verdeutlichte, wie wirtschaftliche Stärke in geopolitischen Einfluss übersetzt werden kann. Gleichzeitig machten unsere Diskussionen das enorme Potenzial afrikanischer Länder als Partner bei der Gestaltung der entstehenden internationalen Ordnung deutlich.

Was also sollten liberale Demokratien tun?

Zunächst müssen wir unsere Fähigkeit zum eigenständigen Handeln stärken. Dazu gehören Investitionen in unsere Verteidigungsfähigkeit, um unsere territoriale Integrität zu bewahren und eine Fremdbestimmung zu verhindern. Gleichzeitig müssen wir den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhalt aufrechterhalten, der für wirksame strategische Entscheidungen notwendig ist. Ebenso wichtig sind technologische Innovation, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Diversifizierung unserer Abhängigkeiten, insbesondere in kritischen Bereichen wie der Energieversorgung.

Eine erneute Fokussierung auf militärische Stärke darf jedoch nicht zulasten unserer bestehenden Stärken gehen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Europäischen Union bleibt ein wirkungsvolles geopolitisches Instrument, ergänzt durch ihre beträchtliche Soft Power, zu der unter anderem ihre erstklassigen Bildungseinrichtungen und internationalen Partnerschaften beitragen.

Vor allem aber müssen liberale Demokratien erkennen, dass sie sich in dieser zunehmend komplexen Welt nicht allein behaupten können. Wie der kanadische Premierminister Mark Carney in seiner jüngsten Rede vor dem Europäischen Parlament sinngemäß erklärte: „Wir leben derzeit in einem Sturm.“ Und weiter führte er aus: „In diesem Sturm wird ein einzelner Baum umstürzen. Ein Wald hingegen nicht.“

Diese Analogie bringt eine meiner zentralen Erkenntnisse aus der Academy auf den Punkt: In einer zunehmend fragmentierten Welt müssen liberale Demokratien zusammenstehen. Internationale Zusammenarbeit ist nicht nur Ausdruck gemeinsamer Werte, sondern eine strategische Notwendigkeit, wenn wir unsere Fähigkeit bewahren wollen, die entstehende Weltordnung aktiv mitzugestalten.

Aus Nairobi kehre ich mit einem vertieften Verständnis für die Komplexität der heutigen geopolitischen Herausforderungen zurück, aber auch mit einer erneuerten Überzeugung von der Bedeutung internationaler liberaler Zusammenarbeit.

Die vor uns liegende Aufgabe ist klar: Liberale Demokratien und insbesondere die Europäische Union brauchen eine kohärente strategische Vision, die die Fähigkeit zu eigenständigem Handeln mit der Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit verbindet.

Die entstehende Weltordnung ist noch nicht in Stein gemeißelt. Doch wenn wir sie aktiv mitgestalten wollen, anstatt uns lediglich an sie anzupassen, müssen wir jetzt handeln.