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Digitale Souveränität
Bei KI droht der nächste China-Fehler

Eine neue FNF-Studie zeigt die zunehmende Dominanz chinesische KI-Modelle in Deutschland. Uns droht die nächste gefährliche Abhängigkeit. Doch noch ist es nicht zu spät.
nicole büttner

Nicole Büttner

Eine gewaltige Welle bricht über uns herein: Noch vor einem Jahr spielten chinesische KI-Modelle in Deutschland kaum eine Rolle. Jetzt zeigt eine neue Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, wie dominant sie schlagartig geworden sind. 

Auf OpenRouter, einer der wichtigsten Zugangsplattformen für KI-Modelle, gehen mittlerweile mehr als 60 Prozent des Tokenverbrauchs in Deutschland auf chinesische Modelle zurück. In der gesamten EU stieg ihr Anteil innerhalb eines Jahres von rund 15 auf 58 Prozent.

Diese Zahlen messen nicht den gesamten KI-Markt. Sie zeigen aber, worauf immer mehr Entwickler gerade ihre Produkte bauen. Und sie erzählen uns eine Geschichte, die wir bereits kennen.

Deutschland hat es sich zuletzt häufig bequem gemacht und auf chinesische Angebote verlassen. Weil das Billigste gut genug war. Aber auch, weil wir es unseren Unternehmen durch schlechte Standortpolitik erschwert haben, hier wettbewerbsfähig zu produzieren. Bei Rohstoffen, bei Vorprodukten für wichtige Medikamente, bei zentralen Komponenten für die Energiewende und auch bei manchen Chips.

Ein bekanntes Muster

Das war praktisch, aber mittlerweile schickt uns China die Rechnung. Im April 2025 stellte China die Ausfuhr von sieben Seltenen Erden und daraus gefertigten Magneten unter Lizenzpflicht. Wenige Wochen später meldeten deutsche Zulieferer, dass ihnen die Teile ausgehen. Kein Wunder: China kontrolliert rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung Seltener Erden. Das war seit Jahren bekannt. Es war aber sehr bequem, nicht hinzusehen.

Im Herbst 2025 folgte der nächste Schlag. Nach dem Streit um den Chiphersteller Nexperia stoppte Peking die Ausfuhr von dessen Chips aus chinesischen Werken. Es ging um einfache Bauteile für wenige Cent. Trotzdem warnte Volkswagen vor Produktionsstopps, die Branche lud zu Krisengesprächen.

Das Muster ist immer dasselbe: Ein Vorprodukt ist billig und gut genug. Unternehmen richten ihre Lieferketten darauf aus. Der Wettbewerb drängt sie dazu, gerade wenn europäische Alternativen teurer oder kaum vorhanden sind. Abhängigkeit entsteht nicht durch eine große Fehlentscheidung, sondern durch tausend vernünftige kleine Entscheidungen.

Diesmal geht es um das Betriebssystem der Wirtschaft

Bei KI wiederholt sich das Muster im Zeitraffer. Dabei sind KI-Modelle nicht irgendein Vorprodukt. Sie werden zu einem Fundament unserer Wirtschaft. Sie schreiben heute Programmcode, prüfen Verträge und steuern betriebliche Abläufe. Wir geben die Kontrolle über das künftige Betriebssystem unserer Wirtschaft ab.

Zwar sind viele chinesische Modelle als Open-Weight-Modelle verfügbar und können lokal betrieben werden. Doch damit einher geht eine trügerische Sicherheit: China kann ohne Weiteres künftig Updates verweigern. Im schnellen KI-Rennen geraten Unternehmen damit sofort in Rückstand. Der dann wohl notwendige Wechsel zu einem anderen Modell ist teuer. Neue Prompts, Tests und Feinabstimmungen wären nötig.

Dazu kommt eine gefährliche Asymmetrie. Europa ist offen, China ist es nicht. Dort laufen 95 Prozent der beobachteten Nutzung über heimische Modelle, ChatGPT und Claude sind nicht erhältlich. Pekings Handelsministerium hat mit Alibaba, Z.ai und ByteDance bereits über Beschränkungen für das Ausland gesprochen. Ein Exportstopp würde uns treffen, China aber kaum. Genau diese Hebelwirkung hat Peking bei den Seltenen Erden schon genutzt.

Europas Antwort muss eigene Stärke sein

Europas Antwort darf nicht Abschottung sein. Chinesische KI-Modelle ermöglichen es gerade Start-ups und mittelständischen Unternehmen, KI schnell einzusetzen. Diese Chancen sollten wir nutzen – aber die Risiken klar benennen und Alternativen entwickeln. Das würde auch unseren Handlungsspielraum gegenüber den USA erhöhen. 

Dafür müssen Deutschland und Europa bessere Bedingungen für die Entwicklung eigener Modelle schaffen: bezahlbare Rechenleistung, besseren Zugang zu Trainingsdaten, mehr privates Wachstumskapital und klare Regeln, die das Training erleichtern. 

Ich spreche täglich mit Start-up-Gründern, KI-Forschern und Technologie-Unternehmern. Europa hat das Talent, leistungsfähige KI-Modelle zu entwickeln und erfolgreiche KI-Unternehmen aufzubauen. Geben wir diesen Menschen die Bedingungen, die sie dafür brauchen. Unsere Unabhängigkeit beginnt damit, dass sie hier erfolgreich sein können.

*Nicole Büttner ist Technologie-Unternehmerin und Mitglied im FDP-Vorstand

*Der Artikel erschien zuerst in der Schwäbischen Zeitung am 21.10.2026