Verteidigung
Litauen: Wehrhaft ohne Uniform
In Berlin haben sich Linke, Grüne und SPD in ihrer Sondierungsvereinbarung darauf verständigt, die Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr an Schulen zu beenden. Damit fehlt verbindliche sicherheitspolitische Bildung – das ist genau der falsche Weg. Dies wird umso klarer, wenn man, wie wir vor kurzem, Litauen besucht hat.
In dem baltischen Land ist die Bedrohung durch Russland allgegenwärtig. Trotzdem begegnet einem dort erstaunlich wenig Schockstarre. Bei einem Besuch in Vilnius haben wir erlebt, wie Menschen aus Militär, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft ihren Teil zur Verteidigung Europas beitragen. Das wirft auch für Deutschland eine Frage auf: Was bedeutet es eigentlich, die Freiheit nicht nur zu beschwören, sondern sie zu verteidigen?
Es gibt Momente, in denen große politische Begriffe plötzlich sehr konkret werden. Für uns war ein solcher Moment ein Einkaufszentrum in Vilnius. Im vierten Stock des CUP Shopping Centers sitzen Freiwillige und knüpfen Tarnnetze. Stoffstreifen werden zugeschnitten, verknotet und miteinander verwoben. Die Netze gehen anschließend an die Front in die Ukraine. Dort sollen sie Fahrzeuge, Stellungen und Ausrüstung vor russischen Drohnen schützen.
Die Initiative heißt „Vilniaus Vorai“ – die Spinnen von Vilnius. Sie entstand im April 2022 als Projekt einer Unterstützungsgruppe der Litauischen Schützenunion. Im Februar 2026 hatten die Freiwilligen nach eigenen Angaben bereits zwölf Hektar Tarnnetze hergestellt. Litauerinnen knüpfen dort nach der Arbeit neben Ukrainerinnen und Belarussen, die in Litauen Zuflucht gefunden haben. Natürlich entscheidet ein Tarnnetz nicht über den Ausgang dieses Krieges. Aber vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Lektionen, die man gegenwärtig aus Litauen mitnehmen kann: Nicht nur Soldaten können etwas zur Verteidigung der Freiheit beitragen.
Eine Gesellschaft, die nicht nur auf den Staat wartet
Normale Bürger engagieren sich in ihrer Freizeit bei der Schützenunion, um die Verteidigungsbereitschaft im Land zu stärken. Pfandflaschen und Teile der Einkommensteuer werden für die nichtstaatliche Organisation Blue/Yellow gespendet. Seit 2014 hat sie über 130 Millionen Euro eingeworben, um Drohnen, Fahrzeuge, Optik und andere Ausrüstung zu beschaffen und direkt an ukrainische Einheiten an der Front zu liefern.
Dahinter steht eine bemerkenswerte Vorstellung von Bürgergesellschaft: Der einzelne Mensch muss nicht darauf warten, bis der Staat alle Probleme für ihn löst. Er kann selbst Verantwortung übernehmen. Das ist keine Militarisierung der Gesellschaft, sondern ein Weg, Angst und Ohnmacht in etwas Konstruktives für robuste Ukrainehilfe umzuwandeln.
Die russische Aggression erzeugt auch in Deutschland Angst. Wer nach Vilnius reist, befindet sich aber nur rund 30 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. An jedem zweiten Haus weht eine ukrainische Fahne, mehr als in jeder anderen europäischen Hauptstadt. Der Krieg in der Ukraine ist hier keine abstrakte Nachricht aus dem Ausland. Die Erinnerung an die sowjetische Besatzung ist präsent, eine sehr gründliche Analyse russischer Propaganda und Politik ist obligatorisch.
Und trotzdem ist die Botschaft, die wir aus vielen unserer Gespräche mitgenommen haben, erstaunlich optimistisch: Wir sind der russischen Aggression nicht hilflos ausgeliefert.
Man kann sich in der Zivilgesellschaft engagieren. Man kann Geld spenden. Man kann Unternehmen gründen, Drohnen entwickeln oder in die Verteidigungsindustrie investieren. Man kann Desinformation aufdecken. Man kann ukrainische Organisationen unterstützen. Und ja: Man kann nach Feierabend in ein Einkaufszentrum gehen und Tarnnetze knüpfen.
Der vollständige Artikel ist am 28.10.2026 auf Pioneer erschienen.