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Israel
Gedanken zum 7. Oktober

Brief nach Deutschland von Anne Cohen-Koehler, langjährige Mitarbeiterin FNF Jerusalem
 besuchte sie das Kibbutz Be'eri, das am 7. Oktober 2023 Opfer des brutalen Angriffs der Hamas wurde.

Besuch des Kibbutz Be'eri, das am 7. Oktober 2023 Opfer des brutalen Angriffs der Hamas wurde.

© FNF

Heute jährt sich zum dritten Mal der Jahrestag des Überfalls der Terror-Organisation Hamas aus dem Gazastreifen auf Israel. Aus heutiger Sicht wissen wir: Es war ein Tag, der die Welt schlechter gemacht hat. Es ist nicht zu viel verlangt, heute aller Opfer seither zu gedenken und zu verstehen: Ihr Leid und das Leid und ihrer Angehörigen reicht so viel tiefer als die bloße Parteinahme für die eine oder die andere Seite des Konflikts.

Wenn ich heute von hier auf die Reaktionen im Ausland schaue, vermisse ich vor allem Empathie; Empathie für die menschliche Tragödie, in der wir hier – Palästinenser wie Israelis – schon so lange gefangen sind.

Aus dem Ausland klingt es manchmal so, als würden hier vor allem Irre herumlaufen: entweder Rassisten oder Terroristen. Davon gibt es hier leider tatsächlich nicht wenige, und sie fügen uns allen sehr viel Leid zu. Dabei bleiben sie aber eine Minderheit - eine leider sehr laute und auch brutale Minderheit, die mit ihrer Gewaltbereitschaft versucht, jeden Versuch von Annäherung und Aussöhnung im Keim zu ersticken und mit ihren Taten weiter Misstrauen und Hass zu vertiefen. Wir, die Mehrheit von Israelis - und ich möchte glauben, auch die Mehrheit der Palästinenser – wünschen nichts mehr als ein Ende des Kreislaufs der Gewalt. In meiner Projektarbeit und auch im privaten Leben erlebe ich, wie wir „normalen“ Israelis und Palästinenser täglich dem Diktat der Radikalen trotzen und unsere Menschlichkeit im Umgang miteinander hochhalten und bewahren trotz der unglaublich schweren Umstände.

Vielleicht sollte man erkennen, dass der israelisch-palästinensische Konflikt das ist, was man in der Konfliktforschung einen „real conflict“ nennt: „two peoples, one land“. Es geht also um einen sehr realen Interessenkonflikt, und beide Seiten haben nachvollziehbare und gewichtige Argumente für ihre jeweilige Perspektive. Ein solcher Konflikt lässt sich eben nicht allein auf Feindbilder, Emotionen, Missverständnisse, radikale Ideologien oder menschliche Unzulänglichkeiten zurückführen. Selbst wenn all diese feindlichen Gedanken, Emotionen und Ideologien eines Tages verschwinden würden, bliebe die grundlegende Frage bestehen: Wer bekommt was? Wie garantiere ich meine Sicherheit, meinen Anteil an diesem Land und meine Teilhabe an seinem Wohlstand?

Uns – Palästinenser und Israelis – ausschließlich durch die Schlagzeilen der Nachrichten zu betrachten und dabei von außen den moralischen Zeigefinger zu heben, empfinde ich deshalb als überheblich und bequem. Schlagzeilen konzentrieren sich naturgemäß auf das Spektakuläre, Extreme und meist Negative. Dabei geht vieles von dem verloren, was hier ebenfalls Realität ist.

Die israelische Zivilgesellschaft ist ausgesprochen aktiv und leistet in diesen unglaublich schwierigen Zeiten einen immensen Beitrag zur ethischen, psychischen und demokratischen Resilienz Israels. Das schließt die palästinensische Bevölkerung Israels ein und reicht in vielen Fällen auch über die Grüne Linie hinaus. Vor dem 7. Oktober gingen Hunderttausende über Monate hinweg auf die Straße, um für die israelische Demokratie zu kämpfen; danach kämpften viele dieser Menschen mit derselben Beharrlichkeit für die Rückkehr der Geiseln. Wir befinden uns hier seit Jahren in einem Ausnahmezustand und kämpfen gleichzeitig mit inneren und äußeren Bedrohungen.

Diese Bedrohungen sind keine Einbildung. Hamas, Hisbollah und das iranische Regime vertreten fundamentalistische und zutiefst repressive Ideologien. Sie unterdrücken auch ihre eigenen Bevölkerungen, instrumentalisieren den Hass auf Israel und Juden für ihre politischen Ziele und verfolgen regionale Machtansprüche. Diese Realität auszublenden, macht das Bild ebenso einseitig wie die Ausblendung des Leids und der Rechte der Palästinenser.

Ich kann gut verstehen, wenn Außenstehende keine Kraft oder keine Lust mehr haben, sich mit diesem Konflikt auseinanderzusetzen. Das ist völlig legitim. Aber dann muss man sich meines Erachtens auch nicht bemüßigt fühlen, vehement Partei zu ergreifen. Zu den Dutzenden anderen Konflikten auf der Welt haben die meisten Menschen schließlich auch keine dezidierte Meinung – nur in unserem Fall scheinen plötzlich sehr viele zu Nahostexperten zu werden.

Ich habe ohnehin nie verstanden, warum sich Außenstehende so häufig verpflichtet fühlen, sich für eine der beiden Seiten entscheiden zu müssen. Warum kann man nicht Empathie für beide Seiten haben? Auf beiden Seiten gibt es Opfer und Täter, Ängste und Traumata, berechtigte Interessen und Verantwortung.

Vielleicht gehört zu diesem Blick von außen auch ein wenig Demut. Europa hat schließlich selbst enorme Herausforderungen zu bewältigen: einen seit Jahren andauernden Krieg auf dem eigenen Kontinent, für den bislang keine politische Lösung gefunden wurde, und zugleich wachsenden Druck auf seine demokratischen Systeme. Auch in Deutschland gewinnen die politischen Ränder erheblich an Stärke. Vielleicht zeigt gerade das, wie schwierig es ist, tiefgreifende gesellschaftliche und politische Konflikte zu lösen – selbst in stabilen europäischen Demokratien.

Die Realität sieht von außen manchmal anders aus, als sie sich anfühlt, wenn man in ihr lebt. Ich bitte um Gedenken für alle Opfer.