Zumba tanzen und Pepsi trinken

Tristan Horx vom Zukunftsinstitut über eine globale Welt und was dieser Trend für uns bedeutet

Meinung20.07.2017
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istock.com/ LeonidKos

Welche Trends prägen unsere Gegenwart und welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft schließen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Zukunftsinstitut, eines der großen Think Tanks europäischer Trend- und Zukunftsforschung. Freiheit.org hat mit dem Sozial-und Kulturanthropologen Tristan Horx gesprochen, der sich im Zukunftsinstitut besonders mit den Themen Globalisierung und Digitalisierung beschäftigt.

Ihr Institut betreibt Trend- und Zukunftsforschung: Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die wichtigsten globalen Trends?

Wir sehen sogenannte Megatrends als die wichtigsten Treiber des globalen Wandels. Als Entwicklungskonstanten der globalen Gesellschaft umfassen sie mehrere Jahrzehnte in ihrer Entfaltung. Ein Megatrend wirkt in jedem einzelnen Menschen und umfasst alle Ebenen der Gesellschaft: Wirtschaft und Politik, sowie Wissenschaft, Technik und Kultur. Megatrends verändern die Welt - zwar langsam, dafür aber grundlegend und langfristig, und haben Wechselwirkungen miteinander. So konnte z.B. die neue Welle der Globalisierung nicht ohne die drastische Zunahme an Konnektivität und Mobilität erfolgen.

Globalisierung bedeutet für uns Wechselwirkung, Vernetzung, Diversifizierung. Und gleichzeitig Homogenisierung und Standardisierung. Vor allem erweitert sie den heutigen gesellschaftlichen Zukunftsraum im Sinne einer bis dato einmaligen Optionenvielfalt. Diese Prozesse sind unaufhaltsam. Die sozialen, kulturellen oder ökonomischen Aspekte der Globalisierung sind nicht rückgängig zu machen. Selbst Globalisierungsgegner organisieren sich in eben den globalisierten Strukturen, gegen die sie ankämpfen. Selbst der Terrorismus funktioniert ausschließlich aufgrund globalisierter und vernetzter Medienberichterstattung. Er wäre ohne diese wirkungslos. In dieser Welt der Paradoxe und zahllosen, dynamischen Verbindungen wächst gerade eine kaum wahrgenommene Generation von jungen, gebildeten Menschen heran, die sich durch eine neue Haltung auszeichnet: die Generation Global. Sie steht für Weltbürgertum, Postmaterialismus und Nachhaltigkeit. Wir sehen das Verhalten und die weitere Entwicklung dieser Generation in den kommenden Jahren als einer der wichtigsten globalen Trends, denn sie sind in der Globalisierung aufgewachsen und werden sich diese nicht einfach so nehmen lassen.

Tristan Horx
Tristan Horx beschäftigt sich für das Zukunftsinstitut mit Trend- und Zukunftsforschung.Klaus Vyhnalek

Unterscheiden sich die deutschen Trends von den weltweiten? Wenn ja, wie sehen die deutschen Trends aus?

Megatrends beschreiben gesellschaftliche Veränderungen und diese halten sich nicht an geografische Grenzen. Wobei es natürlich auch lokale Phänomene zu beachten gilt. Wir konzentrieren uns in unserer Arbeit stark auf den deutschsprachigen Raum. Speziell auf Deutschland bezogen haben wir analysiert, dass es eine gespaltene Wertelandschaft gibt - ein Phänomen, das jedoch nicht nur in Deutschland auftritt. Deutschland befindet sich momentan wohl durchaus im Zentrum der Globalisierung. Migration, globaler Handel, globale Politik - alles lässt sich hier finden.

Für wie gefährdet halten Sie die Globalisierung angesichts protektionistischer Tendenzen wie z.B. in den USA?

Wenn man davon ausgeht, dass die interne Komplexität des globalen Systems auf der Wechselwirkung zwischen Globalem und Lokalem beruht, bringen die nationalistischen Populisten das System in Bewegung. Auch wenn dies reaktionäre Stabilität ist, benötigt es Stressoren wie die AFD, Trump oder Brexit. Nur ein Spannungsfeld zwischen Stabilität und Veränderung kreiert ein agiles, funktionierendes, anpassungsfähiges System. Auch der Professor Hans Ulrich Gumbert teilt diese systemische Analyse: „In einem ohne Programm entstandenen Global-System politischer Vernetzungen werden jene Ereignisse zu einer Stabilitätsgarantie, welche unter national-politischen Bedingungen eine Bedrohung des Friedens waren.“

Globalisierung ist für viele sehr abstrakt. Von welchen ganz konkreten Vorteile profitieren Menschen, die in einer globalisierten Welt leben?

Es ist an der Zeit, unser Bild von Globalisierung zu korrigieren. Trotz der Schattenseiten, die globalisierte Produktionsketten und Warenströme mit sich gebracht haben, stehen wir als Menschheit besser da als je zuvor. Noch fehlt uns allerdings die richtige Haltung. Zeit, einen kritischen Optimismus zu wagen und konstruktiv auf die großen Entwicklungen unserer Zeit zu blicken. Wir versuchen die Chancen und Potenziale einer globalisierten Welt aufzudecken und ins Licht zu rücken – und zu zeigen, dass eine völlig neue Generation an Weltbürgern heranwächst, die die globale Gesellschaft formen wird. 

Das Paradox der Globalisierung ist, dass sie gleichzeitig standardisiert und diversifiziert, zu mehr Einheitsbrei führt und zu mehr Komplexität, die sich in alle möglichen Richtungen spezialisiert. Einerseits trinken alle möglichen Leute überall auf dem Globus Pepsi und gucken Filme aus Hollywood, andererseits werden – vom Buddhismus über Zumba bis zu Holi-Festivals – ständig Elemente aus nicht-westlichen Kulturen in westlichen Gesellschaften integriert. Nebenbei entstehen hoch spezialisierte Interessengemeinschaften, bei denen der geografische Ursprung fast völlig irrelevant wird, wie die Cosplay-Szene, die in sich ziemlich homogen ist, im Kontext der jeweiligen Lokalkultur jedoch ein unheimlicher Exot. Es sind diese Synthesen, die unsere globale Zukunft auszeichnen, und von welcher wir alle profitieren können.

Welche Auswirkungen hat die weltweite Vernetzung auf die Politik?

Die Politik der Zukunft klammert sich nicht mehr an veraltete Strukturen und künstlich gezogene Grenzen, auch wenn punktuell derzeit der Eindruck erweckt wird. Die Politik der Zukunft wird zunehmend nach Lösungen suchen müssen, indem sie in Netzwerken operiert. Wir erleben die globale Vernetzung der Wirtschaft, aber einen stark lokalen politischen Apparatus. Daher kommt das aktuelle Gefühl, dass Politiker nichts am alltäglichen Leben ihrer Wähler verbessern können. Denn die Kräfte, die unser Leben formen, sind deutlich globaler und komplexer in ihrer Natur, als dass sie die lokale Politik allein steuern könnte. Wenn wir keinen Weg finden, Demokratie zu globalisieren oder die Globalisierung zu demokratisieren, werden wir zusammen mit dem archaischen Nationenkonzept untergehen.