Zeitverträge in der Wissenschaft
Fristen, Frust und Freiheit

Mit der "Bayreuther Erklärung" haben sich die Kanzlerinnen und Kanzler der deutschen Universitäten zur neu entfachten Debatte um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz positioniert.
University

Mit der "Bayreuther Erklärung" haben die Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands Stellung zur neu entfachten Debatte um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) genommen. Hinter dem Streit um Befristungsquoten und Qualifizierungsmaßnahmen steht die Frage, wieviel Unsicherheit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zuzumuten ist. Um eine Balance zwischen wissenschaftlichem Wettbewerb und planbaren Lebenswegen zu schaffen, bedarf es aber eines grundsätzlichen Umdenkens im Hochschulbetrieb.

"Luft! Luft! Mir erstickt das Herz!", ruft Isolde ihrer Dienerin am Anfang von Richard Wagners bekannter Oper zu. Mit ähnlicher Inbrunst hatte sich im März das unter anderem von der GEW initiierte Netzwerk "Frist ist Frust" an die Politik gewandt, um sich für die Senkung der Befristungsquote im wissenschaftlichen Mittelbau einzusetzen. Auf die Forderung, die Mittel des Hochschulpaktes nur für die Schaffung von Dauerstellen zu verwenden, reagierte die Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands am 19. September 2019 mit einer "Bayreuther Erklärung", welche im Rahmen ihrer 62. Jahrestagung verabschiedet worden ist. Trotz des Titels orientiert sich die Erklärung allerdings weniger an Wagner‘schen Opern denn am Sound des Wissenschaftsmanagements. Vehement verteidigten die Universitätschefs den "Erhalt und die Entwicklung von Befristungsmöglichkeiten" und begründeten dies kontroverserweise mit "der besonderen Rolle und Aufgabe des Beschäftigungssystems im wissenschaftlichen Mittelbau der Universitäten als Qualifizierungssystem." Abgerundet wurde ihre Erklärung mit der wesentlich anschlussfähigeren Forderung nach einer "nachhaltigen Finanzierung der Universitäten." Die Kontroverse wird nun ähnlich erbittert geführt wie einst die mythische Fehde zwischen Irland und Cornwall. Während Martin Grund vom Doktorandennetzwerk N2 zum Beispiel von einer "Bankrotterklärung des deutschen Wissenschaftsmanagements" spricht, bringen andere Verständnis für die Positionen der "Bayreuther Erklärung" auf. Für eine nachhaltige Befriedung bedarf es allerdings keiner Zaubertränke, sondern eines liberalen Umdenkens in der Wissenschaftspolitik.

Die unglückliche Wissenschaft

Die prekäre Lage des wissenschaftlichen Mittelbaus ist seit langem ein bekanntes Problem. Zwischen dem Abschluss einer Promotion und dem erhofften Erreichen einer unbefristeten Stelle, in der Regel einer Professur, liegt eine lange Phase der Unsicherheit. Zwar gibt es auch unbefristete Stellen unterhalb der Professur, zum Beispiel als Akademischer Rat, doch diese sind rar gesät. Bereits ein kurzer Blick in Zahlen macht deutlich, wo das Problem liegt. 2018 waren insgesamt 209.596 Personen Teil des hauptberuflichen wissenschaftlichen und künstlerischen Personals an deutschen Hochschulen, darunter fielen aber nur 24.656 Professoren. Der Rest befand sich überwiegend auf einer der befristeten Stelle des Mittelbaus, welcher durch hohe Arbeitsbelastung und geringe Planungssicherheit charakterisiert sind. "Wissenschaft ist Prekariat" fasst einer dieser "Post-Docs" die Situation in einem Bericht der ZEIT zusammen, ein anderer spricht davon, im "Kreislauf aus Druck, Zeitnot und Angst" gefangen zu sein. Warum sich der wissenschaftliche Nachwuchs dies antut, hat Alexandre Afonso bereits vor einigen Jahren in einem sarkastischen Artikel für den Blog der London School of Economics dargelegt. Eine Erklärung des Bestsellers "Freakonomics" aufgreifend argumentiert er, dass die Wissenschaft wie eine Drogenbande funktionieren würde. Eine große Gruppe von "Outsidern" – hier die Post-Docs, dort die kleinen Drogenkuriere – würde sich hohen persönlichen Risiken und geringem Einkommen aussetzen, in der Hoffnung einmal selbst zu den "Insidern" zu gehören. Nach einer längeren Phase der Aufopferung winke dann eine immense Belohnung, weil man als Professor respektive Drogenbaron hohe Einkommen, gewaltigen Status und ein vergleichsweise geringes Risiko genießen könnte – become prof or die trying. In Deutschland, wo im Gegensatz zum Vereinigten Königreich und den USA sogar fast jedes Mitglied des Mittelbaus zu den Outsidern gehört, ist diese Dynamik zwar besonders ausgeprägt, aber auch in den Vergleichsländern zeigt sich der Trend zur "dualisation", das heißt der Aufteilung des (akademischen) Arbeitsmarktes in In- und Outsider.

Natürlich ist der Vergleich überzogen, die Wissenschaft unterscheidet sich dann doch in wesentlichen Aspekten von der Drogenkriminalität und an einer Professur zu scheitern ist sicherlich einem gewaltsamen Ende im Bandenkrieg vorzuziehen. Dennoch trifft die verbitterte Beobachtung von Afonso einen wahren Kern: eine Karriere in der Wissenschaft ist auch hundert Jahre nach Max Webers berühmtem Vortrag ein "Hazard" – ein Glückspiel mit höchstem Einsatz. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz vom 12. April 2007 sollte hier Abhilfe schaffen, in der Änderung vom 17. Mai 2016 schränkt es die Möglichkeit zu befristeten Beschäftigungen deutlich ein. Jeweils sechs Jahre (in der Medizin neun) vor und nach der Promotion darf wissenschaftliches Personal befristet beschäftigt werden, Ausnahmen gibt es bei chronischen Krankheiten und der Geburt von Kindern, aber auch bei Verträgen, die von staatlichen und nichtstaatlichen Drittmittelgebern finanziert werden. Das erklärte Ziel dieser Reform war es, Nachwuchswissenschaftlern früh eine klare Perspektive zu geben. Sechs Jahre nach der Promotion sollte nun entweder eine unbefristete Stelle die ersehnte Planungssicherheit geben oder zumindest die unmissverständliche Rückmeldung gegeben werden, dass es Zeit ist, sich nach Alternativen zur wissenschaftlichen Karriere umzuschauen. Auch wenn die Reform durchaus Erfolge gezeigt hat: am Grundproblem hat sich nur wenig geändert. Die Zahl der befristeten Stellen ist deutlich stärker gestiegen, darunter insbesondere solche, die mit Drittmitteln finanziert sind. Die Zahl der unbefristeten Stellen ist dagegen sogar zurückgegangen.

Eine Entfristungswelle ist keine Lösung

Die Unzufriedenheit über das WissZeitVG ist nachvollziehbar, die Ängste der zwischen Nobelpreis und Prekariat pendelnden Nachwuchswissenschaftler nachfühlbar. Doch der Fokus auf die Befristungsregelungen führt in die Irre. Denn ein einfacher Ausbau der unbefristeten Stellen, wie sie das Netzwerk "Frist ist Frust" fordert, würde schnell wieder zu einer Situation führen, wie sie in Deutschland in den 1970er und 1980er entstanden war. Damals führten hohe Entfristungsquoten dazu, dass junge Nachwuchswissenschaftler kaum eine Chance hatten, den Einstieg in die Wissenschaft zu schaffen. Die Unikanzlerinnen und -kanzler haben also durchaus recht, wenn sie darauf verweisen, dass eine umfassende Entfristungspolitik den Absolventinnen und Absolventen der nächsten Generationen große Steine in den Weg legen würde. Gerade in Verbindung mit der – unbedingt schützenswerten – Wissenschaftsfreiheit bieten unbefristete Stellen in letzter Instanz die Möglichkeit, dass Forscher jahre- wenn nicht gar jahrzehntelang wertvolle Forschungsgelder blockieren können ohne das Nachwuchstalente jemals die Aussicht haben, sich selbst auch nur auf dem wissenschaftlichen Markt beweisen zu können. Anders gesagt: Niemandem, der für seine Wagner-Forschung eine unbefristete Stelle erhalten hat, kann man verbieten, sich von nun an für die Geschichte von Fußball und Dosenbier zu interessieren. Die Untersuchung Wagner’scher Partituren durch nachfolgende Generationen würde allerdings auf Jahre hin außer Gefecht gesetzt werden. Die einzige Alternative, stets mehr Nachwuchsstellen zu schaffen, würde selbst eine gut gefüllte Staatskasse mittelfristig überfordern und ist dem Steuerzahler nicht zu erklären. Wissenschaft – auch hier hat Weber immer noch recht – ist eine "geistesaristokratische Angelegenheit." Eine Demokratie kann aber nicht einfach eine unbegrenzte Anzahl an goldenen Eintrittskarten ausdrucken, sondern muss auch in der Lage sein, wissenschaftliche Leistungen einzufordern und die notwendige Dynamik durch Wettbewerbselemente sicherzustellen. Ohne Befristungen wird es also auch in der Zukunft nicht gehen, zumal sich am Grundproblem, dass die Zahl der ambitionierten Absolventinnen und Absolventen in keinem Verhältnis zu den tatsächlich verfügbaren Positionen in der Wissenschaft steht, sich nur schwer etwas ändern lässt.

Liberale Impulse für die Wissenschaft

Nötig ist daher ein radikales Umdenken: Weg vom Fokus auf die Befristungen und hin zu der entscheidenden Frage, wie die Risiken und Chancen des wissenschaftlichen Wettbewerbs besser verteilt werden können. Über Jahrhunderte hinweg war in Deutschland das Prinzip, dass das Geld den Studierenden folgen sollte fest etabliert. So konnten Studierende sich ihren Lehrplan selbst zusammenstellen – wollten sie eine bestimmte Vorlesung besuchen, entrichteten sie an den jeweiligen Professor das Kolleggeld. Geld und Zeit konnten sich die Studierenden sparen, indem sie sich den relevanten Stoff in Einzelarbeit in der Bibliothek aneigneten und nur die Prüfungsgebühr entrichteten; private Anbieter – wie sie sich heute noch in juristischen Repetitorien finden – standen in einem gesunden Wettbewerb zu den Ordinarien. Natürlich brachte das System auch Probleme mit sich und wurde in den 1960er folgerichtig abgeschafft. Schlechte Grundlagenvorlesungen brachten wesentlich mehr Geld ein als die beste Vorlesung zu einem komplexen Spezialthema und im Zweifelsfall wurde weniger wissenschaftliche Kompetenz statt persönliches Charisma entlohnt. Doch die Frage, wie Leistungselemente im Wissenschaftssystem verankert werden können, bleibt. Ein erster Ansatz wäre es, die Hochschulfinanzierung an die Studierenden zu koppeln. Statt des alten Kolleggelds kämen Bildungsgutscheine infrage, welche Hochschulen motivieren würden, aktiv um die Studierenden zu werben. Gleichzeitig würde dies die Anreize verstärken, dem wissenschaftlichen Nachwuchspersonal attraktive Stellenangebote zu machen.

Ein übergeordnetes Ziel muss sein, die quasifeudalen Hierarchien an deutschen Universitäten weiter zu schleifen und die Trennungslinie zwischen In- und Outsidern zunehmend aufzulösen:

  • Dem angelsächsischen Beispiel folgend wäre es also durchaus angebracht, den Mittelbau attraktiver zu gestalten und sich der "Department"-Struktur anzunähern. Die teils toxischen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Lehrstuhlinhabern und dem restlichen Personal könnte so zumindest teilweise eingedämmt werden.
  • Außerdem sollte sichergestellt werden, dass auch private Bildungsträger mit staatlichen Universitäten in einem fairen Wettbewerb stehen können, damit sich letztendlich die innovativsten Bildungsangebote durchsetzen können.
  • Eine Reform des Kapazitätsrechts wäre ein wichtiger Baustein, um sicherzustellen, dass den Bedürfnissen von Studierenden mit zunehmend heterogenen Hintergründen und Motivationen Rechnung getragen werden kann.

Die Lösung für das Mittelbauproblem liegt also in einer Reform der Universitätslandschaft als solche. Nur indem privaten und staatlichen Hochschulen die größtmögliche Gestaltungsfreiheit gegeben werden, ist ein fairer Wettbewerb um die besten Studierenden und die besten Forschungskonzepte möglich. Nur dann wiederum gibt es aber ein ausreichendes Incentive, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern lohnenswerte Perspektiven in der Wissenschaft zu bieten.

Indem das Hochschulsystem fit für eine zunehmend dynamische Bildungslandschaft gemacht und darauf ausgerichtet wird, vielfältige Bildungsangebote für unterschiedliche Lebenswege anzubieten, wird auch eine weitere Lücke geschlossen. Denn was an der "Bayreuther Erklärung" irritiert, ist die Aussage, selbst der fünfunddreißigjährige Postdoc würde noch "für Aufgaben in Wissenschaft, Wirtschaft oder Verwaltung ausgebildet werden." Bieten Hochschulen nach der Promotion wirklich noch Qualifizierungsmöglichkeiten, die auf eine Karriere abseits des Wissenschaftssystems hinführen? Oder müsste man nicht vielmehr genau diese Qualifizierungsleistungen nachdrücklicher einfordern, damit auch demjenigen, der nach der Sechs- beziehungsweise Zwölfjahresfrist aus der Wissenschaft ausscheidet, noch attraktive Karrierewege offenstehen? Eines ist zumindest sicher – das "Wunderreich der Nacht", welches Tristan und Isolde anstreben, darf für den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht die einzige Alternative zur Karriere an den Hochschulen sein.