Zeitgeschichte
Liberaler Stichtag: Die Gründung der FDP der DDR

Am 4. Februar 1990 fand die offizielle Gründungsversammlung der FDP der DDR statt
Gründungsparteitag der FDP in der DDR
Gründungsparteitag der FDP in der DDR in Berlin, 4.2.1990: SED-Kulturhaus in Berlin-Weissensee © Darchinger. Nutzungsrecht Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Archiv des Liberalismus, Fotosammlung,FD-415b

Im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR traten nun auch Liberalgesinnte öffentlich hervor, denen der Wandlungsprozess der Blockpartei Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) zu langsam oder gar unglaubwürdig erschien. Vielmehr suchten sie in der untergehenden DDR eine Partei nach Vorbild der bundesdeutschen FDP zu schaffen. Die Initiative ging hauptsächlich von einem Kreis um den Ost-Berliner Ingenieur Ralf Koch aus, der im Spätherbst 1989 Kontakt mit der FDP in West-Berlin aufnahm. 

Mit der Unterstützung der FDP West-Berlin leitete dieser Kreis zum Jahreswechsel 1989/90 mit viel Engagement die offizielle Gründung einer „FDP der DDR“ in die Wege. Die Aktion fand bald über Berlin hinaus großen Anklang, so dass bereits für den 4. Februar die offizielle Gründungsversammlung anberaumt werden konnte, zu der auch die liberale Prominenz aus Bonn ihre Teilnahme zusagte. Interessanterweise forderte der Gründungsaufruf ganz im Sinne klassischer FDP-Positionen den Übergang zur sozialen Marktwirtschaft und die baldige Wiedervereinigung, ging also viel weiter als die allermeisten politischen Gruppierungen zu dieser Zeit, bei denen häufig noch von einem gesellschafts- und außenpolitischen „Dritten Weg“ geträumt wurde.

Bruno Menzel
Gründungsparteitag der FDP in der DDR in Berlin, 4.2.1990: Bruno Menzel unter den Delegierten © Darchinger. Nutzungsrecht Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Archiv des Liberalismus, Fotosammlung,FD-415b

Bei einem turbulenten Vorbereitungstreffen eine Woche zuvor wurde allerdings kein „Berliner“, sondern der bis dato parteilose Dessauer Arzt Bruno Menzel als Vorsitzender der neuen Partei nominiert. Er fand die Unterstützung der bundesdeutschen FDP-Führung, weil er einem möglichen Zusammengehen mit einer erneuerten LDPD nicht so ablehnend gegenüberstand wie der Ost-Berliner Gründerkreis. Diese Kooperation hielt man bei den absehbaren Neuwahlen zur Volkskammer für strategisch unabdingbar, zumal die westdeutschen Freidemokraten traditionell vergleichsweise gute Kontakte zu den Liberaldemokraten unterhalten hatten. Auf dem Gründungsparteitag in Berlin-Weißensee wurde Menzel dann auch mit deutlicher Mehrheit gewählt. Er erfüllte in der Folgezeit das in ihn gesetzte Vertrauen, stimmte, nachdem die LDPD ihrerseits die Wende vollzogen hatte, einem Wahlbündnis mit ihr zu, und führte, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, die FDP der DDR schließlich in die gesamtdeutsche FDP.

Antrag von Ralf Koch zur Gründung der FDP in der DDR, 1989