Zeitgeschichte
Liberale Wiege der Politikwissenschaft

Vor 100 Jahren wurde die deutsche Hochschule für Politik gegründet
Deutsche Hochschule für Politik
Das Gebäude der deutschen Hochschule für Politik

Obwohl die neue Bildungseinrichtung gerade keine staatliche Institution sein sollte, kam ihre Eröffnung doch einem Staatsakt gleich: Es fanden sich beim Gründungsakt für die neue „Deutsche Hochschule für Politik“ (DHfP) in der Berliner Bauakademie nicht nur mit Friedrich Ebert der amtierende Reichspräsident ein, sondern auch gleich vier ehemalige und amtierende Reichsminister ergriffen das Wort. Die Hauptrede hielt an jenem 24. Mai 1920, einem Sonntag, der parteilose Außenminister Simons, der den Bedarf gerade seines Ressorts an politisch gebildeten Diplomaten herausstrich. Andere dagegen, wie der nationalliberale Wirtschaftsminister Scholz, forderten eine stärke Berücksichtigung ökonomischer Belange. Erich Koch-Weser, Innenminister und kommender Vorsitzender der DDP, schlug schließlich eine Verbindungslinie zu den Wurzeln der neuen Institution, indem er der „politischen Halbbildung“ als Quelle für Fanatismus den Kampf ansagte.

In der Tat beruhte die DHfP vor allem auf inhaltlichen und organisatorischen Vorarbeiten, die im Umfeld Friedrich Naumanns geleistet worden waren. Von diesem war noch im Ersten Weltkrieg die Idee einer „Staatsbürgerschule“ entwickelt worden, die im Mai 1918 ihren „Lehrbetrieb“ aufnahm. Damals war die doppelte Absicht gewesen, sowohl das für den Ausbau der politischen Partizipation notwendige „staatsbürgerliche“ Wissen zu vermitteln als auch für die liberalen Parteiorganisationen geschulten Nachwuchs auszubilden.

Nach Naumanns Tod entwickelten seine engen Mitstreiter Ernst Jäckh und Theodor Heuss vor allem den ersten Aspekt weiter und zielten dabei auf eine republikanisch-demokratische Einrichtung, an der alle den Weimarer Staat tragenden Parteien von gemäßigt-konservativ bis zur Sozialdemokratie partizipieren sollten. Als sie nicht nur genug Mäzene, sondern vor allem den preußischen Staat als Unterstützer gewannen, konnte ab November 1920 die DHfP mit gleich 700 Hörern loslegen.

Ihr Renommee im In- und Ausland war schnell so groß, dass an ihr die Creme de la Creme der Weimarer Politik und Wissenschaft lehrte. Im Kern beruhte der Betrieb jedoch weiterhin auf ehemaligen „Naumannianern“ wie Heuss und Jäckh oder Gertrud Bäumer, aber auch der DDP nahestehende Professoren wie Walter Götz und Friedrich Meinecke. Zwar gehörte DHfP nie zu den staatlichen Universitäten, war aber, indem sie sich immer mehr auf die Sphäre der Politik im engeren Sinn spezialisierte, insofern für die Wissenschaftswelt bedeutsam, als sie entscheidend dazu beitrug, Politik zu verwissenschaftlichen und als eigene akademische Disziplin zu etablieren.

Der andere Aspekt von Naumanns „Staatsbürgerschule“ lebte daneben insofern weiter, als fast zeitgleich im Herbst 1920 von Hugo Preuß und anderen ein „Demokratischer Verein Friedrich Naumann“ ins Leben gerufen wurde, der den linksliberalen Parteinachwuchs fördern sollte. Zwar ist über das weitere Schicksal des Vereins wenig bekannt. Aber die nach Friedrich Naumann benannte Stiftung wurde dann just zum dem Zeitpunkt 1958 gegründet, als die DHfP, die im Nationalsozialismus ein sehr wechselhaftes Schicksal gehabt hatte und 1949 als außeruniversitäre Institution wiederbegründet worden war, endgültig in der Freien Universität auf- und damit in die Obhut des Staates überging.

Es war übrigens ursprünglich beabsichtigt, diesen Übergang nach dem nunmehr prominentesten DHfP-Dozenten mit dem Namen „Theodor-Heuss-Institut“ zu versehen. Doch dieser lehnte als amtierender Bundespräsident das Ansinnen ab und half lieber mit, eine Stiftung mit dem Namen seines politischen Ziehvaters zu gründen, in welcher die ursprüngliche Staatsbürgerschule-Idee Naumanns fortleben sollte.

Schreiben zur DHfP von Gerhart von Schulze-Gaevemitz

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