Würdigung
100. Geburtstag: Heinz-Herbert Karry – ein Instinkt-Politiker alter Schule

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Heinz Herbert Karry vor dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft und Technik am 15. September 1978. © (c) dpa - Bildarchiv  

Heinz Herbert Karry war ein Instinkt-Politiker, wie es sie heute nur noch höchst selten gibt. Der FDP-Politiker und hessische Wirtschaftsminister, den Weggefährten als einen „warmherzigen, liebenswerten Mann von großer Schläue und taktischer Raffinesse“ beschrieben, wäre am 06. März 100 Jahre alt geworden.

Knapp eineinhalb Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs am 6. März 1920 in Frankfurt am Main geboren, absolvierte Karry nach Beendigung der Schulzeit eine kaufmännische Lehre im Einzelhandel, nahm ab 1945 eine Tätigkeit als selbständiger Kaufmann auf und verkaufte zunächst Skistiefel und Gardinen. Ab 1949 betätigte er sich sehr erfolgreich als Importeur von Schuhen – in den 50er und 60er Jahren war er in dieser Branche sogar deutschlandweit führend. 1955 wurde er Mitinhaber einer Textilgroßhandlung. 

Erst als er sich eine berufliche Existenz aufgebaut hatte, widmete er sich verstärkt der Politik. Seinen Weg zur liberalen Partei im Nachkriegsdeutschland fand Karry recht schnell: Über einen kurzen Umweg bei der heute weitgehend vergessenen „Gesellschaft für Bürgerrechte“ trat er 1949 der FDP bei und übernahm bald auch Verantwortung in der Partei. So wurde er Mitglied des Frankfurter Kreisvorstandes, 1972 bis 1974 als Kreisvorsitzender. In den FDP-Landesvorstand wurde Karry 1958 gewählt, übernahm dort die Funktion als Landesschatzmeister. Karry war von 1960 bis 1978 Mitglied des Hessischen Landtags, von 1968 bis 1970 Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion, und amtierte in den nachfolgenden sozial-liberalen Kabinetten von 1970 bis 1981 als Wirtschaftsminister und als Stellvertreter der SPD-Ministerpräsidenten Osswald und Börner. Von 1966 bis 1968 und von 1970 bis 1976 war er Mitglied des Bundesvorstandes der FDP, von 1974 bis 1981 fungierte er als Bundesschatzmeister der FDP. Und auch im Verlauf seiner landes- und bundespolitischen Karriere blieb er stets in besonderer Zuneigung seiner Heimatstadt Frankfurt am Main verbunden, wo er von 1960 bis 1972 als stellvertretender Stadtrat fungierte.

Als jüdischer Mitbürger ein Verfolgter in Deutschlands dunkelster Zeit, wo er selbst als sogenannter „Halbjude“ im Nationalsozialismus drangsaliert und sein Vater zeitweise in einem KZ inhaftiert wurde, war Karry dann ein glühender Verfechter unserer freiheitlichen Demokratie. Sein politischer Weg und seine politischen Überzeugungen waren erkennbar geprägt von den leidvollen Erfahrungen, die er selbst in der Zeit der NS-Herrschaft hatte machen müssen. Er war ein überzeugter Liberaler, der aus seinen eigenen Erfahrungen mit politischem Extremismus eine feste Haltung entwickelt hatte und diese auch klar zeigte, als in den 60er Jahren der politische Rechtsradikalismus wieder zu erstarken schien. Der Wille zu sozialer Gerechtigkeit, so Hans-Dietrich Genscher später, habe Karrys Handeln in allem bestimmt: Nur eine Gesellschaft, die diese soziale Gerechtigkeit schafft, habe dieser für menschenwürdig gehalten.

In den Morgenstunden des 11. Mai 1981 wurde Karry im Schlaf von sechs Schüssen getroffen. Die Täter hatten sich über eine Leiter Zugang zum geöffneten Schlafzimmerfenster verschafft. Die Hintergründe der Tat sind bis heute ungeklärt. Knapp drei Wochen nach der Tat tauchte ein Bekennerschreiben der "Revolutionären Zellen" (RZ) auf. Die Ermordung Karrys rief im ganzen Land Entsetzen hervor. Zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte war ein amtierender Minister einem (mutmaßlich) terroristischen Mordanschlag zum Opfer gefallen.

Der damalige hessische FDP-Vorsitzende Ekkehard Gries drückte die Tragik treffend aus: Ein „Mann, dessen Familie selbst durch das Gewaltregime der Nazis schwer getroffen (war), fiel nunmehr der Gewalt zum Opfer“.