Wirtschaft

"Wollen wir unseren Wohlstand halten, müssen wir drei Probleme dringend lösen"

Karl-Heinz Paqué zur Zukunft der deutschen Wirtschaft

Meinung06.07.2018
Karl-Heinz Paqué zur Zukunft der deutschen Wirtschaft
GettyImages / Nikada

Dieser Artikel wurde am Freitag, den 06.07.2018, im Focus Online veröffentlicht und ist online auch hier zu finden.

Die deutsche Wirtschaft wächst. Doch wie nachhaltig ist das Modell der modernen innovativen Industriewirtschaft? Drei Herausforderungen müssen überwunden werden, damit wir unseren Wohlstand halten können.

Es ist gerade mal 15 Jahre her, da galt Deutschland als der kranke Mann Europas. Es hagelte Klagen: Der Wirtschaft fehle es an Innovationskraft, die deutsche Einheit sei gescheitert und die Arbeitslosigkeit auf Dauer zu hoch - und dies bei zerrütteten Finanzen und überbordender Bürokratie. So lautete die herrschende Botschaft des Zeitgeistes.

Heute, 15 Jahre später, erkennt der Zeitgeist das gegenteilige Bild: Die deutsche Wirtschaft gilt international als Musterbeispiel zukunftsfähiger industrieller Strukturen, die Arbeitslosigkeit hat sich seit den frühen 2000er Jahren halbiert, und zwar in West und Ost, die Finanzen sind gesund. Und die gleichen Ökonomen, die Deutschlands Lage früher in düsteren Farben malen, sehen das Land heute als Hort der Stabilität in einer krisengeschüttelten Europäischen Union, in dem ganz anderen Mitgliedsnationen der wirtschaftliche Niedergang vorhergesagt wird. Möglicherweise ist Deutschland das gewichtigste Beispiel für das Modell einer modernen innovativen Industriewirtschaft.

Genau an dieser Stelle setzt die zentrale Frage über Deutschlands Zukunft an: Wie nachhaltig ist dieses „deutsche Modell“? Es gibt mindestens drei Gründe, an seiner Nachhaltigkeit zu zweifeln. In der Reihenfolge ihrer Bedeutung lauten sie: ungünstige Demografie, mangelnde Gründerkultur und drohender Protektionismus.

Wie die Ursachen des deutschen Erfolgs, so hängen auch die Gründe für Zukunftsskepsis allesamt miteinander zusammen, wenn auch unterschiedlich stark und direkt. Bemerkenswert ist, dass die Gefahren als politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen bis heute in ihrer Tragweite nicht wirklich erkannt und eher unterschätzt werden. Es herrscht hierzulande eine merkwürdige Stimmung der Selbstzufriedenheit – ganz im Unterschied zur düsteren Grundhaltung, die vor 15 Jahren zwar überzogen war, aber doch psychologisch half, Widerstände gegen Reformen zu durchbrechen. Möglicherweise liegt diese Sorglosigkeit gerade darin begründet, dass aktuell Deutschland im internationalen Vergleich so gut dazustehen scheint.
Bedrohung eins: demografische Entwicklung

Die Mutter aller Herausforderungen ist die demografische Entwicklung: Deutschland altert. Wegen seiner niedrigen, wenn auch jüngst leicht gestiegenen Geburtenrate altert es deutlich schneller als vergleichbare europäische Nachbarländer wie Frankreich, Großbritannien und Schweden. Zentrales Element der Alterung ist die quantitativ stärkste Generation, die es bisher in der deutschen Geschichte gegeben hat: die Generation der Babyboomer, geboren in den eineinhalb Jahrzehnten zwischen von 1955 bis 1970. Diese Generation wird – bei normalem Verlauf ihres Erwerbslebens – von 2020 bis 2035 Schritt für Schritt aus dem Erwerbsleben ausscheiden und in den Ruhestand wechseln, der dann im Durchschnitt bei hoher (und noch steigender) Lebenserwartung von Frauen und zunehmend auch Männern bis zum Tod 15 bis 20 Jahre dauern wird.

Bei niedriger Geburtenrate und nur moderater Zuwanderung von jungen Migranten führt dies zu einer deutlichen Erhöhung des sog. „Altenquotienten“, definiert als die Relation zwischen der Anzahl der über 64-Jährigen zu den 20 bis 64-Jährigen, die traditionell das Potenzial der Erwerbsfähigen abbilden. Dieser Quotient wird sich bis Mitte des Jahrhunderts fast verdoppeln, in der Größenordnung von 35 auf über 60 Prozent (nach 27 Prozent um die Jahrtausendwende).

Dies ist eine demografische Revolution, wie es sie noch nie gegeben hat. Sie lässt sich weder durch eine Zunahme der Geburtenrate noch der Zuwanderung fundamental auffangen, es sei denn, es käme zu einer extrem schnellen und starken Erhöhung der Fertilität und einem permanenten Massenzustrom von Menschen im Stil von 2015, was beides komplett unrealistisch ist.

Belastung fürs Rentensystem und die Wirtschaft

Ganz zweifellos ist diese Entwicklung eine Belastung unseres Rentensystems, in dem ja die jeweils Erwerbstätigen über ihre laufenden Beiträge die Älteren im Ruhestand finanzieren. Die Wirkung auf die Altersvorsorge lässt sich allerdings durch eine längere Lebensarbeitszeit sowie ggf. leicht abgesenktes Rentenniveau einigermaßen auffangen – jedenfalls soweit ältere Menschen vor allem im siebten Lebensjahrzehnt arbeitsfähig und -willig bleiben und entsprechende Arbeitsplätze zur Verfügung.

In dieser Hinsicht besteht viel Grund zum Optimismus, eben weil sich Deutschland der Vollbeschäftigung nähert und immer mehr Arbeitgeber wegen der Knappheit an qualifizierten Erwerbspersonen bemüht sind, auch durch attraktive Beschäftigungsmodelle ältere Arbeitskräfte im betrieblichen Erwerbsleben zu halten. Allerdings setzt dies tarifvertragliche Bereitschaft zur Flexibilität sowie politische Entschlusskraft voraus – beides bei allfälligen Widerständen von Interessengruppen keineswegs selbstverständlich. Jedenfalls sind den bisher politisch üblichen Wegen, durch massive Erhöhung der Bundeszuschüsse die Rentenkassen zu entlasten, inzwischen enge Grenzen gesetzt. Schon heute wird nämlich rund ein Drittel des Bundeshaushalts (etwa 100 Mrd. Euro!) zur Quersubventionierung der Altersvorsorge außerhalb des öffentlichen Dienstes verwendet.

Wirtschaftlich viel schwerwiegender, aber politisch noch völlig unbeachtet sind die Folgen des demografischen Wandels für die Qualität des Potenzials an Arbeitskräften. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben zieht sich nämlich die bislang am besten ausgebildetste Generation zurück. Dies wird die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft hart treffen, weil darunter eine riesige Zahl qualifizierter Ingenieure ist, die das Rückgrat der Forschungsstärke der deutschen Industrie darstellen.

Es wird sehr schwierig sein, diese „Ingenieurslücke“ zu schließen, durch die – viel kleinere – Generation der jüngeren deutschen Nachwuchskräfte und durch Zuwanderung von Fachkräften. Einzig eine Kombination aus hochwertiger Weiterbildung von jungen und möglichst langer Weiterarbeit von älteren Menschen mit einer klugen Einwanderungspolitik, die technisch Hochqualifizierte ins Land holt, kann der Aushöhlung der Innovationskraft gesamtwirtschaftlich entgegenwirken.

Deutschland muss zum Einwandererland werden

Von einer solchen Kombination ist Deutschland derzeit politisch noch weit entfernt. Insbesondere fehlt es in weiten Kreisen am Bewusstsein, dass Deutschland aus wirtschaftlichem Eigeninteresse zu einem Land der Immigration werden muss – ganz im Stile klassischer erfolgreicher Einwanderungsländer wie Australien, Israel, Kanada, Neuseeland, der Vereinigten Staaten und inzwischen auch Großbritannien.
Bedrohung zwei: fehlende Gründerkultur

Eng verwandt mit der bedrohten Innovationskraft ist die zweite große strukturelle Schwäche Deutschlands: das Fehlen einer vibrierenden Gründerkultur. Diese Schwäche ist gut bekannt und schon oft diagnostiziert worden, wirkte sich aber bislang weit weniger auf das wirtschaftliche Wachstum der Nation aus als gemeinhin erwartet wurde. Dies lag in der Vergangenheit vor allem daran, dass die ingenieursfundierte Industriekultur des Landes noch immer ihre volle Stärke weltwirtschaftlich ausspielen konnte – vielleicht der letzte Gipfelsturm der Babyboomer! Dies geschah zu einem Zeitpunkt, in der die Informationstechnologie zwar ihren Siegeszug begann, aber noch nicht wirklich die Wirtschaft in allen Verästelungen voll durchdrungen hat, was allerdings in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten ist. Geschieht dies, könnte Deutschland tatsächlich wegen seiner schwachen Gründerkultur ins Hintertreffen geraten, eben weil die Innovationen des 21. Jahrhunderts sehr stark informationstechnologisch getrieben sein werden, weit stärker als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Was die Gründerkultur betrifft, zeigt sich statistisch in den letzten Jahren kaum eine Verbesserung: Das Gründergeschehen stagniert, und es ist sehr stark regional konzentriert – und dies keineswegs in den klassischen westdeutschen Ballungszentren der Industrie, sondern am stärksten im Großraum Berlin, der durch 40 Jahre der deutschen Teilung eine relativ schwache industrielle Basis vorweist, aber gleichzeitig ein Zentrum der Grundlagenforschung und der angewandten Wissenschaft in der Informationstechnologie geworden ist.

Dazu passt, dass Berlin seit Mitte der 2000er Jahre – kaum beachtet von der Öffentlichkeit – zum schnellst wachsenden Bundesland geworden ist. Selbst Berlin kann allerdings mit den großen Zentren und Wachstumspolen der globalen Gründerszenen noch nicht wirklich mithalten. Von einer Stärke und Dichte der informationstechnologischen Innovationskraft, wie sie in Kalifornien im Großraum San Francisco oder in Massachusetts im Großraum Boston herrscht, kann in Berlin noch nicht die Rede sein.

Investitionen in Infrastruktur

Die Gründe für den deutschen Rückstand sind überaus vielfältig und nur über eine tiefgreifende politische Re-Orientierung zu lösen. Diese muss – wie ein „Gestalt-Switch“ in der Psychologie – das traditionelle Leitbild des Landes der mechanischen Ingenieure ersetzen durch ein modernisiertes Bild der Qualitätswerkstatt mit vollem Einschluss der Informationstechnologie. Dazu braucht es massive Investitionen in die Infrastruktur der Kommunikation, die im internationalen Vergleich bestenfalls mittelmäßig ist.

Es bedarf der ebenso massiven Entbürokratisierung von Firmengründungen rund um Zentren der angewandten Forschung, also eine viel engere Verzahnung von Universitäten und Hochschulen mit dem kommerziellen Start-up-Umfeld. Und schließlich verlangt es eine umfassende Reform der Bildungsprogramme an Schulen und in der beruflichen Qualifikation – mit flächendeckendem Einsatz modernster Informationstechnologie, kombiniert mit der Vermittlung kognitiver und analytischer Fähigkeiten, die eine kreative Nutzung der Informationstechnik erst erlaubt. Es ist naheliegend zu vermuten, dass Deutschland in diesen Dimensionen der neuen Welt keineswegs global an der Spitze des Fortschritts liegt, sondern allenfalls im Mittelfeld der führenden Industrienationen.

Wichtig ist es dabei, dass eine neue Gründerdynamik – wenn sie dann entsteht – möglichst weite Teile der Gesellschaft mitnimmt. Der gut ausgebaute Sozialstaat einschließlich der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland ist deshalb nicht nur eine Kostenbelastung für Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch eine große Chance, die Anpassung an die neuen Herausforderungen für breite Bevölkerungsschichten und Zuwanderer mit minderer Qualifikation zugänglich zu machen. Dies setzt allerdings voraus, dass auch dort – mehr als bisher – die Integration in den Arbeitsmarkt im Vordergrund steht und weniger die reine Absicherung eines Existenzminimums, das sich über staatliche Zuwendungen definiert. Insofern besteht auch hier Reformbedarf: Es müssen mehr Anreize zur Arbeitsaufnahme geschaffen werden, zumal gerade die künftige Knappheit an Arbeitskräften die Chancen für Arbeitslose erhöht, den Weg zurück in die Erwerbstätigkeit zu finden.
Bedrohung drei: Protektionismus

Es gibt schließlich eine große globale Herausforderung, die bisher hierzulande völlig vernachlässigt wurde:der Trend zum Protektionismus. Soll Deutschland weiterhin prosperieren, muss es ein erfolgreiches Export- und Importland bleiben. Dies setzt voraus, dass der Weg zu mehr Freihandel fortgesetzt wird. Dies wiederum kann bei der zunehmenden Komplexität der internationalen Arbeitsteilung nur geschehen, wenn umfassende Handelsabkommen abgeschlossen werden, die nicht nur den Export und Import von Waren betreffen, sondern auch das Setzen von Produktstandards sowie den Schutz von Eigentumsrechten und Investitionen. Tatsächlich war Deutschland in den letzten Jahren als EU-Nation am Aushandeln solcher großer Vertragswerke beteiligt – von CETA mit Kanada bis zu TTIP mit den Vereinigten Staaten. Es gab dabei große Widerstände gegen diese Vertragswerke, früh und kraftvoll von den – linksorientierten – Parteien Bündnis/Die Grünen und Die Linke, inzwischen aber auch von den Rechtspopulisten der AfD. Auffallend war, dass die Bundesregierung der Großen Koalition und vor allem das damals SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium nicht wirklich mit allem Nachdruck daran arbeitete, trotz des Widerstands zum Abschluss und zur Ratifikation dieser Vertragswerke zu kommen.

Das Zögern hat sich als fatal erwiesen. Der internationale Wind weht inzwischen scharf in die Gegenrichtung: Die amerikanische Regierung unter Donald Trump hat TTIP vorläufig ad acta gelegt und droht mit einer Welle eigener protektionistischer Initiativen. Für Deutschland ist dies hochriskant: Alle geschilderten Bemühungen der Modernisierung des Landes werden nämlich ins Leere laufen, wenn nicht Deutschland als höchst innovativer Wirtschaftsstandort durch offene Weltmärkte jene Absatzchancen erhält, die erst die Wertschöpfung auf Dauer tragen und befördern. Insofern muss die Handelspolitik politisch einen ganz neuen Stellenwert gewinnen. Sie muss ganz oben auf die Agenda der Bundesregierung und der Europäischen Union.