Wissenschaftsfreiheit
Freiheit schafft Wissen: 70 Jahre Wissenschaftsfreiheit

16. ID-E Berlin Konferenz „Exploring Difference: Supporting Academic Freedom“
Wissenschaftsfreiheit
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Mit dem 70. Geburtstag des Grundgesetzes feiert auch die dort verbriefte Wissenschaftsfreiheit ein wichtiges Jubiläum. Vor diesen Hintergrund fand am 28. Oktober eine internationale Konferenz in der kanadischen Botschaft statt, die auch schwierigen Fragen nicht auswich. Denn nicht nur in autoritär geführten Ländern, sondern auch an westlichen Universitäten ist die Wissenschaftsfreiheit längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut, alles sind dafür und damit ist noch nichts gesagt. Bereits in seinem Grußwort zur 16. ID-E Berlin Konferenz „Exploring Difference: Supporting Academic Freedom“ machte der kanadische Botschafter und frühere liberale Minister, Stéphane Dion, deutlich, dass die eigentliche Diskussion erst da anfängt, wo die akademische Freiheit ihr Konfliktpotenzial entfaltet. Gleich sieben „tough questions“ gab er den Konferenzteilnehmerinnen und –teilnehmern mit auf den Weg:

  • Keine Freiheit ist absolut – aber wie können wir Grenzen setzen, ohne die Freiheit selbst zu bedrohen?
  • Wer entscheidet über diese Grenzen?
  • Wie kennen wir sichergehen, dass legitime Beschränkungen der akademischen Freiheit nicht von autoritären Regimen als Freibrief für Repressionen gesehen werden?
  • Wie kann man mit jenen Akteuren auf internationaler Ebene zusammenarbeiten, die die akademische Freiheit nicht respektieren?
  • Welche Garantien gibt es, dass externe Finanzierungen und die „marketization“ der Wissenschaft nicht die akademische Freiheit einschränkt?
  • Und wie gehen wir mit einer zunehmenden Feindseligkeit gegenüber Wissenschaft und Expertentum um?

Dies sind liberale Kernfragen. Eine erste Antwort steckte bereits im Titel der Veranstaltung: Das Erkunden von Unterschieden ist der beste Weg, um die Wissenschaftsfreiheit zu unterstützen.

Aus liberaler Sicht war die Veranstaltung auch in anderer Hinsicht lehrreich. So wurde noch einmal deutlich, wie sehr die akademische Freiheit von der Vielfalt akademischer Angebote lebt. Nur, wo offen diskutiert werden kann und die besten Ideen im Wettbewerb miteinander stehen, kann Wissenschaft aufblühen. Gerade auch private Angebote können dabei helfen, eine Verkrustung von Strukturen zu verhindern. Mit Beliebigkeit ist diese Vielfalt aber nicht zu verwechseln. Dies zeigt sich insbesondere an der wichtigen Unterscheidung zwischen dem jugendlich-anarchischen Feuer der Meinungsfreiheit, die auch die falsche Meinung schützt, und der graumelierten Strenge der Wissenschaftsfreiheit, die neben der Freiheit der Forschung und der Lehre auch den Wert von Fakten, Expertise und Erfahrung kennt. Damit die Meinungsfreiheit nicht einer Kakophonie von Fake News und Desinformation die Bahn bricht, benötigt sie als Gegengewicht eine kritische Öffentlichkeit, die ihr Werturteil auf den belastbaren Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse stellen kann. Damit die Wissenschaft wiederum nicht in dogmatischen Verknöcherungen erstarrt, muss sie sichergehen können, dass abweichende Meinungen, soweit sie sich im Raumen wissenschaftlicher Standards bewegen, toleriert und angehört werden.

Die Konferenz, organisiert vom British Council, dem DAAD, der FU Berlin, der German-American Fulbright Commission und der kanadischen Botschaft, hätte zeitiger nicht kommen. Die Frage, wer an der Universität Hamburg sprechen darf – und wer dies überhaupt entscheidet – bewegt die Republik. Doch auch Kontroversen um die Konfuzius-Institute der Volksrepublik China und den chinesischen Druck auf die Weimarer Bauhaus-Universität, die zunehmende staatliche Kontrolle von russischen Wissenschaftlern oder auch das Schicksal der Central European University in Ungarn zeigen: die akademische Freiheit ist weltweit in Gefahr, Deutschland gehört aber (zumindest zurzeit) noch zu den „lucky ones“.

Ein glückliches Händchen bewiesen die Organisatoren nicht nur mit der Themenwahl, sondern auch mit dem Panel. Fiona Beveridge (University of Liverpool), Molly O’Neal (Baylor University und University of Texas at Austin), James L. Turk (Ryerson University) sowie Günter M. Ziegler (FU Berlin) konnten ihre ganz eigenen Erfahrungen aus Kanada, dem Vereinigten Königreich, den USA und Deutschland einbringen; gewohnt kenntnisreich und unterhaltsam wurde die Veranstaltung von Jan-Martin Wiarda moderiert. Akademische Freiheit lässt sich weder einfach definieren noch übersetzen – der internationale Charakter des lebhaften Podiums war also eine große Bereicherung. Doch auch wenn die Wissenschaftsfreiheit überall anders verstanden wird, so handelt es sich dabei keineswegs um ein rein westliches Konzept. Was das eingangs gezeigte YouTube-Video der DAAD-Kampagne zur Wissenschaftsfreiheit deutlich machte, unterstrich James Turk mit seinem wichtigen Verweis auf die UNESCO-Empfehlungen zur Stellung des Wissenschaftspersonals (1997): die akademische Freiheit beansprucht universelle Gültigkeit. Vier Komponenten, so Turk, wären in diesen Empfehlungen festgelegt: die Freiheit der Lehre, die Freiheit der Forschung sowie die Freiheit der Meinungsäußerung innerhalb und außerhalb der Universität. Auch wenn die Wege zur Wissenschaftsfreiheit ganz unterschiedlich waren – in Deutschland ist sie beispielsweise in der Verfassung verankert, in Kanada wurde sie dagegen von den Gewerkschaftern erkämpft – es gibt einen gemeinsamen Kern, der auch über alle Grenzen hinweg gilt.

Immer wieder wurde deutlich, wie eng umschlungen die akademische Freiheit mit der Meinungsfreiheit ist. Doch eine Umarmung macht noch keine Hochzeit: wie im Verlaufe der Konferenz mehrfach deutlich wurde, kann die Wissenschaftsfreiheit durchaus in Konflikt mit der Meinungsfreiheit kommen. Vielleicht ist dieser Konflikt sogar in beiden Freiheiten angelegt, wie Turk es zuspitzte. Auch wenn jeder Professor ein Recht darauf hat, außerhalb des Seminarraums kreationistische Theorien von der Gleichzeitigkeit von Mensch und Dinosauriern zu vertreten – im Einführungsseminar zur Biologie haben diese nichts zu suchen. Umgekehrt darf er allerdings nicht einfach einen Studierenden der Lächerlichkeit preisgeben, wenn dieser doch auf seine Glaubensüberzeugungen verweist, denn auch die pädagogische Verantwortung des Lehrers setzt der Meinungsfreiheit in diesem Fall Grenzen. Auf einer wissenschaftlichen Konferenz wiederum gelten ganz andere Regeln und auch scharfer Widerspruch ist geschützt, solange er fachwissenschaftlich gedeckt ist.

Doch nicht nur die Frage, was eigentlich ein legitimes Forschungsinteresse ist, sondern auch, wer es bezahlt, berührt die Wissenschaftsfreiheit. Nicht nur der obligatorische Hinweis auf das „Underfunding“ der Universitäten, sondern auch die schwierige Frage, wie stark Spendengelder in die Autonomie der Forschung eingreifen, bewegte das Panel. Auch wo keine Spenden im Spiel sind, können befristete Verträge dazu führen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich selbst zensieren, um ihre Karrierechancen nicht zu riskieren. Weiter verkompliziert hat sich die Situation mit der Einführung neuer Regulierungsinstanzen. So verwies Fiona Beveridge auf die 2018 gegründete Behörde Office for Students, welche nun im Vereinigten Königreich auch Regulierungen bezüglich der Meinungsfreiheit an Universitäten durchsetzt. Diese neue Behörde ist vor dem Hintergrund des Streits um die sogenannten „no platforming“-Initiativen von Studierendenvertretungen zu sehen, welche gezielt versuchen, besonders kontroverse Gruppen davon abzuhalten, auf dem Campus zu reden.

Auch in den Vereinigten Staaten sind Universitäten mit der Frage konfrontiert, wie mit besonders polarisierenden Rednern umzugehen ist. Dabei geht es nicht nur darum, ob wirklich jedem Provokateur eine Plattform gegeben werden sollte, sondern auch um eine wesentliche materielle Komponente. In einem Fall musste die University Berkeley sogar mehr als 600.000 Dollar für Sicherheitsleistungen ausgeben, um eine besonders umstrittene Veranstaltung zu schützen. Auf einen anderen Aspekt der akademischen Freiheit machte O’Neal aufmerksam. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen an der baptistisch geprägten Baylor University verwies sie auf den Versuch der dortigen LBGTQ Studierendengruppe, offiziell anerkannt zu werden. Die Freiheit einer Universität, die sich dezidiert als christlich versteht, steht also der Freiheit der Studierenden gegenüber, ihre eigene sexuelle Identität auch offiziell frei vertreten zu können.

Ist die Lage bereits an westlichen Universitäten vertrackt, so gilt dies umso mehr in autoritär geführten Ländern. Dabei sei, so Günter Ziegler, auch ein hohes Maß an diplomatischem Geschick erforderlich, um auch weiterhin einen wissenschaftlichen Austausch sicherstellen zu können. Beispielsweise war vor kurzem ein FU-Student wegen der angeblichen Verletzung seines Visums von der Partneruniversität in St. Petersburg exmatrikuliert und ausgewiesen worden. Nun ginge es darum, neue Verhaltensprotokolle mit den Partnern zu vereinbaren, die ähnliche Fälle in Zukunft ausschließen sollten. Internationale Spannungen werden nicht nur sichtbar, sobald die Universitäten im Ausland aktiv werden, sondern auch in der heimischen Studierendenschaft. Vor dem Hintergrund der Proteste in Hong Kong, so erzählte O’Neal, sei es beispielsweise zu Konflikten zwischen Studierenden aus Hong Kong und vom chinesischen Festland gekommen.

Nachdem sich die Panellisten also mit allen Fallstricken der Wissenschaftsfreiheit auseinandergesetzt hatten, blieb dennoch Raum für konstruktive Vorschläge. Auf die Frage, wie es Universitäten vermeiden könnten, die akademische Freiheit durch die soziale Kontrolle übermäßig homogener Departments einzuschränken, verwies Beveridge auf den Wert eines heterogenen akademischen „Ökosystems.“ Würde ein Department sich zu sehr einigeln und nur noch bestimmte Meinungen dulden, würde es nicht mehr durch frische Ideen erneuert werden und in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Es müsse also eine Wissenschaftslandschaft gefördert werden, in der Departments sich auch gegenseitig hinterfragen und herausfordern würden. In manchen Feldern – gerade auch in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – sei dies allerdings bisher nicht immer der Fall. Am wichtigsten, und dies war ein stimmiges Schlusswort der Konferenz, sei aber die offene Debatte über die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit selbst. Denn diese würde schlussendlich sicherstellen, dass die gesamte wissenschaftliche Community, ja die Gesellschaft als solche, die Wissenschaftsfreiheit am Leben erhalte. Einfach ist dieser Weg nicht, weswegen Günter Ziegler auch auf den Wissenschaftstheoretiker Kris Kristofferson verwies – Freedom's just another word for nothin‘ left to lose. Ein Blick in die Länder, in denen die Wissenschafts- ebenso wie die Meinungsfreiheit unter Druck ist, zeigt aber auch: es gibt tatsächlich viel zu verlieren.

 

Thomas Clausen ist Referent für Bildung und Forschung im Liberalen Institut.