Wissenschaft
Hochschulgruppen haben das Recht, politisch zu diskutieren

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, macht es sich zu einfach, wenn er sagt, politische Debatten hätten an Universitäten nichts verloren.
Hauptgebäude der Universität Hamburg
An der Universität Hamburg wurde in den letzten Wochen viel über Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit debattiert. Auslöser waren von Studierenden verhinderte Vorlesungen von Bernd Lucke sowie das Auftrittsverbot für den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. © picture alliance / dpa Themendienst

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, hat im TAGESSPIEGEL sieben Thesen aufgestellt – in Antwort auf die Frage: "Wer darf an der Uni auftreten?" Darin tritt er dem Vorwurf entgegen, die Meinungsfreiheit nicht zu achten. Das Auftrittsverbot für den FDP-Vorsitzendenden, Christian Lindner, ließe sich vielmehr mit der Wissenschaftsfreiheit begründen – politische Debatten hätten im Wissenschaftssystem nichts verloren. Die Instrumente der Wissenschaft würden sich ausschließlich auf "Reagenzgläser und Wörter in Laboren und Hörsälen" beschränken. Karl-Heinz Paqué, selbst Professor an der Universität Magdeburg und Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, widerspricht ihm nachdrücklich.

Dieter Lenzen macht es sich in seinem Beitrag im TAGESSPIEGEL einfach. Er stellt fest: Politik hat an der Uni nichts zu suchen; die Universität ist nur für die Wissenschaft da; und deren Durchführung muss die Universität garantieren. Wissenschaftler hätten es im Übrigen satt, in politische Konflikte hineingezogen zu werden.

Da kann man nach den Vorfällen in Hamburg nur staunen. Immerhin hat die Uni Hamburg im Fall Lucke komplett versagt, gerade was das ordnungsgemäße Abhalten einer akademischen Vorlesung betrifft, denn Lucke wollte über "Makroökonomik" lesen und nicht über Politik. Und im Fall Lindner hat die Universität dessen Veranstaltung auf Einladung der Liberalen Hochschulgruppe verboten, analoge Auftritte von Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Kevin Kühnert (SPD, Jusos) erlaubt. Wo bleiben da die Prinzipien von Herrn Lenzen?

Noch viel fragwürdiger als Versagen und Inkonsistenz der Universität Hamburg ist aber das Weltbild ihres Präsidenten. In einer Zeit, in der wichtige Diskurse über die Zukunft unserer Gesellschaft anliegen, will Dieter Lenzen und seine Universität damit nichts zu tun haben – völlig egal, was die Hochschulgruppen verschiedener politischer und konfessioneller Richtungen an Diskussionsfreude über genau diese Fragen an den Tag legen. Das ist an Ignoranz nicht zu überbieten.

Und an Realitätsferne: Wo genau beginnt und wo endet "Politisches" – in Abgrenzung zum Akademischen? Ist der Vortrag eines in der SPD engagierten Soziologen zur Spaltung der Gesellschaft auf Einladung der Juso-Hochschulgruppe schon politisch oder wissenschaftlich? Wie sieht es bei einem Referat eines bei den Grünen engagierten Greenpeace-Funktionärs auf Einladung grün engagierter Studierenden aus? Und wie bei einem Volkswirten der Freien Demokraten, der auf Einladung der Liberalen Hochschulgruppe über Freihandel und Globalisierung spricht?

Mit Verlaub: Die Strategie von Dieter Lenzen läuft – jenseits der reinen akademischen Pflicht – auf die intellektuelle Verarmung der Universität hinaus, jedenfalls wenn all dies konsequent verboten wird. Wenn aber nicht, endet es in purer Willkür und verlogener Camouflage der Inhalte. Auf diese Art wird systematisch das Interesse unserer akademischen Jugend an zentralen Fragen der Gesellschaft erstickt. Es ist ein Rezept zum Weg in die Unmündigkeit – und nicht das Verwirklichen von Humboldtschen Idealen, wie Dieter Lenzen auch noch behauptet.

Dabei ist es doch überhaupt kein Problem, pragmatische Lösungen zu finden: keine Veranstaltungen der Hochschulgruppen in den Wochen unmittelbar vor Wahlen; und generell keine "Wahlkampfauftritte" zu welchem Zeitpunkt auch immer. Aber: ein herzliches Willkommen zu Beiträgen aus allen politischen Denkrichtungen zur Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit der Gesellschaft, in der wir leben. Natürlich nur auf Einladung akkreditierter Hochschulgruppen und nicht zu Lasten von Räumen, die für die akademische Pflicht reserviert sind. Aber darüber hinaus offene Diskussion. Lasst uns doch zuhören, reden und streiten! Wer dazu keine Lust hat, der muss ja nicht hingehen. Artikel 5 garantiert die Meinungsfreiheit, zwingt aber niemanden, eine Meinung zu äußern.